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Planungen in Roetgen: Die Geschichte zweier Rückhaltebecken und warum sie nicht gebaut wurden

Planungen in Roetgen : Die Geschichte zweier Rückhaltebecken und warum sie nicht gebaut wurden

Vor 15 Jahren reift die Erkenntnis, dass in Roetgen zum Hochwasserschutz zwei Regenrückhaltebecken gebaut werden sollen. Gegen die Idee formiert sich Widerstand – dann kommt die Flut im Juli 2021.

Ein Hochwasser in Stolberg im Jahr 2007 macht deutlich: Für den Hochwasserschutz müssen zwei neue Rückhaltebecken her. Die sollen auf dem Gebiet der Gemeinde Roetgen entstehen. Es wird diskutiert, Kritik an den Planungen wird laut. Dann kommt die Jahrhundertflut 2021...

Noch immer ist nicht sicher, dass mit dem Bau der beiden Rückhaltebecken Ende 2024 begonnen werden kann. Sie sollen mit einem Volumen von 1,2 Millionen Kubikmetern den Kern des Hochwasserschutzes für Stolberg bilden. Drei Jahre soll der Bau der Schutzanlagen dauern. Frühestens Ende 2027 könnten beide Becken in Betrieb genommen werden. Aber „wir können nicht absehen, welche Eingaben es geben wird, die das Planfeststellungsverfahren verzögern könnten“, sagt Joachim Reichert. Dennoch ist der Vorstand des Wasserverbandes Eifel-Rur (WVER) zuversichtlich, dass zumindest Kommunen, Behörden und Institutionen als Träger öffentlicher Belange dem wichtigsten Projekt zum Hochwasserschutz am Vichtbach keine Hürden in den Weg legen werden.

 Am 21. Juli präsentiert sich die Hochwasserentlastungsanlage der Dreilägerbachtalsperre geradezu idyllisch. Aber bei der Katastrophe eine Woche zuvor schossen durch das Betonbecken in der Spitze bis zu 40.000 Liter pro Sekunde in Richtung Vichtbach.
Am 21. Juli präsentiert sich die Hochwasserentlastungsanlage der Dreilägerbachtalsperre geradezu idyllisch. Aber bei der Katastrophe eine Woche zuvor schossen durch das Betonbecken in der Spitze bis zu 40.000 Liter pro Sekunde in Richtung Vichtbach. Foto: Jürgen Lange

Das gilt beileibe nicht für die Jahre vor der Hochwasserkatastrophe. „Früher wollten wir mit allen Mitteln den Bau der Becken bekämpfen“, bekennt dieser Tage Gudrun Meßing im Roetgener Bauausschuss. Als dort der WVER Ende Mai seine Agenda zum Hochwasserschutz vorstellt, kann es der Fraktionsvorsitzenden der Grünen mit dem Bau nun nicht schnell genug vorangehen. Meßing sorgt sich um mögliche Rückschläge im Genehmigungsverfahren sowie um Kapazitäts- und Materialknappheit beim Bau selbst. Der Juli 2021 hat die Haltung zu den beiden Rückhaltebecken auf Roetgener Boden auf den Kopf gestellt.

„Jetzt geben wir Vollgas“, beschreibt Bürgermeister Jorma Klauss (SPD) die neue Sicht am Roetgenbach. Der ist nur eines von vielen Rinnsalen, die vor einem Jahr für schwere Schäden im weitläufigen Gemeindegebiet selbst oberhalb der Tallage der Vicht gesorgt haben. Über Jahrhunderte hinweg können die Siedlungen in der Gemeinde nur durch umfangreiche Entwässerungsmaßnahmen errichtet werden. Heute sorgt Roetgen sich, wie sein auch vom Tornado 2019 sowie durch Trockenheit und Borkenkäfer geschädigter Wald wieder als Schwamm funktionieren kann. Für den Forst beginnt vor drei Jahren das Umdenken, für die Vicht folgt es erst nach dem Hochwasser.

