1. Wirtschaft

Luxemburg/Aachen: DocMorris-Chef lässt die Korken knallen

Luxemburg/Aachen : DocMorris-Chef lässt die Korken knallen

Es ist einer dieser seltsamen Fälle, in denen sich alle Beteiligten sehr zufrieden über ein Urteil äußern.

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Luxemburg, wonach Deutschland den rezeptfreien Internet-Versandhandel mit rezeptfreien Medikamenten künftig zulassen muss, weil ein Verbot gegen EU-Recht verstößt, wurde sowohl vom Kläger, dem deutschen Apothekerverband, als auch vom Beklagten, dem im niederländischen Landgraaf ansässigen Internet-Arzneihändler DocMorris, begrüßt. Das Urteil beendet einen seit drei Jahren andauernden Rechtsstreit, der von beiden Seiten mit harten Bandagen ausgefochten wurde (Az.: C-322/01).

Langer Streit beendet

DocMorris-Gründer und -Geschäftsführer Ralf Däinghaus war sogar so von dem Richterspruch entzückt, dass er vor Ort direkt eine Flasche Schampus köpfte. „Endlich besteht rechtliche Sicherheit für alle Krankenkassen, Arzneimittelhersteller und unsere Kunden. Das Urteil hat unsere Position sowohl juristisch als auch wirtschaftlich betoniert”, jubilierte er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Der Apothekerverband feiert das Urteil, weil der EuGH das nationale Verbot des Arzneimittelversandes von rezeptpflichtigen Arzneimitteln als gerechtfertigt bezeichnet. Die Begründung des Gerichtshofs: Die Zulassung einer Ausgabe dieser Arzneimittel nach Erhalt der Verschreibung und ohne weitere Kontrolle erhöhe das Risiko, dass „ärztliche Verschreibungen missbräuchlich oder fehlerhaft verwendet werden”. Damit sei klargestellt, dass DocMorris bislang illegal gehandelt habe, erklärte der Vorsitzende des Apothekerverbands, Hermann S. Keller.

2004 wird alles anders

Doch ab 1. Januar 2004 wird sowieso alles anders. Bundesregierung und Opposition haben sich in ihrem Kompromiss zur Gesundheitsreform darauf geeinigt, den Onlinehandel mit Medikamenten vom 1. Januar 2004 an generell zu erlauben - also auch den von rezeptpflichtigen Arzneien. Das Bundesgesundheitsministerium in Berlin sieht sich voll auf europäischer Linie.

Ilona Klug, Pressesprecherin von Ministerin Ulla Schmidt, betonte am Donnerstag, den Sicherheitsbedenken des EuGH hinsichtlich der rezeptpflichtigen Medikamente trage das neue Gesetz voll und ganz Rechnung. „Wir erlauben den Arzneimittelversand nur unter ganz besonderen und strengen Verbraucherschutzanforderungen”, sagte sie.

Dazu gehören eine ordnungsgemäße Verpackung, eine Empfängeridentifikation sowie eine Kontrolle von Transport und Auslieferung. Letztere muss innerhalb von zwei Tagen erfolgen. Außerdem bereite das Ministerium derzeit eine Verordnung vor, wonach bestimmte Arzneimittelgruppen wie Betäubungsmittel vom Versand ausgeschlossen werden.

Apotheken reagieren

Die Apotheker, die die neue Gesetzgebung als „voreilig” und als ein Zeichen von „Ungeduld” kritisieren, haben jedoch bereits reagiert und bieten ihrerseits selbst einen Bestellservice per Internet an. Sie profitieren dabei von einer Klausel im neuen Gesetz, wonach sie zukünftig die Arznei per Boten direkt ins Haus liefern dürfen. Damit wollen sie auch in puncto Lieferung in direkte Konkurrenz zu DocMorris treten.

Denn der Standort Niederlande hat für das aufstrebende Unternehmen Vor- und Nachteile. Einerseits ist DocMorris damit nicht an deutsches Recht gebunden und kann bislang hochpreisige Arzneien deutlich preiswerter anbieten, da niedrigere Zuzahlungssätze anfallen. Und die Firma kann weiteres Geld sparen, weil sie kein Vollsortiment führen muss und nicht zu Sonntags- und Nachtdiensten verpflichtet ist.

Andererseits darf das Unternehmen keine Medikamente über die Grenze nach Deutschland schicken. Die Kunden müssen die Arzneien also in Landgraaf selbst abholen - oder werden von einem Kurier beliefert, den DocMorris in ihrem Auftrag vermittelt und bezahlt.

„In Bezug auf Qualität und Service bleiben wir in Zukunft unschlagbar”, sagte Elmar Esser, Pressesprecher des Apothekerverbands, gegenüber unserer Zeitung. Auch in puncto Kosten werde sich einiges zu Gunsten der öffentlichen Apotheken verändern: „Die Leistung des Apothekers wird ab 2004 durch Festzuschläge honoriert. Dadurch werden hochpreisige Arzneimittel deutlich billiger, die bisherige Rosinenpickerei des Versandhandels wird verhindert.”

DocMorris sieht das naturgemäß völlig anders und erwartet sogar einen weiter wachsenden Marktanteil.

Wie dieses Hauen und Stechen ausgehen wird, darüber entscheidet allein der Kunde.