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Rolle Rückwärts beim Meisterbrief: „Diese Handwerke haben gelitten“

Rolle Rückwärts beim Meisterbrief : „Diese Handwerke haben gelitten“

Ein Titel mit langer Tradition: Der Handwerkskammermeister geht auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Im nächsten kehrt in zwölf Gewerken nun die Meisterpflicht zurück. Georg Stoffels von der Handwerkskammer Aachen begrüßt das.

Im Jahr 2004 fiel in mehr als 50 Berufen die Meisterpflicht. Mit der Reform der Handwerksordnung wollte die rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) einfachere Tätigkeiten für Selbstständige öffnen. Mit Beginn des neuen Jahres kehrt die Meisterpflicht nun in zwölf Berufen zurück, unter anderem für Fliesenleger, Rollladentechniker, Böttcher, Drechsler und Holzspielzeugmacher, Estrichleger und Orgelbauer.

Georg Stoffels, Geschäftsführer der Handwerkskammer Aachen, erhofft sich davon auch einen Anstieg der Ausbildungszahlen, denn ausbilden dürfen hierzulande nur Meisterbetriebe. Mit Stoffels sprach Georg Müller-Sieczkarek.

Der Meisterzwang kehrt ab Januar in zwölf Gewerken zurück. Reicht Ihnen das?

Georg Stoffels: Es ist ein erster Schritt, den wir begrüßen. Ob es das letzte Wort des Gesetzgebers sein wird, bleibt abzuwarten. Nach einer Übergangsfrist von fünf Jahren soll eine Überprüfung stattfinden. Die zwölf betroffenen Handwerke haben nachweislich unter dem Entzug des Meisterbriefs gelitten.

Das müssen Sie bitte erklären.

Stoffels: Es ist ja kein Geheimnis, dass viele Handwerksbetriebe händeringend Fachkräfte suchen, zugleich ist die Ausbildungsleistung drastisch gesunken. Das belegen auch die Zahlen aus unserem Kammerbezirk: 85 Prozent aller Ausbildungsverträge werden in meisterpflichtigen Handwerksberufen abgeschlossen, das heißt nur 15 Prozent der Verträge kommen in Betrieben zustande, in denen keine Meisterpflicht besteht.

Warum ist das so?

Stoffels: Die meisten dieser Betriebsinhaber haben selbst keinen Meistertitel – und damit auch keine Berechtigung zum Ausbilden.

Nun argumentieren Kritiker, dass die Wiedereinführung der Meisterpflicht an diesen Engpässen nichts ändern wird.

Stoffels: Die Zahlen sagen etwas ganz anderes. Beispiel Fliesenleger: 2004 haben 25 Prozent der bei uns eingetragenen Betriebe mit Meister ausgebildet. 2018 bildeten nur noch 2,1 Prozent der Betriebe aus. Also erwarten wir, dass die Wiedereinführung der Meisterpflicht nicht nur die Qualität in den Betrieben verbessert, sondern auch zu mehr Ausbildungsverhältnissen führt.

Eines der Ziele im Jahr 2004 war, die Zahl der Unternehmensgründungen zu erhöhen und den Schritt in die Selbstständigkeit zu erleichtern. Das hat doch funktioniert.

Stoffels: Stimmt. Doch es waren vielfach nicht sehr nachhaltige Gründungen, oft von Personen, die überhaupt keine handwerkliche Ausbildung hatten – was rechtlich ja durchaus zulässig ist. Vermutlich waren sich damals viele Bundestagsabgeordnete über diesen Aspekt gar nicht im Klaren. Bei den Fliesen- und Plattenlegern zum Beispiel sind die Zahlen nach 2004 zwar in die Höhe geschossen, doch viele Betriebe wurden nach drei, vier Jahren wieder abgemeldet.

Also wird es künftig weniger Firmengründer in diesen zwölf Handwerksberufen geben.

Stoffels: Das wird voraussichtlich so sein, aber die neu gegründeten Firmen werden zukunftsfähiger sein, da sie mit der Meisterprüfung in jedem Fall auch eine unternehmerische Qualifikation haben.

Wenn ein Hauseigentümer einen Rollladenbauer sucht, interessiert es ihn vielleicht gar nicht, ob der Chef einen Meisterbrief an der Wand hat oder nicht. Er braucht nur möglichst schnell einen Handwerker.

Stoffels: Ich glaube schon, dass der Kunde auf Qualität achtet. Und kleine Reparaturen sind bei einem Meisterbetrieb nicht zwangsläufig teurer. Für den Austausch eines Rollladengurtes braucht man keinen Meistertitel, und das wird auch so bleiben. Aber bei anderen Arbeiten, bei denen es womöglich um Gefahren und Sicherheit geht, kommt es schon auf Qualität an

Ein Titel mit langer Tradition. Der Handwerksmeister geht auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Foto: ZVA/imago

Warum braucht dann eine Friseurin einen Meistertitel?

Stoffels: Friseure haben eine körpernahe Tätigkeit und bringen beim Färben beispielsweise Chemikalien mit der menschlichen Haut in Kontakt. Wenn man da etwas falsch macht, kann das durchaus zu Verletzungen führen.

Nun ist der Weg zum Meisterbrief in Deutschland lang und teuer. Bis zu 10.000 Euro sind trotz des Meister-Bafögs eine Menge Geld, und da ist der Verdienstausfall nicht einmal eingerechnet. Das schreckt viele ab.

Stoffels: Wir haben bislang nicht gesehen, dass die Anforderungen Interessenten abschrecken. Wer den Meister machen möchte, hat gute Fördermöglichkeiten, die rege in Anspruch genommen werden. Auch Ratenzahlungen sind möglich. Im Übrigen genießen alle Betriebe in den zwölf Gewerken, die künftig wieder der Meisterpflicht unterliegen, Bestandsschutz – wer seinen Meister also bislang nicht gemacht hat, muss das auch in Zukunft nicht.

Reicht denn die staatliche Förderung?

Stoffels: Wir fordern schon seit langem, dass es mehr Unterstützung vom Staat geben muss, so wie es bei der akademischen Bildung der Fall ist: Studenten zahlen ihren Semesterbeitrag, der Rest wird staatlich finanziert. Das Meister-Bafög ist zwar schon ein gutes Mittel. Da kann aber mit Sicherheit noch ein bisschen mehr kommen.

Ist die Zahl der Meisterschüler im Bereich der Handwerkskammer Aachen in den vergangenen Jahren gesunken?

Stoffels: Wir haben zwischen 300 und 400 Meisterprüfungen jährlich. Diese Zahl ist etwas rückläufig, denn die duale Ausbildung im Handwerk scheint für viele Schulabgänger immer noch weniger attraktiv zu sein als ein Hochschulstudium. Das ist in der Industrie übrigens nicht anders.

Liegt es auch an der Dauer der Ausbildung?

Stoffels: Es gibt viele Möglichkeiten, die Ausbildung zu verkürzen. Wer etwa das Abitur hat, kann per se ein Jahr sparen und theoretisch nach drei Jahren seinen Meister in der Tasche haben. Auch die Vorschrift, erst drei Jahre nach dem Gesellenbrief mit der Meisterausbildung zu beginnen, ist bereits vor längerem abgeschafft worden. Da sind wir schon heute sehr flexibel.