„Wir hätten vorher gegen den Bau der Rückhaltebecken sicherlich geklagt“, schätzt Klauss das frühere Meinungsbild im Gemeinderat ein. Der verabschiedet einstimmig noch Mitte 2019 eine Resolution, die beiden Becken mit einem Gesamtvolumen von rund 1,2 Millionen Kubikmeter zumindest spürbar zu verkleinern, wenn man sie schon nicht ganz verhindern könne. Ein eigener Gutachter wird eingeschaltet. Sogenannte Fachdialoge mit dem WVER lähmen eineinhalb Jahre lang den Fortgang der Planung. Noch im September 2020 rechnet der WVER mit dem Beginn des Planfeststellungsverfahrens für Ende 2021. Zur Vorprüfung bei der Bezirksregierung Köln eingereicht werden die Unterlagen dann im Januar 2022.

Zu diesem Zeitpunkt sollten die beiden Becken eigentlich schon gebaut sein: „In fünf bis zehn Jahren“ soll die Realisierung erfolgen, kündigt der WVER an, als er im Februar 2011 seine Vorstudie zum Hochwasserschutz im Einzugsgebiet der Vicht im Stolberger Rathaus vorstellt.

Vorangegangen sind über die Jahrzehnte gravierender werdende Hochwasserereignisse in den Tallagen von Stolberg. Noch in den 1980er Jahren ist es vor allem die Schneeschmelze, die dort Bäche über die Ufer treten und lediglich Keller voll laufen lässt. Aber die Ereignisse häufen sich, werden gravierender, und seit Beginn dieses Jahrtausends sorgen Starkregen auch für Probleme im Sommer.

2007 beginnt die Planung

Entscheidend ist im September 2007 das Hochwasser an Hassel-, Münster- und Vichtbach, das großflächig für Schäden sorgt. Stolberg bittet den WVER zum Gespräch. „Wir waren selbst überrascht vom Ernst der Lage“, sagt nach einer Analyse ein Jahr später der zuständige Dezernent. Die Planung von Schutzmaßnahmen auf Basis eines statistisch nur alle 100 Jahre eintretenden Ereignisses (HQ100) beginnt und dauert drei weitere Jahre. Was der Verband dann 2011 präsentiert, gilt weiterhin als Kernpunkt des Hochwasserschutzes: Der Bau der beiden großen Rückhaltebecken an der Vicht soll heute durch eine Vielzahl kleinerer Rückhaltebecken und Einzelmaßnahmen flankiert werden.

Aber der Einstieg ins Genehmigungsverfahren verzögert sich immer weiter. Mal müssen neue Wetterdaten eingerechnet, dann wieder herausgerechnet werden. Und während im Juli 2014 der Fischbach die Ortslage Vicht bereits einmal flutet, erwächst in Roetgen der Widerstand gegen die beiden Becken bei Rott und bei Mulartshütte.

Der Widerstand ist zumindest im Gemeinderat gebrochen. Die Roetgener Politik ist mehr als sensibilisiert. Seit einem Jahr wird bei allen Neubaubereichen intensiv die Entwässerung von Schmutz- und Oberflächenwasser hinterfragt. Es mehren sich die Stimmen, die angesichts des Klimawandels selbst die Dimensionen der Kanalleitungen für zu klein empfinden. Die Planer können da nur mit den Schultern zucken. Ihre Berechnungen richten sich nach den vorgeschriebenen Anforderungen. Die Bestimmungen für die Entwässerung haben sich aber seit Juli 2021 nicht verändert: Gilt für ein Gewässer das HQ100 als Maßstab, ist es beim Schmutzwasserkanal nur das HQ30.

