Aachen: Digital? Aachener Bauunternehmen macht sich fit für den Wandel

Aachen : Digital? Aachener Bauunternehmen macht sich fit für den Wandel

Wer durch die modern gestalteten Flure des Aachener Bau- und Immobilienunternehmens Derichs u Konertz geht, bleibt zwangsläufig vor dem überlebensgroßen Porträt eines Mannes stehen, das eine Wand fast vollständig ausfüllt. Ein Bauarbeiter mit zerkratztem Schutzhelm, Drei-Tage-Bart und einem orangenen, verschlissenen T-Shirt. Von allen 115 Mitarbeitern gibt es Porträts, doch nur dieses ist prominent platziert.

„Für die Bilder sollten sich alle zurecht machen“, erinnert sich Geschäftsführer Dieter Laskowski und schmunzelt. Denn der Bauarbeiter dachte gar nicht daran. Zum Glück, wie Laskowski im Rückblick findet. „Er ist einer unserer dienstältesten Mitarbeiter und muss umsetzen, was unsere Ingenieure und Techniker sich ausdenken“, sagt der Bauingenieur. „Die Vordenker und die Planer sitzen im Haus, aber im Endeffekt findet die Arbeit auf dem Bau statt — bei Hitze, Staub, Nässe und Kälte. Und genau das symbolisiert dieses Bild.“

FOTO: HARALD KRÖMER DATE 30.08.2018 Fa. Derichs. Foto: Harald Krömer

Die Baubranche befindet sich im Wandel. Die zunehmende Digitalisierung ist nicht aufzuhalten, der Fachkräftemangel ist groß. Entwicklungen, die auch der Mittelständler Derichs u Konertz spürt. Doch der Betrieb, dessen Familientradition bis ins Jahr 1926 zurückreicht, hat sich schon vor Jahren auf den Weg in die Zukunft gemacht. Genau genommen 2012.

Damals stellte sich Peter-Herbert Derichs, Hauptgesellschafter des Unternehmens, die Frage: Wie geht es weiter? Die Söhne Max und Alexander waren noch zu jung, um den Betrieb zu übernehmen. Ein Interimsmanager im besten Sinne musste also her.

Über Freunde kam der Kontakt mit dem heute 54-jährigen Laskowski zustande, der damals noch bei einem Düsseldorfer Unternehmen als Niederlassungsleiter arbeitete. Derichs u Konertz hatte der Bau- und Wirtschaftsingenieur als Wettbewerber wahrgenommen.

Zudem gab es durch sein Studium an der RWTH einen Bezug zu Aachen. „Man muss sich technisch, kulturell und auch menschlich verstehen“, sagt Laskowski. „Dann ist die Herausforderung, so etwas gestalten zu dürfen, attraktiver als das Risiko.“ Sein Erfolgsrezept? „Wer ein Unternehmen so fit machen will, dass es irgendwann auf den Chef verzichten kann, muss sich persönlich zurücknehmen können.“ Das funktioniert auch Hand in Hand mit der nachfolgenden Generation.

Unterschiedliche Projekte

Max Derichs sieht sich nicht als Bauunternehmer, sondern als Projektentwickler und hat damit seinen Platz im Unternehmen gefunden. Bruder Alexander absolvierte den dualen Studiengang Bauingenieurwesen. Er arbeitet mit am „Komplettpaket“, das der Generalunternehmer im Schlüsselfertigbau anbietet — also vom Projektmanagement, über Steuerung und Leitung bis hin zum Controlling. „Der Kunde“, so sagt Laskowski, „muss immer wieder in den Mittelpunkt des unternehmerischen Handelns gestellt werden“.

Die Projekte sind so unterschiedlich wie spannend, aber immer komplett gedacht. „Wir haben nicht das Einzelhaus im Fokus, sondern Kunden mit großen Projekten. Wir beginnen bei einer Größenordnung von drei bis vier Millionen Euro“, erklärt der Geschäftsführer. So haben die Aachener zum Beispiel gemeinsam mit einem Wiesbadener Projektentwickler das Bürogebäude Airport Office Four am Flughafen Düsseldorf realisiert.

