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Stolberg/Bonn: „Equal Pay Day“: Gleiche Arbeit, gleiches Geld? Schön wär‘s.

Stolberg/Bonn : „Equal Pay Day“: Gleiche Arbeit, gleiches Geld? Schön wär‘s.

Frauenforschung? Da gibt sie nicht auf, lässt sich auch von Rückschritten, wie sie in den letzten fünf Jahren zu beobachten waren, nicht aufhalten. „Antifeministische Strömungen kommen eindeutig aus der rechten politischen Ecke, aber gleichfalls aus radikalen evangelischen und katholischen Kreisen“, sagt Barbara Stiegler. „Dort leugnet man Geschlechtergleichheit und Frauenrechte.“

Für die engagierte Psychologin und Pädagogin, Jahrgang 1948, ist das ein zusätzlicher Ansporn, weiterzumachen, zu beraten und zu informieren. Zum „Equal Pay Day“, der 2008 erstmals auf Initiative des Frauen-Netzwerkes „Business and Professional Women“ (BPW) in Deutschland stattfand und seitdem den Entgeltunterschied bei Frauen und Männern anprangert, hat das Familienbüro Stolberg, Rathausstraße 61, die Wissenschaftlerin am Samstag, 18. März, 10.30 Uhr, zum offenen „Frauenfrühstück“ eingeladen, bei dem Frauenbeauftragte Susanne Goldmann die Frage stellt, warum Frauenarbeit weniger wert sein soll als Männerarbeit.

Der Lohnabstand zwischen Frauen und Männern beträgt nach Angaben der EU in Estland 26,9 Prozent, in Tschechien 22,5 Prozent und Deutschland 22 Prozent. Der Frauenanteil unter Führungskräften lag in Deutschland 2016 mit 29 Prozent unter dem EU-Schnitt von 33 Prozent. „Und dann haben wir es oft sogar noch mit den sogenannten bereinigten Zahlen zu tun, wo Umstände wie Branchen oder Teilzeit ausgeblendet werden und angeblich nur vier Prozent übrigbleiben, das ist ein Skandal“, betont Barbara Stiegler.

„Fehlende Motivation“

Lohndiskriminierung sieht sie im Westen und Osten Deutschlands verbunden mit traditionellen Familienmodellen. Da werde es gesellschaftlich selbst Männern, die Kindererziehungszeit tatsächlich in Anspruch nehmen wollen, schwergemacht, diese Pläne durchzuhalten. „Man unterstellt Arbeitnehmern, die das tun, gar nicht selten fehlende Motivation für den Beruf“, weiß die Psychologin. „Von Frauen wird die Entscheidung jedoch selbstverständlich erwartet.“

Frauenforschung ist für Barbara Stiegler eng mit politischen Fragestellungen verbunden, mit der Pflicht, darüber aufzuklären, wo das Gleichgewicht nicht stimmt. Sie selbst hat als Mutter von drei Kindern erlebt, was es bedeutet, Haushalt und berufliche Ambitionen zu vereinen. „Ich hatte es gut, ich habe genug verdient, mein Mann auch, wir konnten es uns leisten, Hilfskräfte einzustellen. Davon abgesehen: Mein Mann war Politiker, er hätte sicherlich keine Elternzeit genommen“, sagt sie sehr offen. „Für Frauen, die das nicht finanzieren können, ist es sehr schwer.“

Schuld an den schwierigen Bedingungen sei zudem ein familienbasiertes Pflegesystem, das es umzukehren gelte. „Was wie diese Care-Arbeit in professionelle Hände gehört, ist meiner Meinung nach keine Familienarbeit“, sagt sie. „Ich sehe da eine große Ungerechtigkeit.“ In Statistiken ist die Rede davon, dass Frauen in Familien durchschnittlich acht Jahre Pflegearbeit leisten — und mehr. Es gebe noch eine weitere Folge dieser unbezahlten Arbeit: „Die professionellen Kräfte werden unterbewertet, nach der Devise: Wenn das jeder kann . . .“ Wichtig sei ein neuer Blick auf Care-Arbeit.

Weiterhin ergibt sich, dass zwei Drittel der Frauen und ein Drittel der Männer in Deutschland sogar unbezahlte Arbeit leisten. Was versteht man darunter? „Es geht um Hausarbeit wie das Mähen des Rasens, das Putzen und Spülen“, beschreibt es Stiegler. Doch die Kinderbetreuung müsse man gleichfalls neben der Pflege von Angehörigen dazuzählen. Da in diesen Zeiten, in denen hart gearbeitet wird, keine oder nur bedingt Rentenansprüche erworben werden, beträgt der Unterschied bei den Renten zwischen Männern und Frauen bis zu 60 Prozent. Stiegler: „Da offenbart sich das Dilemma der unbezahlten Arbeit im Lebensverlauf.“ Pflegende Männer? „Sie pflegen erst dann, wenn ihre Erwerbsphase abgeschlossen ist, bei Frauen ist das anders.“

17 Euro mehr die Stunde

In diesem Zusammenhang verweist Barbara Stiegler auf das große „Comparable Worth“-Projekt der Hans-Böckler-Stiftung in Duisburg, bei dem es darum geht erstmals statistisch zu ermitteln, inwieweit derzeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt ungleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit („work of comparable worth“) gezahlt wird und inwiefern für Frauen dadurch Einkommensnachteile entstehen. „Rein rechtlich muss nicht nur für die gleiche Arbeit, sondern auch für gleichwertige Arbeit in deutschen Betrieben beziehungsweise im Geltungsbereich eines Tarifvertrags ein gleiches Entgelt gezahlt werden“, heißt es dort. „Eines der Ergebnisse besteht darin, dass Führungskräfte in der IT-Branche dieselben Anforderungen und Belastungen wie Führungskräfte in der Altenpflege haben — aber 17 Euro mehr in der Stunde“, sagt Stiegler.

Sie verweist auf den von Sarah Lillemeier vorgestellten „Comparable Worth“-Index, einen neu entwickelten Maßstab, mit dem inhaltlich unterschiedliche Berufe geschlechtsneutral hinsichtlich ihrer Arbeitsanforderungen und Belastungen verglichen werden können. Angesichts dieser Forschungen und Ergebnisse sei der „Equal Pay Day“, der seinen Ursprung in den USA hat und dort 1966 durch das „National Committee on Pay Equity“ (NCPE) ins Leben gerufen wurde, immer noch extrem wichtig.

Für fünf Millionen Menschen stelle zum Beispiel der Minijob die einzige Erwerbstätigkeit dar, unter ihnen sind drei von vier Kräften weiblich. Zusätzlich sind geringfügig Beschäftigte mehr als viermal so häufig von Niedriglöhnen betroffen wie der Durchschnitt aller Arbeitnehmer.

Was tun Politikerinnen?

Es habe zwar eine Aufwertung von Frauenberufen stattgefunden — aber keine tariflichen Neubewertungen. Fest steht die Tatsache, dass es bei der Altersarmut weiterhin einen hohen Frauenanteil gibt. Sind nach der Erfahrung der Frauenforscherin Politikerinnen eher an Themen, die Frauen nützen, interessiert als ihre männlichen Kollegen? „Nein, man kann aufgrund eines Geschlechts keine politischen Schwerpunkte pflegen“, betont Barbara Stiegler. „Aber es gibt ein paar Themen, bei denen Frauen gemeinsam in Bündnissen gehandelt haben. Das ist bemerkenswert.“ Stichwort Frauenquote: Sie sei weiterhin ein notwendiges Instrument gegen Diskriminierung und damit „geschlechterspezifisch überhaupt etwas vorangeht“.