Auf ein 90-jähriges Ereignis sind die beiden Rückhaltebecken der Vicht ausgelegt. Alle weiteren Schutzmaßnahmen bis zum geforderten HQ100 müssen punktuell entlang ihres Verlaufes ergänzt werden. Doch was passiert bei einem schlimmeren Starkregen? Bei dem mit einem HQ10.000 bewerteten Ereignis im Juli 2021 hätten die beiden Becken die erste Welle des Dienstags auffangen können, sagt Joachim Reichert. Die beiden folgenden Wellen wären über die Becken hinweggegangen. So wie es bei der der Dreilägerbachtalsperre der Fall war.

Das Gerücht von der geöffneten Talsperre

„Nein, die Talsperre ist nicht aufgemacht worden“: Walter Dautzenberg wiederholt nach der Katastrophe gebetsmühlenartig das Dementi zu dem nicht sterben wollenden Gerücht, eine Öffnung der Talsperre habe alles nur noch schlimmer gemacht. Der Geschäftsführer der betreibenden Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel mbH (WAG) beteuert immer wieder, dass die Talsperre lediglich über einen Grundablass verfügt, der nur auf Anordnung der Bezirksregierung geöffnet werden darf. „Der Grundablass war geschlossen“, sagt Dautzenberg.

Aber die Talsperre ist übergelaufen, weil sie voll war – genau dort, wo es für solche Fälle vorgesehen ist, über die Hochwasserentlastungsanlage. Das ist quasi die Kerbe im oberen Rand der Badewanne. Darüber sind in der Spitze zwar bis zu 40.000 Liter pro Sekunde geschossen, aber das ist dennoch nur ein Bruchteil der Wassermenge, die durch das Tal rauschte. „Wir beeinflussen nur zu zehn bis 15 Prozent das Wasser der Vicht in Stolberg“, erklärt Dautzenberg. Die 3,6 Millionen Kubikmeter fassende Dreilägerbachtalsperre speist sich aus einem nur zwölf Quadratkilometer großen Einzugsgebiet des Dreilägerbachs. Dagegen fließen eine Vielzahl von Rinnsalen aus einem 106 Quadratkilometer großen Bereich in die Vicht.

 Der Roetgener Ortsteil Mulartshütte im Juli 2021: Die Schäden sind immens.
Der Roetgener Ortsteil Mulartshütte im Juli 2021: Die Schäden sind immens. Foto: Jürgen Lange

Und auch ein Jahr nach der Katastrophe bleibt Walter Dautzenberg bei seiner Ansage: „Eine Funktion im Hochwasserschutz ist bei unserem kleinen Stauwerk nicht vorstellbar, wenn die Trinkwasserversorgung gesichert sein soll.“ Selbst wenn theoretisch mehr Volumen für einen Rückhalt zur Verfügung gestanden hätte – die Talsperre war bereits in der Nacht zum Mittwoch, 14. Juli, um 3.15 Uhr randvoll – wären die positiven Effekte bei Hochwasser kaum spürbar.

Entscheidender aus Sicht der WAG ist der Schutz des Rohwassers – vor Verunreinigungen. Eingespülte Sedimente, Schmutz und Treibgut waren so intensiv, dass für die Aufbereitung des Roh- in Trinkwasser bereits alle Register gezogen werden mussten.

Wochenlang konnten mehr als 600.000 Menschen in der Städteregion Aachen nur aus den drei kleinsten Talsperren mit Trinkwasser versorgt werden. Genutzt wurde nur das Rohwasser aus der Dreilägerbach- und der Kalltalsperre mit einem Vorratsvolumen von insgesamt bis zu 5,7 Millionen Kubikmetern. Außerdem belieferte die nur 0,8 Millionen Kubikmeter fassende Perlenbachtalsperre ihr angestammtes Versorgungsgebiet. Wegen gravierender Verschmutzungen hatte die WAG vorsorglich auf das Rückgrat ihrer Trinkwasserversorgung verzichtet: Der 18 Millionen Kubikmeter fassende Obersee blieb abgeklemmt.

Die Dreilägerbachtalsperre rückt zwar in den folgenden Wochen bei der Aufstellung des Masterplans des WVER wieder ins Visier. Aber der eigentliche Trinkwasserspeicher soll auch weiterhin unangetastet bleiben.

