IHK-Forum unserer Zeitung: Die Höhle der regionalen Löwen steht mitten in Aachen

IHK-Forum unserer Zeitung: Die Höhle der regionalen Löwen steht mitten in Aachen

Die Beteiligungsgesellschaft der Sparkassen steckt seit 30 Jahren Eigenkapital in regionale Unternehmen und versteht sich als Akteur des Strukturwandels. Dramatische Rettung des Bombardierwerks.

Ein wenig kann man sich die Arbeit von Harald Heidemann und Bernhard Kugel wie die der Löwen vorstellen. Also die aus der TV-Höhle bei Vox. Natürlich ohne die Kameras, den Glamour und das Scheinwerferlicht. Und auch ohne die ganz abgedrehten Geschäftsideen, für die Unternehmer die Löweninvestoren gewinnen wollen.

Abgesehen davon aber geht es auch bei Heidemann und Kugel im Kern darum, die Erfolgschancen eines Produkts, einer Idee oder auch eines bereits etablierten Unternehmens abzuschätzen und eventuell zu investieren. Eine potenziell risikoreiches Unterfangen, bei dem eine eingehende Analyse wichtig ist. Und ganz viel Bauchgefühl.

Heidemann und Kugel sind die beiden Vorstände der Unternehmensbeteiligungsgesellschaft der Sparkassen für die Regionen Aachen, Krefeld und Mönchengladbach, kurz S-UBG. Dass der Name nicht ganz so spannend wie „Höhle der Löwen“ klingt, liegt zum einen daran, dass es die S-UBG schon deutlich länger gibt – nämlich seit 30 Jahren. Zum anderen wurde die Unternehmensbeteiligung damals von sechs Sparkassen des IHK-Bezirks Aachen gegründet, die offensichtlich um einen seriösen Namen bemüht waren.

Auch, weil das Geschäft der S-UBG eines ist, dass nicht zum Kerngeschäft von Sparkassen gehört. Während es bei diesem ums Sparen und Verteilen von Krediten geht, zielen Beteiligungsgesellschaften auf den sogenannten Private-Equity-Markt ab. Also darum, Investitionen in Unternehmen zu tätigen und so mittel- bis langfristig Gewinn zu erwirtschaften. In gewisser Weise ist das eine Wette auf die Zukunft, was durchaus mit einem Risiko verbunden ist. „Private Equity ist immer ein Risikogeschäft“, sagt Heidemann, der fast seit Beginn bei der S-UBG ist. Das Ziel sei es, dieses Risiko zu streuen und zu minimieren.

Dazu gehört bereits erwähnte betriebswirtschaftliche Analyse, die laut S-UBG der Ausgangspunkt eines jeden Investments ist, aber eben auch Bauchgefühl, Menschenkenntnis und das, was man Riecher nennt. Darum ist es kein Zufall, dass die S-UBG zwei Vorstände hat. Eben Kugel und Heidemann, die schon lange zusammenarbeiten und bei denen der eine das Korrektiv des anderen ist. „Bei unseren Investitionsentscheidungen stimmen wir uns im Vorstand eng ab“, betont Kugel das Vorstands-Agieren auf Augenhöhe.

Dass dieses Vetorecht noch nicht so häufig greifen musste, liegt daran, dass S-UBG sich nicht als „Heuschrecke“ versteht, die im turbokapitalistischen Stil Firmenanteile kauft und auf kurzfristige Profite abzielt. „Wir sind eine regional orientierte Beteiligungsgesellschaft“, erläutert Heidemann. Diese Regionalität und auch der Sparkassenhintergrund verpflichte trotz allen Risikoinvestments zur Seriösität. „Wir sind strategischer Partner und Mitunternehmer – wenn wir diese Erwartung nicht erfüllen, wäre unser Ruf in der Region ziemlich schnell dahin“, so Kugel. S-UBG gehe es um nachhaltiges und langfristiges Engagement bei den Partnerunternehmen, die aus den unterschiedlichsten Branchen kommen. Trotz der Unternehmensbeteiligungen, die immer Minderheitsbeteiligungen sind, mischt sich S-UBG nicht ins Tagesgeschäft ein.

