Aachen: Die Euro-Rettung als Beruhigungsmittel

Aachen: Die Euro-Rettung als Beruhigungsmittel

Wer sich vornimmt, einem breiten Publikum einen so komplexen Vorgang wie die Eurokrise zu erklären, darf vor allem eins nicht haben: Angst vor Vereinfachungen. Wissenschaftler sind genau die allerdings meist ein Gräuel. Begeben sich auf den Marktplatz der öffentlichen Debatte, müssen sie sich also umstellen. Hans-Werner Sinn ist das perfekt gelungen.

Der Münchner Hochschulprofessor und Präsident des Ifo-Instituts kann der Vereinfachung sogar Positives abgewinnen: „Sie bringt Klarheit in die Argumentationslinie, und jeder kann überprüfen, ob ein Gedankengang logisch und argumentativ stringent ist.“

Sinn gehört zu den profiliertesten und prominentesten Ökonomen in Deutschland — nicht nur, aber auch wegen seiner scharfen Kritik an der Politik der EU-Staaten und der EZB. Von dieser Kritik wich er auch bei seinem Vortrag auf Einladung der Aachener Bank im Rahmen des Karlspreis-Rahmenprogramms nicht ab.

Sein Fazit: Die Krise ist noch lange nicht vorbei, die südlichen Staaten stehen bei weitem noch nicht so gut da, wie dies derzeit dargestellt werde, die spezielle Rettungsarchitektur der Europäischen Union mit ihren diversen Rettungsschirmen ist keine Lösung, sondern nur ein Beruhigungsmittel. Sein Credo: Es gibt keine Alternative zu Europa, aber über das Wie muss gestritten werten.

Die Garantieversprechen gerade der EZB führen zu einer unvermindert exzessiven Verschuldung — mit langfristig katastrophalen Folgen. Seine Empfehlung: Europa soll sich am Beispiel USA orientieren, wo Bundesstaaten und Kommunen pleite gehen können, ohne das jemand einspringt. Diese Risiko führt dazu, dass auch die Geldgeber vorsichtig werden — und die Verschuldung nicht ins Unermessliche steigt.

Für diese Diagnose gab es viel Beifall vom Auditorium — aber keine kritische Nachfrage. Die hätte Sinn ohne Zweifel auch souverän gekontert. Der Ökonom verfügt über ein stupendes Hintergrund- und Detailwissen, das bei seiner Analyse der Eurokrise in sieben Schritten immer wieder aufblitzte. Dann wurde der Vortrag wissenschaftlich und bisweilen kompliziert. Dann wurde auch deutlich, was Sinn zuvor in kleiner Runde betont hatte: Dass er sich im Elfenbeinturm der Wissenschaft wohler fühlt. „Es gibt eine wissenschaftliche Wahrheit und eine öffentliche Wahrheit“, konstatiert er.

Für letztere sind vor allem Politik und Medien verantwortlich. Sinn schätzt — wohl auch aus eigener Erfahrung — den Einfluss der Wissenschaft auf die Politik als sehr gering ein. Trotzdem wird er nicht müde, den Zeigefinger mahnend zu heben. Und wer dabei zumindest auffallen will, muss eben raus auf den Marktplatz — und vereinfachen.

(hjd)
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