Dennoch kristallisiert sich ein Ansatz heraus, der mit einer Machbarkeitsstudie näher unter die Lupe genommen wird: Eine Vergrößerung der Vorsperre oberhalb der Dreilägerbachtalsperre kann zugleich dem Hochwasserschutz dienen und positive Effekte auf das Trinkwasser haben. „Je größer das Vorbecken, desto größer ist die Wirkung auf den Rückhalt von Einspülungen“, sagt Walter Dautzenberg. Bestätigt die Studie die erhofften Effekte, ist eine Umsetzung mittelfristig innerhalb von fünf Jahren angedacht.

Kurzfristig wartet der WVER auf Nachricht aus Köln zu den beiden Rückhaltebecken. Im Gegensatz zur Behebung der Hochwasserschäden, für die die Untere Wasserbehörde eine generelle Sondergenehmigung erteilt hatte, muss der zukünftige Hochwasserschutz den ganz normalen Dienstweg nehmen. In den nächsten Tagen wolle die Bezirksregierung laut Verband mitteilen, ob alle erforderlichen Unterlagen vollzählig vorliegen. Falls nicht, stehen die Experten des Wasserverbandes parat, Fehlendes schnellstens nachzuliefern.

Im August soll der offizielle Antrag auf Planfeststellung gestellt werden. Ein Jahr später erwartet der WVER von der Bezirksregierung den Planfeststellungsbeschluss. Das ist ein sportliches Ziel, gesteht selbst Vorstand Reichert mit Blick auf die Belastung der Kölner Behörde und die Ungewissheit über Forderungen und Widerstände ein. „Mit dem Erörterungstermin wissen wir mehr“; sagt Reichert. Bei dieser öffentlichen Veranstaltung werden alle Anregungen und Einwände vor der Abwägung durch die Behörde behandelt. Ist bei diesem Termin grünes Licht absehbar, kann der WVER den Bau vorbereiten.

Aber erst mit dem offiziellen Planfeststellungsbeschluss kann der Zuschussantrag beim Land gestellt werden. Zu den Gesamtkosten von rund 31 Millionen Euro wird eine 80-prozentige Förderung erwartet. Mit dem Zuwendungsbescheid wird für September 2024 kalkuliert. Dann könnten wenige Wochen später im Dezember die Bagger anrollen. Nach drei Jahren zeitgleichem Bau sollen beide Rückhaltebauwerke im Dezember 2027 in Betrieb gehen können – bei optimalem Zeitplan. Was bis dahin bleibt, ist eine Zeit der Ungewissheit und des Bangens insbesondere bei den Anliegern der Vicht.

Was darüber hinaus weiter offen bleibt, ist ein komplexes und kompliziertes Thema mit Auswirkungen diesseits und jenseits der Grenze zu Belgien. Frühzeitig wurde auch aus Roetgen auf die Rolle der Weser hingewiesen, die in ihrem belgischen Verlauf für nicht minder dramatische Schäden gesorgt, wie sie die Lage entlang der Vicht weiter kompliziert hat. Zur Sicherung der Trinkwasserversorgung in Ostbelgien regelt seit 1956 ein Staatsvertrag die Aufteilung des Baches in eine Ableitung zur Wesertalsperre bei Eupen sowie einen Abfluss über Roetgener Gemeindegebiet in Richtung Vichtbach. Eine aus deutscher Sicht sinnvolle Rückführung dieser Aufteilung würde zu massiven wasserwirtschaftlichen Problemen bei Hochwasserschutz und Trinkwasserversorgung in Belgien führen, was nur mit hohem technischen Aufwand nebst Restrisiko machbar wäre. Der Masterplan des WVER lässt die Finger von dieser Herausforderung, sagt aber, dass dieser Ansatz nur auf politischer Ebene verfolgt werden könne. Die Wasserwirtschaftler selbst sehen keine Durchsetzungsmöglichkeiten.