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Alsdorf/Würselen: Eine Fusion mit Fingerspitzengefühl

Alsdorf/Würselen : Eine Fusion mit Fingerspitzengefühl

Ein Fest wird es nicht geben, wenn der Schriftzug ausgetauscht wird. Dazu besteht auch kein Anlass. Schließlich wird damit für alle sichtbar der Schlussstrich gezogen unter eine Geschichte, die 1894 mit dem Höngener Spar- und Darlehnskassenverein begann und die nun damit zu Ende geht, dass die Spar- und Darlehnskasse Hoengen eG in der VR-Bank Region Aachen eG aufgeht.

Die 15 Mitarbeiter bekommen einen neuen Arbeitgeber, die Kunden werden sich an eine neue Iban, neue EC-Karten und einen neuen Briefkopf gewöhnen müssen. Klingt banal, tatsächlich steckt aber mehr dahinter: die Auswirkungen großer Finanzpolitik im Kleinen. Und vielleicht sogar ein Stück Identität, das wegbricht.

Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, wofür das Kürzel eG steht: für „eingetragene Genossenschaft“. Sowohl die Spar- und Darlehnskasse Hoengen als auch die VR-Bank gehören zu den Genossenschaftsbanken. Das Prinzip geht auf Ideen zurück, die Sozialreformer wie Friedrich Wilhelm Raiffeisen Mitte des 19. Jahrhunderts formulierten. Zweck der Häuser sollte die Kapitalansammlung für und die Kreditvergabe an die „kleinen Leute“ sein. Die sollten nicht nur Kunden, sondern auch Mitglieder, Mitbestimmer, Mitbesitzer sein können.

Gut 80 Prozent stimmen zu

Von den aktuell über 30 Millionen Kunden der bundesweit 915 Genossenschaftsbanken sind dies 18,5 Millionen. Sie profitieren von einer Dividende, die vom Geschäftserfolg abhängig ist. Man sollte annehmen, dass daraus ein besonderes Verhältnis zwischen Bank und dem Teil der Kunden, die zugleich Eigentümer sind, resultiert. Aus diesem Grund hatten die Vorstände der Spadaka Hoengen, Björn Römkens und Dietmar Müller, die knapp 1900 Mitglieder zur Generalversammlung am 17. Mai, bei der die Fusion abgesegnet werden sollte, nicht wie üblich in eine Gaststätte, sondern in die Mehrzweckhalle des Alsdorfer Stadtteils eingeladen. Wie sich herausstellen sollte, war das nicht nötig. Die, die gekommen waren, stimmten zu gut 80 Prozent für die Fusion. Ob man ein „nur“ oder ein „immerhin“ davor stellt, hängt vom Standpunkt ab.

Dass diese Abstimmung notwendig wurde, hängt mit den Folgen der Bankenkrise, der Zinspolitik der EZB, der Digitalisierung und ein paar anderen Faktoren zusammen. Und damit, dass Genossenschaftsbanken im Prinzip zu einer großen Familie gehören. Man kennt sich, redet miteinander, steht aber auch in Konkurrenz. Es gilt: Häuser, die in Schwierigkeiten geraten, gehen nicht den Bach runter, sondern fusionieren sie mit einer anderen Genossenschaftsbank. Dass dies vor allem kleinere Häuser trifft, ist kein Zufall — in unserer Region zuletzt die Raiffeisenbank Aldenhoven (fusioniert mit der Aachener Bank) oder die VR-Bank Rur-Wurm (fusioniert mit der Raiffeisenbank Erkelenz).

Die Gründe dafür, dass Banken in Schwierigkeiten geraten, sind bekannt. Kleine wie große Häuser stöhnen über den Aufwand, den sie betreiben müssen, um die regulatorischen Auflagen der Bankenaufsicht erfüllen zu können. Kleine Häuser wie die Spadaka können das kaum stemmen. Outsourcen kostet aber auch Geld.

Sie stöhnen über die anhaltend niedrigen Zinsen. Lange haben sie gut daran verdient, für Kredite mehr Geld zu kassieren, als sie ihren Kunden an Zinsen fürs Sparen zahlten. Die Differenz zwischen beiden Positionen, der Zinsüberschuss, wird tendenziell kleiner, weil die EZB den Leitzins seit langem auf null Prozent hält.

Stöhnen über die Folgen der Digitalisierung

Sie stöhnen über die Folgen der Digitalisierung. Immer weniger Kunden besuchen die Filialen; ein dichtes Netz, auf das Sparkassen und Genossenschaftsbanken traditionell setzen, wird zunehmend zum Kostenfaktor. Eine Gratwanderung, denn diese Institute leben von ihrer Verwurzelung in der Region. Doch Kundennähe definiert sich heute anders als noch vor ein paar Jahren. Notwendig sei eine „Balance zwischen Nähe im digitalen Zeitalter und der vor Ort gelebten Regionalität“, sagt der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) — ohne jedoch zu erklären, wie das funktionieren soll. Das spürt auch die Spadaka, auch wenn sie zuletzt nur noch einen Standort hatte, nämlich den an der Jülicher Straße in Hoengen, wo sie seit 1955 sitzt. Die Filiale in Warden wurde 2011 geschlossen. Das gleiche Schicksal ereilte die Filiale in Mariadorf vier Jahre später.

