Verzögerte Auslieferung: e.Go muss Produktionsprobleme einräumen

Verzögerte Auslieferung : e.Go muss Produktionsprobleme einräumen

Bereits vor einem Jahr musste e.Go-Geschäftsführer Günther Schuh Kunden vertrösten, die einen e.Go Life bestellt hatten. Jetzt muss das Unternehmen erneut Produktionsprobleme einräumen. Die Schuld dafür sieht Schuh bei den Zulieferern.

Mit Verschiebungen kennt sich Günther Schuh inzwischen aus. Schon vor einem Jahr musste er die Kunden, die den e.Go Life bestellt hatten, vertrösten. Jetzt muss der Chef des Aachener Unternehmens erneut Produktionsprobleme einräumen. Im Fachjargon geht es um die „IP 67-Regel für technische Geräte“. Konkret wird so eingefordert, dass technische Geräte auch noch nach einem mindestens 30-minütigem Tauchbad im bis zu einem Meter tiefen Wasser voll funktionsfähig sind.

e.Go hat von seinen Lieferanten solche Auflagen erhalten, die weit über die Vorgaben des Gesetzgebers hinausgehen, die die Straßenzulassung von Fahrzeugen regeln. Die verschärften Regeln der Branche sind ein Reflex auf den Dieselskandal, sie wirken sich jetzt auch auf die Hersteller von Elektrofahrzeugen aus.

Batterielieferant muss nachbessern

In der Testreihe bestand nur eine von fünf Batterien den Test nicht, aber das führt nun zur nächsten Auslieferungsverzögerung, weil der Batteriehersteller BMZ aus Carlstein nachbessern muss. Schuh ist eher unglücklich mit dem Verfahren, er fühlt sich ein bisschen schikaniert. „Mit guten Willen hätten die beiden relevanten Zulieferer uns und BMZ unsere Wartezeit verkürzen können“, sagt er. „Die Branche tut sich doch etwas schwer, mich als kleinen weißen Ritter so ungeschoren durchkommen zu lassen“, sagt der Firmengründer. „Es wird uns nicht leicht gemacht, vielleicht sogar schwerer als den großen Autoherstellern. Man wollte mich nicht auf einem einfachen kulanten Weg durchkommen lassen, sondern hat sich hinter aufgetürmten Regularien versteckt und die Auslieferung verzögert.“

Zehn Fahrzeuge pro Tag

Die Probleme in Aachen sind kein Einzelfall, alle Hersteller von Elektrofahrzeugen seien derzeit deutlich in Verzug. Schuh glaubt da nicht an großflächige Zufälle. Vielleicht soll einer aufstrebenden Branche das Leben besonders erschwert werden.

Erst seit September werden nun auslieferbare Fahrzeuge im e.Go-Werk im Aachener Osten produziert. Ursprünglich war angekündigt, dass bis zum Jahresende mehr als 3000 Elektromobile made in Aachen neue Besitzer finden. Der Plan ist hinfällig, derzeit werden nur etwa zehn Fahrzeuge pro Tag fertiggestellt. 200 im Oktober.

Hat sich mehr Kulanz der Zulieferer erhofft: Günther Schuh, Geschäftsführer von e.Go. Foto: dpa/Roberto Pfeil

Dutzende fertige Autos sind im Werk aufgebockt, warten auf die überarbeitete Batterie. „In diesem Jahr werden wir nur 600 bis 700 Fahrzeuge ausliefern können“, bedauert Schuh. Auch der für 2020 geplante Zweischicht-Betrieb verschiebt sich auf 2021, weil mehrere Lieferanten in Verzug sind. Erst Mitte nächsten Jahres wird die Kamm-Linie, die Kapazitätsobergrenze im Einschichtbetrieb (10.000 Autos im Jahr) im Aachener Werk erreicht.

„Wir haben keine Kunden, sondern Fans“

Wie wirkt sich die Auslieferungsverzögerung auf die Nachfrage aus? Ab- und Neubestellungen halten sich die Waage, sagt der Autochef. „Wir haben eigentlich gar keine Kunden, sondern nur noch Fans, sonst wären sie uns nicht so treu“, so sieht er es. Vor zwei Monaten sind die Verkaufs-Probefahrten angelaufen, die meistens in Bestellungen münden, sagt Schuh. „Wenn ich auf die begeisterten Kunden am Ende ihrer Probefahrt warte, ist das im Moment meine Seelenmassage, bei all den Problemen, die man uns bereitet.“ 

Das Thema Absatz für die kleinen Stadtautos sei kein Problem, meint Schuh: „Wir haben gerade viele Flottenanfragen.“ Auch solche interessierten Kunden müssten erst einmal vertröstet werden, weil zunächst vorliegende Bestellungen abgearbeitet werden müssen.

Die eigene Belegschaft im Werk im Aachener Osten wurde in der Zeit der Unterbeschäftigung weiterqualifiziert. Das Team wurde nicht reduziert, verzichtet wurde vorübergehend auf die Leihkräfte. Schon bis Mai war ein Fehlbetrag durch die fehlenden Vertriebserlöse von etwa 35 Millionen Euro aufgelaufen, der Betrag ist weiter angewachsen. „Durch eine weitere Kapitalisierungsrunde haben wir das kompensieren und eine solide Finanzierung für die Zukunft sicherstellen können“, sagt Schuh. „Das war diesmal richtig schwer, weil Wachstumskapital in den Größenordnungen, in dem wir das jetzt benötigen, nur sehr mühsam erhältlich in Deutschland ist.“

Vor ein paar Monaten war e.Go einer der ersten Anbieter am Markt, aber viele Branchenriesen kümmern sich nun um den Zukunftsmarkt mit – wenn auch nur mit vereinzelten Modellen. Verlieren die Aachener durch die Verzögerung nun ihren zeitlichen Vorsprung?

Günther Schuh teilt solche Bedenken nicht, weil auch die gesamte E-Branche ihre Ankündigungen nicht fristgerecht einhalte. Es gibt aus seiner Sicht noch einen Aspekt: „Wir haben einen Teil unserer Mission schon erreicht, weil sich die übrigen Anbieter bei ihren Preisen für E-Kleinwagen mittlerweile an uns orientieren. Für die Marktentwicklung und die Kunden haben wir mit unserem Auftritt schon etwas erreicht“, sagt er. Das neue Marktsegment könne sich aber nur entwickeln, wenn mehrere Anbieter außer dem Newcomer die Nachfrage ankurbeln.
Nachfrage bleibt überschaubar

Denn bis auf weiteres ist die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen sehr überschaubar. In Deutschland stieg zwar die Zahl ihrer Neuzulassungen im vergangenen Jahr um satte 26 Prozent auf rund 68.000 Fahrzeuge. Der Marktanteil der Elektroautos steigt damit aber auch nur von 1,6 Prozent auf 2,0 Prozent an, trotz finanzieller Anreize der Bundesregierung. Für reine Batterieautos gibt es nach dem Programm je 4000 Euro, für Hybridautos 3000 Euro Zuschuss.

 Immerhin stieg die Nachfrage in den vergangenen Monaten weiter, bestätigt das zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Bis Ende September gab es insgesamt 141.000 Anträge. Tendenz steigend. Nach der Entscheidung der Bundesregierung, die Förderbedingungen weiter zu verbessern, werden im kommenden Jahr 200.000 Neuanträge erwartet.

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