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Aachen: „Es mangelt noch an Standortmarketing”

Aachen : „Es mangelt noch an Standortmarketing”

Zum neuen Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Aachen hat die Vollversammlung am Montag den Heinsberger Unternehmer Bert Wirtz gewählt. Er löst Michael Wirtz ab, der dieses Amt fast elf Jahre innehatte. Michael Wirtz wurde zum Ehrenpräsidenten der Kammer ernannt.

„Ich will die erfolgreiche Arbeit meiner Vorgänger fortsetzen und insbesondere die Standortbedingungen für die Unternehmen verbessern”, kündigte Bert Wirtz unmittelbar nach seiner Wahl an.

Die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben, die zum Präsidentenwechsel nach Aachen gekommen war, sparte nicht mit Lob für Michael Wirtz und die gesamte Region. Internationalität und Standorttreue machte sie bei Wirtz aus - diese Kennzeichen seien typisch für viele Familienunternehmen in Nordrhein-Westfalen. Internationalität sei aber auch ein Kennzeichen für das Dreiländereck. „Hier ist das frühe Europa im Kleinen entstanden”, erklärte die Ministerin, die in der Region Aachen eine der Keimzellen für die Innovationsfähigkeit des Landes sieht. Auch für den künftigen Lebensweg des Ehrenpräsidenten wagte sie eine Prognose: „Wer Ehrenämter in Wirtschaft und Gesellschaft übernommen hat, hört nicht einfach auf, wenn er ein Amt aufgibt.”

In einem Gespräch mit unserem Redakteur Ulrich Kölsch zieht Michael Wirtz eine Bilanz.

Elf Jahre standen Sie an der Spitze der IHK. Wie hat die Region sich in dieser Zeit verändert?

Wirtz: Die Region ist eindeutig internationaler geworden. Unsere Unternehmen sind erfolgreich auf den Märkten der Welt präsent. Die Exportquote stieg von 33,4 auf 42,9 Prozent. Auch die Institutionen haben sich internationaler aufgestellt. Die euregionale Ausrichtung, eine Kernforderung unserer Strategie „Die Region Aachen 2015”, ist heute zentraler Bestandteil des regionalen Entwicklungskonzeptes der Region. Denken Sie nur an die StädteRegion Aachen und deren Zusammenarbeit mit der Parkstad Limburg oder die EuRegionale 2008. Die Region Aachen ist enger zusammengerückt. Das Verhältnis der Teilregionen untereinander ist sehr gut. Mit der StädteRegion haben Stadt und Kreis Aachen große Gestaltungskraft gezeigt. Das Geschäft ist nach Abschaffung der Doppelspitze auf der kommunalen Ebene aber deutlich politischer geworden. Das macht die langfristige strategische Arbeit manchmal schwieriger, weil Sachfragen politisiert werden. Dieser Lernprozess wird sicher noch einige Jahre andauern.

Wo konnten Sie Akzente setzen?

Wirtz: Sicherlich im wichtigen Bereich der Verkehrsinfrastruktur. Gemeinsam mit vielen Partnern der Region haben wir uns für eine Verbesserung der Verkehrserschließung eingesetzt. Die A 4 und die A 1 standen dabei im Focus. Besonders Staatssekretär Achim Großmann hat die Region viel zu verdanken. Ansonsten sehe ich drei zentrale Bereiche:

1. Existenzgründung: In der GründerRegion Aachen haben wir vor neun Jahren alle Aktivitäten in diesem wichtigen Feld gebündelt. Das hat in Deutschland immer noch Vorbildcharakter.

2. Bildung: Wir haben im Ausbildungskonsens große Anstrengungen zur Schaffung von Ausbildungsplätzen unternommen. Die Zahl der Lehrstellen hat im vergangenen Jahr einen Rekordwert nach der Wiedervereinigung erreicht. Und in diesem Jahr hält der positive Trend an. Die Kooperation zwischen Unternehmen und Schulen war und ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich bin stolz darauf, dass im Rahmen der KURS-Initiative zwischenzeitlich 80 Kooperationen bestehen. So erhalten junge Menschen gute Einblicke in die Berufswelt.

3. Technologie und Internationalität: Wir haben die Zusammenarbeit mit den Forschungseinrichtungen als wichtigste Standortfaktoren unseres Raumes intensiviert. Alle unsere Kooperationsverträge, die den Firmen den Zugang zu den Hochschulen garantieren, wurden überarbeitet - so zuletzt in der vergangenen Woche unsere Vereinbarung mit dem Forschungszentrum Jülich. Mit der International Clause haben wir die Provinz Limburg in das Abkommen IHK/RWTH integriert.

Was bedeutet das konkret?

Wirtz: Damit ist jetzt die RWTH auch für die Firmen aus Limburg geöffnet. Jetzt müssen verstärkt niederländische Studenten für eine Ausbildung an der Hochschule geworben werden. Unsere Zusammenarbeit mit der Kamer van Koophandel Limburg hat zwar noch nicht zu gewünschten Fusion geführt. Unser gemeinsames Büro im World Trade Center Heerlen Aachen im grenzüberschreitenden Gewerbegebiet Avantis ist aber nach wie vor zentrale Anlaufstelle für Unternehmen, wenn es um grenzüberschreitende Zusammenarbeit geht.

Wo liegen in der Region die großen Baustellen für die Zukunft?

Wirtz: Lassen Sie mich mit einem Bild aus der Automobilwelt antworten: Es gelingt uns immer noch nicht, die Kraft auf die Straße zu bringen. Unsere Standortvoraussetzungen sind hervorragend: Wir liegen im Zentrum der europäischen Kaufkraft, wir haben die Eliteuniversität des Landes NRW, wir haben eine gute Verkehrsinfrastruktur. Es mangelt noch an Standortmarketing für unseren Raum. Da muss dringend etwas geschehen. Die Region Aachen muss sich unter einer gemeinsamen Dachmarke nach außen präsentieren. Wir müssen dafür sorgen, dass der Wirtschaftsraum in der Geschlossenheit erhalten bleibt und sich in Abstimmung mit den Partnern in der Euregio positioniert. Das erwarten auch die Firmen der Region. Sicherlich müssen wir auch Antworten auf die großen Fragen der sicheren Versorgung mit preiswerter Energie finden.

Bei öffentlichen Ämtern halten viele Unternehmer häufig zurück. Sie nicht. Wie konnten Sie den Kammer-Vorsitz mit Ihrer Tätigkeit als Chef des Pharmaherstellers Grünenthal verbinden?

Wirtz: Ich habe die Arbeit für die Region an der Sitze der Industrie- und Handelskammer als enorme Bereicherung empfunden. Besonders die intensive Einbindung in Netzwerke auf verschiedensten Ebenen hat für mich viele neue Erfahrungen gebracht, die in meinen unternehmerischen Alltag eingeflossen sind. Ich konnte viele Verbindungen knüpfen, von denen beide Seiten profitiert haben. Ich sehe ehrenamtliche Arbeit auch als Teilbestandteil des Unternehmertums. Uns Familienunternehmer sehe ich dabei in einer besonderen Pflicht.

Werden Sie den Ruhestand genießen oder wird es ein „Unruhestand”?

Wirtz: Ich bin und bleibe Unternehmer mit ganzem Herzen. Daneben habe ich zahlreiche Ehrenämter, die ich wahrnehmen werde. Insbesondere wollen meine Frau und ich viel Zeit mit unseren Enkelkindern verbringen.