„Keine Lust auf Spielchen“: Die erste Frau im Finanzvorstand eines Dax-Konzerns

„Keine Lust auf Spielchen“ : Die erste Frau im Finanzvorstand eines Dax-Konzerns

Heute macht Simone Menne das, wovon sie als junge Frau träumte: Kunst. In der Kieler Innenstadt hat die Finanzexpertin eine Galerie eröffnet. Während des Interviews hört man die Möwen und das Tuten der Kreuzfahrtschiffe.

Zuvor hat sie eine harte Karriere als Managerin bei der Lufthansa gemacht, wo sie die erste Finanzvorständin in einem Dax-Unternehmen war. Dafür musste sie allerdings auch Niederlagen wegstecken, wie sie im Gespräch mit Kristina Dunz erläutert.

Frau Menne, hat der Internationale Frauentag für Sie eine besondere Bedeutung?

Simone Menne: Nein.

Das fängt ja gut an. Berlin hat den Tag zum Feiertag erklärt.

Menne: Das finde ich schräg. Viel wichtiger ist, sich nicht nur am 8. März, sondern im ganzen Jahr zu fragen: „Warum sinkt der Frauenanteil im Bundestag? Warum haben Frauen nicht die Hälfte der Mandate, warum sitzen sie nicht in den Vorständen?“ Ein Feiertag ändert da­ran gar nichts.

Was halten Sie von einem Gesetz, mit dem Frauen zu 50 Prozent in die Parlamente einziehen sollen?

Menne: Ich bin Erstunterzeichnerin.

Interessieren sich Frauen zu wenig für politische Macht?

Menne: In der Politik haben wir ein grundsätzliches Problem, richtig gute Leute zu finden. Sie werden zu schlecht behandelt und zu schlecht bezahlt. Es ist völlig unverständlich, warum der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Unternehmens viel mehr Geld bekommt als die Bundeskanzlerin oder ein Ministerpräsident. Sie haben vielmehr Sorgen, Stress und Verantwortung. Gleichzeitig sind sie getrieben von der Sorge der Wiederwahl. Vielleicht brauchen wir ein anderes Modell, um hier eine andere Attraktivität aber auch andere Ergebnisse zu erzielen: Eine sechsjährige Wahlperiode ohne Möglichkeit zur Wiederwahl – und eine deutlich bessere Bezahlung. Da macht man keine faulen Kompromisse und der Austausch zwischen Politik und anderen Bereichen wird etwas Normales.

Eine Beschränkung auf eine sechsjährige Wahlperiode auch für die Bundestagsabgeordneten?

Menne: Das System muss noch genauer durchdacht werden. Es macht keinen Sinn, dass alle Parlamentarier auf einmal gehen. Vielleicht im Wechsel? So dass nicht alle auf einmal neu sind?

Aber was hindert speziell Frauen daran, Macht zu übernehmen?

Menne: Frauen haben keine Lust auf Spielchen, die nötig sind, um Karriere zu machen. Und Frauen wird auch immer noch ein schlechtes Gewissen gemacht und eingeredet, dass sie ihre Kinder vernachlässigen würden, um beruflich aufzusteigen. Das sagt natürlich kein Mensch einem Mann. Und darüber hinaus sehen Frauen Macht oft als etwas Böses.

Etwas Böses?

Menne: Ja, weil sie Macht oft als Missbrauch erleben. Und weil Macht oft mit Härte zu tun hat. Abgesehen davon, dass sie kaum noch Privatleben mehr haben, müssen Top-Manager oder Managerinnen jeden Tag Entscheidungen treffen, mit denen sie jemandem wehtun. Anders geht es nicht. Einfache Entscheidungen fallen auf anderen Ebenen. Macht ist aber auch etwas Wertvolles und Gutes, wenn man sie entsprechend für Gutes einsetzt. Auch jede Mutter hat Macht über ihre Kinder. Es kommt darauf an, wie man Macht ausübt.

Wann werden Frauen kein schlechtes Gewissen mehr gegenüber ihren Kindern haben?

Menne: Es muss sich in der Wahrnehmung in der Gesellschaft etwas ändern. In Schweden arbeitet jede und jeder selber für die Rente. Ehegattensplitting, Mütterrente wie bei uns gibt es dort nicht. In Schweden gibt es ein Betreuungsmodell für Kinder bis 16 Uhr. Und um 16 Uhr gehen die Eltern nach Hause. Auch der Top-Manager. Das Interessante ist: So wird effizienter gearbeitet.

Wer in Deutschland um 16 Uhr nach Hause geht, wird meistens schief angeguckt.

