Aachen: Ehemaliger Chef der GDL kritisiert seinen Nachfolger

Aachen: Ehemaliger Chef der GDL kritisiert seinen Nachfolger

Er gehörte zu den gefürchtetsten Gewerkschaftern im Land. 20 Jahre lang war der Aachener Manfred Schell (72) Chef der Lokführergewerkschaft GDL. Monatelang führte er 2007 und 2008 knallharte Tarifverhandlungen mit Bahnchef Hartmut Mehdorn, den er im Eifer des Gefechts gern einmal als „Rumpelstilzchen“ bezeichnete. Schells Nachfolger Claus Weselsky ist sein größter Widersacher.

Erst im November kritisierte Schell, Weselsky stelle sich in den Verhandlungen mit der Bahn hin, als wolle er zum „heiligen Krieg“ aufrufen. Weselsky drohte seinem Vorgänger daraufhin mit Rauswurf aus der Gewerkschaft. Wir sprachen mit Schell über den Arbeitskampf.

Herr Schell, auch Sie haben 2007/2008 erst nach zehn Monaten einen eigenständigen Tarifvertrag für die Lokführer erkämpft. Wie empfinden Sie den aktuellen Streik der GDL?

Schell: Der GDL dürfte spätestens nach der Pressekonferenz von Bahnchef Rüdiger Grube heute klar geworden sein, dass es mit der Deutschen Bahn keine konkurrierenden Tarifverträge geben wird. Doch die GDL beruft sich weiter auf ihr im Grundgesetz verbrieftes und höchst richterlich bestätigtes Recht, nicht nur für die Lokführer, sondern auch für die anderen fünf Berufsgruppen bei der Deutschen Bahn einen Tarifvertrag abschließen zu dürfen.

Ähneln sich die Streiks damals und heute?

Schell: Die Ausgangslage war eine andere. Die Bahn hat es damals über Monate strikt abgelehnt, über einen eigenständigen Tarifvertrag für die Lokführer zu verhandeln. Schließlich hatten wir zwei Mediatoren — der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler auf Seite der GLD und Sachsens Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf für die Bahn. Diese beiden legten den Grundstein dafür, dass ich in einem Dreier-Gespräch mit dem damaligen Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee und Bahnchef Hartmut Mehdorn einen Tarifvertrag für die Lokführer aushandeln konnte. Heute stehen sich zwei völlig unnachgiebige Seiten gegenüber. Wenn man in Tarifverhandlungen geht, weiß man, dass nie exakt das herauskommt, was man fordert. Man muss die Bereitschaft zu einem Kompromiss haben. Doch GDL-Chef Claus Weselsky wird bei seiner Linie bleiben.

Woran machen Sie das fest?

Schell: Das hat er mit seiner Rede in Köln noch mal bekräftigt. Die Schuldigen sucht er stets woanders. Die Presse sei schuld, weil sie gegen die GDL Stimmung mache. Die Bahn sei schuld, weil sie auf Zeit spiele. Und die Regierung sei schuld, weil sie im Sommer das Tarifeinheitsgesetz verabschieden wolle. Doch Schuldzuweisungen helfen in dieser Situation nicht.

Was halten Sie von Grubes Vorschlag, Matthias Platzeck als Vermittler einzuschalten?

Schell: Das ist ein völlig neuer Vorschlag, der nichts kostet. Platzeck soll ja nicht einmal als Vermittler fungieren. Er soll nur an den Verhandlungen teilnehmen und sie dokumentieren. Damit sich Bahn und GDL nachher nicht wieder gegenseitig der Lüge bezichtigen können. Weselsky sollte dieses Angebot annehmen.

Was bedeutet dieser Streik in letzter Konsequenz für die GDL?

Schell: Die GDL gibt es seit 148 Jahren. Aber durch diesen Arbeitskampf wird sie großen Schaden nehmen. Weselsky zeigt mit seinem starren Verhalten, dass er eigentlich keine Hoffnung hat, seine Forderungen durchzusetzen. Trotzdem bleibt er unnachgiebig. So kann dieser Arbeitskampf auf absehbare Zeit kein Ende finden.

Welche Rolle spielt die konkurrierende und ungleich größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG?

Schell: Sie kann sich diesen Arbeitskampf in aller Gelassenheit anschauen und sich fragen, ob sie mit einem möglichen Ergebnis leben kann. Wir dürfen ihre Macht nicht vergessen. Wenn die EVG beschließt, morgen um 6 Uhr die Stellwerke dicht zu machen, dann steht ganz Deutschland wirklich still.

Wären die Verhandlungen ohne Weselsky einfacher?

Schell: Wenn ich zurückdenke, dann muss ich sagen, dass meine Gespräche mit Mehdorn von ganz anderer Qualität waren. Wir konnten auch nach harten Verhandlungen immer noch ein Glas Wein miteinander trinken, auch wenn ich ihn öffentlich einmal „Rumpelstilzchen“ genannt habe. Es war immer auch Spaß dabei. Das sehe ich jetzt gar nicht. Da wird seit zehn Monaten in unterschiedlichen Ecken verharrt, ohne einen Schritt weiterzukommen.

Wie wird es denn weitergehen?

Schell: Das ist die Frage aller Fragen. Die GDL wird sich nicht durchsetzen. Weselsky hätte den Vorschlag des Deutschen Beamtenbundes annehmen sollen, eine Schlichtung durchzuführen. Das wäre ein Schritt nach vorn gewesen. Er hätte das Ergebnis einer Schlichtung ja nicht annehmen müssen. Er hätte es aber mit seinem Vorstand besprechen und seinen Mitgliedern später erklären können, warum nicht alle Forderungen durchzusetzen sind. Und dass er aber alles versucht habe.

So hätte Weselsky sein Gesicht wahren können.

Schell: Ja, aber Claus Weselsky will keinen Konsens. Er will alles oder nichts.