1. Wirtschaft

Heerlen/Aachen: Doc-Morris-Chef: Apotheken wird es weiter geben

Heerlen/Aachen : Doc-Morris-Chef: Apotheken wird es weiter geben

Vor kurzem hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) sich hinter ausländische Versand-Apotheken gestellt: Sie dürfen, anders als die Bundesregierung 2013 entschieden hatte, deutschen Kunden Rabatte auf rezeptpflichtige Mittel gewähren.

Ein Triumph für den europäischen Marktführer Doc Morris mit Sitz in Heerlen, der in Luxemburg gegen das Verbot aus Berlin geklagt hatte. Das Urteil entlaste vor allem chronisch kranke Patienten finanziell, sagt Doc-Morris-Chef Olaf Heinrich im Gespräch mit unserer Zeitung.

Seit 2009 Vorstandsvorsitzender bei Doc Morris: Wirtschaftsingenieur Olaf Heinrich.
Seit 2009 Vorstandsvorsitzender bei Doc Morris: Wirtschaftsingenieur Olaf Heinrich. Foto: Doc Morris

Vergangene Woche hat das Bundesgesundheitsministerium ein Gesetz angekündigt, dass ausländischen Anbietern den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten verbietet. Haben Sie nach dem EuGH-Urteil mit dieser Reaktion von politischer Seite gerechnet?

Heinrich: Zunächst einmal hatten wir nicht damit gerechnet, dass der Gerichtshof unsere Rechtsauffassung so deutlich teilen würde. Auch wenn wir es natürlich gehofft haben. Wir freuen uns sehr über das Urteil. Und Patienten, insbesondere chronisch Kranke, werden jetzt konkret finanziell entlastet. Was uns gewundert hat ist, dass Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sich darüber nicht mit den Versicherten gefreut hat. Aber die Reaktionen aus der Politik sind ja durchaus unterschiedlich, selbst die Koalition ist sich nicht einig. In der SPD gibt es erhebliche Bedenken gegen ein Verbot.

Wie realistisch ist es denn, dass das Bundesgesundheitsministerium mit solch einem Gesetz Erfolg hat?

Heinrich: Wir müssen schauen, was das Ministerium macht. Gegen das Verbot gibt es inhaltliche und rechtliche Bedenken, das Ministerium wird seinen Gesetzesentwurf nach eigenen Angaben monatelang prüfen. Und wie gesagt: In der Koalition ist man sich nicht einig. Zudem spricht europa- und verfassungsrechtlich einiges gegen ein Verbot. Wenn das Gesetz vorliegt, werden wir es gründlich prüfen.

Kritiker des EuGH-Urteils befürchten, dass es sich negativ auf die Gesundheitsversorgung auswirken wird. Die Online-Konkurrenz würde die klassischen Apotheken verdrängen. Der Apothekerverband Abda spricht von einer Gefahr für das nationale Gesundheitssystem. Ist das alles Panikmache?

Heinrich: Wir haben aus den Niederlanden heraus zwölf Jahre lang Bonus auf verschreibungspflichtige Medikamente gegeben, bis die Bundesregierung das 2012 verboten hat. In diesen zwölf Jahren gab es kein „Apothekensterben“, keine negativen Auswirkungen auf die Versorgung in der Fläche. Sich jetzt, nachdem wir vor dem EuGH gewonnen haben, hinzustellen und zu sagen, dass die gesundheitliche Versorgung gefährdet sei, ist tatsächlich Panikmache. Bei dem Verfahren ging es genau darum, ob irgendeine Gefahr für Patienten besteht. Die Richter sind zu dem Schluss gekommen, dass deren Versorgung eben nicht gefährdet ist. Die Bundesregierung und die Apotheker hatten keine stichhaltigen Argumente für das Verbot. Deshalb haben wir gewonnen. Bei den Einwänden der Kritiker stehen vor allem wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Das ist sehr schade.

Warum?

Heinrich: Weil dieses Urteil Politikern und Apothekern die Chance bietet, sich Gedanken darüber zu machen, wie das Apotheken-System von morgen aussehen kann und muss. Wie können wir es sinnvoll gestalten? Und zwar stationäre Apotheken und der Versandhandel gemeinsam. Die Herausforderung, die Versorgung außerhalb von Städten zu sichern, kommt ja auf jeden Fall auf unsere Gesellschaft zu. Vollkommen unabhängig vom Versandhandel.

Dieses potenzielle Problem müssen wir vernünftig angehen und nicht mit lautem Geschrei. Seit 2013 sind für Apotheker Vergütungserhöhungen von 900 Millionen Euro beschlossen worden. Jetzt gibt es mal Geld für den kleinen Mann und schon hagelt es Proteste, und es werden unrealistische Horror-Szenarien an die Wand gemalt.