Menne: Die Präsenzkultur ist ein Problem. Und für eine Kulturänderung muss die Spitze des Unternehmens das Neue vorleben. Der Chef muss um 16 Uhr seine Kinder abholen. Und Vorgesetzte, die neue Arbeitszeitmodelle wagen, zum Beispiel zwei Frauen in Teilzeit auf einem Chefposten, müssen ausgezeichnet werden. Es geht auch um Vertrauen, zum Beispiel im Sinne der Arbeitszeitsouveränität. Man kann Ziele vereinbaren. Diese können zu Hause oder am Arbeitsplatz erreicht werden, und dazu braucht man vielleicht auch keine feste Wochenstundenzahl. Wir leben in einer Kontroll- und Misstrauenskultur, die meines Erachtens nicht mehr zeitgemäß ist. Ein Beispiel: Nur drei Prozent der Hartz-IV-Empfänger betrügen den Staat. Trotzdem ist das ganze System auf Kontrolle von Missbrauch ausgerichtet. Energieverschwendung.

Männer gehen Fußballspielen oder Biertrinken und knüpfen dabei ihre Netze. Frauen treffen sich und gehen unverbindlich auseinander. Können Frauen nicht netzwerken?

Menne: Netzwerken ist zunächst einmal nicht geschlechtsspezifisch und sollte das auch nicht sein. Aber Frauen geben gerade jener Frau keinen Auftrag oder einen Job, die sie gut kennen, weil sie das für Vetternwirtschaft halten. Bei Männern ist das gerade die Idee: Man ist befreundet, also vertraut man sich und vergibt Aufträge oder Positionen.

Und nun?

Menne: Frauen müssen andere Frauen in Position bringen – in Vorstände, Parteien, Gewerkschaften, Vereine. So wie es die Männer auch tun. Es gibt aber nur ein Lamento, dass nichts passiert. Dabei sind wir Frauen teilweise selber schuld. Frauen zergliedern sich in unterschiedlichsten Netzwerken, die sich nicht grün sind.

Wer verpackt Niederlagen besser: Frauen oder Männer?

Menne: Auf höherer Ebene sind Niederlagen für Frauen die größere Gefahr, weil sofort ein Rückschluss, auf die Fähigkeit von Frauen allgemein erfolgt. Das liegt einfach daran, dass es so wenige gibt. Männer gibt es ja genug in hohen Positionen. Wenn ein Mann scheitert, fällt das daher nicht so auf.

Aber gehen Männer mit Niederlagen anders um?

Menne: Ich hatte in den 1990er Jahren einen Misserfolg bei Lufthansa, der dazu führte, dass ich degradiert wurde und mir mit der Position verbundene Privilegien gestrichen wurden. Ich habe das akzeptiert. Viele haben mir gesagt, das hätte kein Mann gemacht. Der hätte zumindest auf den Dienstwagen bestanden oder wäre gegangen.

Sie sind trotz dieser Schlappe bei Lufthansa zur ersten Finanzvorständin – Frauen wählen die weibliche Form – eines Dax-Unternehmens aufgestiegen.

Menne: Nach dem Downgrade habe ich mich wieder hochgearbeitet. Ich habe ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Ich war mir keiner Schuld bewusst, habe aber die Fakten akzeptiert. Und dann wollte ich es denen zeigen.

Warum sind nicht Sie, sondern ist Carsten Spohr Vorstandsvorsitzender geworden?

Menne: Herr Spohr ist Pilot und war Vorstandsassistent, sein ganzer Lebenslauf hat zu dieser Position geführt. Es wäre sehr mutig gewesen, erstmals eine Frau zu einer Dax-CEO zu machen, wenn jemand da ist, der viel mehr mit der ganzen Mannschaft von Lufthansa verbunden ist als ich es war. Ich wäre es aber durchaus gern geworden.

Sie haben sich bisher gegen eine Frauenquote in Vorständen ausgesprochen. Bleiben Sie dabei?

Menne: Für einen kleinen Vorstand mit fünf Leuten eines spezialisierten Unternehmens ist eine Quote schwierig. Ich bin inzwischen aber hin- und hergerissen. Es kann nicht sein, dass der Frauenanteil sich verschlechtert und es noch immer kein Dax-Unternehmen mit einer Frau als CEO gibt. Und es bestürzt mich, dass die Hälfte der 160 Börsenunternehmen keine Frauen im Vorstand hat, und das – ungestraft – in ihren Geschäftsberichten verteidigt. Da steht wirklich: „Für den Vorstand liegt die Mindestzielgröße für den Frauenanteil bei Null – diese Zielgröße soll in den nächsten fünf Jahren nicht unterschritten werden.“ Das ist abstrus. Wie können Investoren das akzeptieren? Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass gemischte Vorstandsteams zu besseren Ergebnissen kommen, weil auch die Belegschaft und die Kunden nicht nur aus Männern bestehen. Eine homogene Perspektive hilft Unternehmen heute nicht mehr. Wenn sie nicht divers denken, sind sie auch nicht innovativ.

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