Auch, weil man im Partner-Netzwerk „PIN“ Kontakt zu ehemaligen Partner-Firmen hält, sieht S-UBG sich als wichtigen Akteur des Strukturwandels in der Region. Man gebe eben nicht nur Geld, sondern vermittle strategische Kompetenz und Kontakte. Gerne auch branchen- und generationsübergreifend. Wie etwa den zwischen dem Aachener Traditionsunternehmen Babor, das die S-UBG 17 Jahren begleitete, und Logcom aus Herzogenrath. Ein Unternehmen, das die Datenbrille Picavi entwickelt hat, um Lagerprozesse zu beschleunigen.

„Genau dieses Branchenübergreifende ist das Faszinierende“, sagt Kugel, der aus Stuttgart zum BWL-Studium nach Aachen kam. Das Geschäft sei sehr vielseitig, kein Tag gleiche dem anderen. Für das 14-köpfige Team der beiden ist ebendiese Abwechslung aber auch herausfordernd. Immer wieder muss man sich in neue Branchen einarbeiten, Experten befragen, um eine Idee davon zu bekommen, wie das Unternehmen, wie die jeweilige Branche tickt.

Aus dem Fondsvolumen von 100 Millionen Euro werden nicht nur mittelständische Unternehmen der Region mit Kapital versorgt, sondern seit 1997 steht auch ein Risikokapitalfonds für riskantere Investitionen bereit. Mit den Seed Fonds werden zudem seit 2007 Startups in der Gründungsphase unterstützt. Gewissermaßen die „Höhle-der-Löwe“-Abteilung bei der S-UBG, bei der der Misserfolg sofort eingepreist wird. „Jeder unserer Gründer muss das Potenzial haben, durch die Decke zu gehen“, sagt Heidemann im Wissen, dass mindestens sechs von zehn Gründungen es eben nicht in die Profitzone schaffen. Das ist halt das Berufsrisiko der Investoren.

Auch bei der S-UBG müssen natürlich die Zahlen stimmen. Aktuell gut 40 Partnerunternehmen mit einem Gesamtumsatz von rund 700 Millionen Euro und 4500 Mitarbeitern hat die S-UBG-Gruppe nach eigenen Angaben. Die jährliche Rendite veranschlagen die beiden Vorstände als risikoadäquat, die Aktionäre sind zufrieden. Der Gewinn entstehe durch offene oder stille Beteiligungen in Form von Ausschüttungen oder Zinsen. In Jahren, in denen Unternehmensanteile verkauft werden, beeinflusse das den Gewinn natürlich positiv.

Wenn die beiden aber in der S-UBG-Zentrale am Aachener Markt sitzen und von der höchst dramatischen Rettung des Bombardier-Werks in Aachen erzählen, an der die S-UBG über den Personaldienstleister Quip AG beteiligt war, bekommt man den Eindruck, dass es nicht nur um Zahlen geht. „Dass dieses Stück regionaler Tradition gerettet werden konnte und dort jetzt mit der Produktion des Streetscooters der Mobilitätswandel vorangetrieben wird, hat uns besondere Freude bereitet“, sagt Heidemann.

Und was sagen die regionalen Löwen zur TV-Show? Es sei halt ein Unterhaltungsformat, aber ihnen gefalle, dass so das Thema Unternehmensgründung an Popularität gewonnen habe. Und für Heidemann hat die Vox-Show noch einen ganz praktischen Nutzen: „Meiner Frau ist es früher schwergefallen, anderen Menschen zu erklären, was ich denn so beruflich mache. Jetzt sagt sie einfach: ‚Der macht so was Ähnliches wie Höhle der Löwen’“.

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