Gute Gründe also dafür, mal grundsätzlich über die Zukunft nachzudenken. Römkens, der als Auszubildender bei der Spadaka begonnen hat, und Müller haben das gemeinsam mit ihrem Aufsichtsrat getan. Ein „schleichender Prozess“ sei das gewesen, sagen sie. Beide sind seit Mitte 2012 bzw. Anfang 2013 in verantwortlicher Position dabei; über Entscheidungen aus der Zeit davor und eventuell daraus resultierende Probleme reden sie nicht gerne. Die Bank hat aber — wie viele andere — schwierige Zeiten durchgemacht; das bekamen auch die Mitglieder zu spüren. Dividenden von über sechs Prozent, wie sie früher üblich waren, gibt es nicht mehr; zuletzt waren es 3,5 Prozent. Der Rest des Jahresüberschusses von 51.000 Euro floss in die Stärkung des Eigenkapitals.

Irgendwann war klar: Die Ertragslage bleibt angespannt, auch wenn sich die einzelnen Kennzahlen zuletzt etwas verbessert haben. Noch im April 2015 hatten Römkens und Müller gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärt (in einem Artikel, der die Probleme kleiner Häuser am Beispiel der Spadaka analysierte), ihr Ziel sei es „in jedem Fall, als eigenständige Bank zu überleben“. In den Jahren danach mussten sie aber erkennen, dass dies nicht die beste Option ist.

In der Zentrale der VR-Bank Region Aachen in Würselen traf diese Erkenntnis auf offene Ohren. Dort wickeln die Vorstände P. Horst Call und Siegfried Braun, der Generalbevollmächtigte Christof Klein und Frank Lüder, Bereichsleiter für das Vertriebsmanagement, die Fusion federführend ab. Erste Gespräche gab es im Sommer 2017; die Hoengener traten an die Würselener heran. Die Chemie zwischen den Häusern, die sich als „bodenständig und konservativ“ beschreiben, stimmte, die Zahlen auch („In Hoengen gibt es viel Potenzial“, sagt Klein). So nahmen die Dinge ihren Lauf. Es gab eine Absichtserklärung; im Herbst wurden Mitarbeiter und schließlich Öffentlichkeit informiert.

Aus buchungstechnischen Gründen gilt die Fusion rückwirkend zum 1. Januar 2018. Formal vollzogen wird sie mit dem Eintrag ins Genossenschaftsregister bei Gericht. Nach der Angleichung der Systeme zählt ab Montag, 16. Juli, die Iban der VR-Bank; die alte der Spadaka Hoengen gilt allerdings parallel noch für eine Übergangszeit.

Die Würselener Bank weitet mit der Fusion ihr Geschäftsfeld aus und verhindert, dass ein Konkurrent den Platz besetzt. Ihre Bilanzsumme erhöht sich auf dann 1,4 Milliarden Euro, die Zahl der Mitarbeiter auf 293, die Zahl der Mitglieder auf rund 32.000. Das Haus in Hoengen wird als 27. Geschäftsstelle weitergeführt. Die Kunden sollen dort auf ihre bekannten Ansprechpartner treffen; nur Mitarbeiter im Hintergrund wechseln in die Zentrale. Die Stimmung unter den Mitarbeitern der Spadaka sei „positiv“, sagen Römkens und Müller; die Gewissheit darüber, dass und wie es weitergeht, hat die Nerven beruhigt. Gekündigt wird niemandem; auch die Vorstände bleiben dabei, wenn auch in anderen Positionen.

Gutachten, Konzepte, Verträge

Wenn zwei Häuser dieser Größenordnung fusionieren, dann müssen sie formal die gleichen Anforderungen erfüllen wie die Branchenriesen Commerzbank und Dresdner Bank. Der praktische Aufwand ist selbstverständlich kleiner. Konkret mussten 785 Produkte und rund 2000 Preispositionen abgeglichen werden. Gutachten, Konzepte und Verträge mussten bei der Bundesbank, bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und beim Genossenschaftsverband zur Prüfung und Genehmigung eingereicht werden.

Demnächst werden dann auch die Kunden ausführlich über die Details der Fusion informiert. Der Übergang soll aber gleitend und geräuschlos vonstattengehen — „mit Fingerspitzengefühl“, wie es VR-Bank-Vorstand Braun formuliert. Von einem „partnerschaftlichen Umgang“ ist die Rede. Man wisse sehr genau, dass der Zusammenhalt unter den Gesellschaftern bei kleineren Genossenschaftsbanken sehr groß sei. Man darf also davon ausgehen, dass in den Vorgesprächen zur Fusion einige dicke Bretter gebohrt werden mussten. So viele, dass die Mehrzweckhalle Hoengen notwendig geworden wäre, waren es dann aber wohl doch nicht.