Auf dem Areal des ehemaligen Tivolis in Aachen wurden ein Hotel sowie rund 30 Eigentums- und Mietwohnungen errichtet. In einer Projektgemeinschaft mit der Bausch-Gruppe wurde ein 30 000 Quadratmeter großes Teilgrundstück des Campus-West-Areals erworben. Bis 2020 sollen dort Eigentums- und Mietwohnungen, Stadthäuser, eine Kindertagesstätte sowie Studentenwohnungen entstehen. Alles in Massivbauweise, aber geplant in digitalen Verfahren.

Dabei setzt der Traditionsbetrieb auf innovative Verfahren, etwa in der Nutzung von BIM. Die Buchstaben stehen für Building Information Modeling und bedeuten, dass idealerweise „zweimal“ gebaut wird: zuerst digital und dann real. Bereits in der Planungsphase sollen alle am Projekt beteiligten Gewerke am selben dreidimensionalen Gebäudemodell, das alle relevanten Informationen beinhaltet, arbeiten.

Durch Kollisionsprüfungen können so Fehler frühzeitig erkannt werden. „Das Programm deckt auf, wenn ein Rohr mitten im Raum geplant ist“, erklärt der Experte. „Darüber hinaus beinhaltet das Modell wichtige Daten für einen effizienteren Betrieb nach der Fertigstellung. In die Arbeit des Architekten werde grundsätzlich nicht eingegriffen. Laskowski: „Wir fragen allerdings schon: Warum willst du einen Sonnenschutz auf der Nordseite?“

Nachhaltige Entsorgung?

Ob sich die Kundenansprüche verändern? Nachhaltigkeit sei schon ein abgenutztes Wort, meint Laskowski. Das Beispiel der Energiesparverordnung (EnEV) zeige es deutlich. Der Gesetzgeber setze mit diesen Vorschriften das Energieeinsparungsgesetz um. „Die Absicht, Energie zu sparen, ist natürlich in unser aller Interesse.

Eine zusätzliche Wärmedämmung bestehend aus 20 Zentimetern Polystyrol-Dämmung führt zu einer Reduktion des Wärmeverlustes. Doch was geschieht mit diesem Dämmstoff in 40, 50 Jahren? An eine nachhaltige Entsorgung dieses Stoffes ist nach heutigem Wissensstand noch nicht zu denken. Deshalb fehlt mir das große Ganze, eine rundum gedachte Nachhaltigkeit beim Bauen und Betreiben von Gebäuden,“ so der Ingenieur.

Nachhaltig sei ein guter Grundriss, eine gute Architektur, eine gute Planung. Man dürfe sich auch nach 30 Jahren nicht verstecken. Will heißen? „Unser Polier geht heute durch Aachen und sagt: ,Das Gebäude habe ich gemacht und das auch.‘ Seine Arbeit erfüllt ihn über Jahrzehnte mit Stolz. Das verstehe ich auch unter Nachhaltigkeit.“

Bleibt der Fachkräftemangel. Hoffnungen setzt Laskowski auf den im Herbst startenden neuen FH-Studiengang „Smart Building Engineering“. Er schließe eine Ausbildungslücke in einem Zukunftsfeld der Branche und könne dabei helfen, den Fachkräftemangel zu mindern, „beheben wird er ihn nicht“.

Wohl auch deshalb hat Laskowski noch viel vor. „Ich träume von einem Campus. Wir planen, unsere Büroflächen zu erweitern, da wir trotz des umfangreichen Umbaus jetzt schon wieder an unsere Grenzen stoßen. Schön wäre, wenn wir auch Start-ups oder kreativen Köpfen Platz schaffen könnten.“ Auch Visionen gehören zu einem Unternehmen, das auf die Zukunft setzt.