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Berlin/Aachen: Entdeckerin der Gen-Schere erhält den Aachener Ingenieurpreis

Berlin/Aachen : Entdeckerin der Gen-Schere erhält den Aachener Ingenieurpreis

Die Liste der Auszeichnungen, die Emmanuelle Charpentier bereits verliehen wurden, liest sich wie die Lebensleistung einer betagten Persönlichkeit: Mehrere Ehrendoktorwürden, bedeutende Wissenschaftspreise und zahlreiche Forschungsmedaillen. Dabei ist die Französin mit den dunklen Locken erst 49 Jahre alt. Doch schon jetzt hat sie mit der von ihr mitentwickelten Gen-Schere Crispr-Cas9 für viel Aufsehen gesorgt.

Nun wird die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin mit dem Aachener Ingenieurpreis ausgezeichnet — als Mikrobiologin. „Wir sind gewissermaßen Genom-Ingenieure, das kann man schon so sagen“, sagt sie. „Es macht mich sehr zufrieden zu sehen, dass unsere Entdeckung, die aus absoluter Grundlagenforschung resultierte, jetzt als Motor für ingenieurwissenschaftliche Innovationen gewürdigt wird.” Crispr-Cas9 sei ohne ein tiefes Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen nicht möglich gewesen, erklärt Charpentier.

HIV und Krebs heilen

Mittlerweile arbeiten Wissenschaftler auf der ganzen Welt mit der von ihr entwickelten Technologie, mit der sich gezielt Gene in Organismen einfügen, entfernen oder ausschalten lassen. Für viele ist es die bahnbrechendste wissenschaftliche Entdeckung der vergangenen Jahre.

„Ich bin wirklich verblüfft, mit welcher Geschwindigkeit sich die Crispr-Forschung entwickelt hat, und das in gerade einmal sechs Jahren“, sagt auch Charpentier selbst. Mediziner hoffen, mithilfe der Methode bald HIV-Infektionen heilen zu können, auch Krebs und Erbkrankheiten wie die Sichelzellenanämie könnten der Vergangenheit angehören. Genetiker entwickeln damit bereits Pflanzen mit Eigenschaften, die sie widerstandsfähig machen gegen Dürre und Schädlinge. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir schon bald in vielen Bereichen bemerkenswerte Fortschritte sehen werden“, ist sich Charpentier sicher.

Emmanuelle Charpentiers kometenhafter Aufstieg begann im August 2012 mit einem Fachartikel, den sie zusammen mit der amerikanischen Forscherin Jennifer Doudna im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlichte. Der Inhalt: Der Verteidigungsmechanismus des Streptokokkenbakteriums — ein Bakterium, das beim Menschen eine eitrige Mandelentzündung verursacht — lässt sich nachbauen und sein Sucher auf beliebige Ziele einstellen. Defekte DNA kann damit korrigiert werden wie vertippte Buchstaben in einem Textdokument. Tausende Fachartikel mit dem Akronym Crispr (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) im Titel sind seither erschienen und die Erfolgsmeldungen reißen nicht ab.

Manche handeln die ehrgeizige Forscherin und Mit-Erfinderin Doudna bereits als künftige Nobelpreisträgerinnen. Das Magazin „Time“ setzte sie im Jahr 2015 gar auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten. Andere aber fürchten sich vor den Möglichkeiten dieses genetischen Werkzeugkastens, sehen es als neue „Atombombe“. „Ja, es ist eine mächtige Technologie, die auch Risiken birgt“, gibt Charpentier zu. „Die Nutzung in menschlichen Keimbahnen ist ethisch höchst problematisch.“ Es brauche dringend mehr Diskussionen und internationale Regulatorien über die potenziellen Risiken von Crispr-Cas9. Als Wissenschaftlerin trage sie auch Mitverantwortung dafür, dass mit angemessener Vorsicht vorgegangen und jede Nutzung der Technologie, die ethisch fragwürdig ist, verboten werde.

Dass der Europäische Gerichtshof vor kurzem entschieden hat, dass auch mit Crispr-Cas9 veränderte Lebewesen unter die alte EU-Richtlinie zu genetisch veränderten Organismen (GVO) fallen und entsprechende Zulassungsverfahren durchlaufen und gekennzeichnet werden müssen, hält sie für eine verpasste Chance. „Crispr-Cas9 ist viel präziser als zuvor genutzte Techniken und kann auf sehr sichere Weise angewendet werden. Auch ist es viel schneller als herkömmliche Züchtungsmethoden. In Anbetracht des Klimawandels und einer schnell wachsenden Bevölkerung ist die Technologie ein wertvoller Vorteil.“