Kann man das Urteil aus Luxemburg auch als einen Triumph für den freien Markt bezeichnen?

Heinrich: Gesundheitheitsversorgung ist kein regulierungsfreier Raum und auch kein klassischer Markt. Gesundheit ist unser höchstes Gut. Deswegen wäre es vollkommen falsch zu sagen, dass wir auf diesem Sektor keine Regulierung brauchen. Aber nach 15 Jahren in diesem Markt können wir sagen: Wenn Regulierung dazu missbraucht wird, Veränderungen zu verhindern, von denen die Gesellschaft profitieren würde, dreht sich das Ziel von Regulierung natürlich ins Negative. Dann geht es letztendlich nur darum, Besitzstand zu wahren.

Wie könnte denn eine Regulierung aussehen, von der alle profitieren?

Heinrich: Etwa mit einer Preisobergrenze, zu der es 2006 einen Gesetzesentwurf gab, der auch vom schwarz-roten Kabinett beschlossen wurde. Darin ist der Preis nach oben gedeckelt, nach unten kann aber jeder abweichen. Das verhindert eine finanzielle Belastung der Versicherten.

Was ist der Vorteil dieser Regelung?

Heinrich: Dort, wo es viel Wettbewerb gibt, also in den Städten, kann ich als Apotheker entscheiden, ob und wie viel Rabatt ich gebe, um Kunden zu halten. Dort, wo es diesen Wettbewerb nicht gibt, hat der Versicherte durch die Preisobergrenze aber die Sicherheit, dass er nicht finanziell überfordert wird. Die volkswirtschaftliche Überlegung dahinter ist die gleiche wie beim Landarztgesetz.

Inwiefern?

Heinrich: Wenn es durch den Preiswettbewerb nicht mehr attraktiv ist, in der Stadt eine Apotheke zu betreiben, ist es doch eine gute Alternative, eine Apotheke auf dem Land zu eröffnen, wo es kaum Wettbewerb gibt und der Höchstpreis berechnet werden kann. Gedeckelte Höchstpreise in der Fläche, Wettbewerb in der Stadt — durch diese Regelung könnten sich die Apotheken besser verteilen, weil mehr aufs Land gehen. Strukturpolitisch ist diese Regelung sehr sinnvoll, deshalb gilt sie auch in den meisten europäischen Ländern. Die Monopolkommission und der Sachverständigenrat haben sie deshalb 2006 auch der Bundesregierung empfohlen. Und nichts anderes besagt letztlich das EuGH-Urteil: Nach oben darf der Preis nicht angehoben werden, aber er darf unterschritten werden.

Warum hat sich das Gesetz zur Preisobergrenze dann doch nicht durchgesetzt?

Heinrich: Das haben die Apotheker verhindert, indem sie der Bundesregierung stattdessen einen Sparbetrag von 500 Millionen Euro angeboten haben.

Sie haben von anderen europäischen Ländern gesprochen. In nur sieben der 28 Mitgliedsländer ist der Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten überhaupt erlaubt. Könnte sich Doc Morris nach dem Urteil nun auf den Märkten in diesen Ländern einklagen?

Heinrich: Die Aussage, der Handel sei in diesen Staaten verboten, ist so nicht richtig. Leider hören wir sie oft. 2003 hat der EuGH entschieden, dass jeder Mitgliedsstaat selbst wählen kann, ob er den Versandhandel erlaubt. Nicht, ob er ihn verbietet. Der Unterschied ist wichtig, weil sich der Gerichtshof damit nicht in nationale Strukturdebatten einmischt. Es verzerrt die Debatte, wenn man behauptet, der EuGH habe Ländern erlaubt, den Versandhandel zu verbieten. Die Richter haben allerdings festgelegt, dass es nicht möglich ist, den Versandhandel zu erlauben und dann nachträglich zu verbieten, weil einem der Wettbewerb nicht passt. Die Hürden für ein nachträgliches Verbot sind enorm hoch, dafür muss eine Regierung statistische und wissenschaftlich eindeutige Belege vorweisen.

Doc Morris ist Marktführer unter den europäischen Versandapotheken. Rechnen Sie damit, nach dem Urteil seine Position noch weiter ausbauen zu können?

Heinrich: Ich bin fest davon überzeugt, dass der Versandhandel sowohl mit nicht-verschreibungspflichtigen als auch verschreibungspflichtigen Medikamenten in Zukunft in Europa fester Bestandteil der Versorgung werden wird. Er bietet viele Vorteile und kann den stationären Handel gut ergänzen.