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Siegburg/Merzenich: Die denkenden Räume der Zukunft werden mit Hilfe aus Merzenich entwickelt

Siegburg/Merzenich : Die denkenden Räume der Zukunft werden mit Hilfe aus Merzenich entwickelt

Prototypen haben es an sich, dass sie auch mal aussehen, als würden sie gar nichts nutzen. So unfertig und simpel wirken sie. Über ein dünnes Stück Lattenrost, um das schwarzer Stoff gewickelt ist, kann man genau das sagen. Dabei ist dieser Prototyp ein Ergebnis von rund drei Jahren Forschung, das eventuell irgendwann die Arbeit in Pflegeheimen effizienter und besser machen könnte — falls aus der Forschung tatsächlich ein Produkt werden sollte.

Der Dürener Christian Schoeller, 60, war an der Testphase beteiligt. Er ist Geschäftsführer einer kleinen Firma aus dem Merzenicher Ortsteil Golzheim. Contronics heißt sie und hat fünf Mitarbeiter. Der Dienstleister entwickelt Software für Geräte, die Licht oder Wärme in großen Gebäuden wie Hotels von alleine steuern.

„Wir machen quasi das, was die Geräte alleine nicht schaffen. Wir bauen sie aber nicht ein, sondern helfen nur dabei, die Systeme zu realisieren“, erklärt Schoeller. Hausautomatisierung, oder „Smarthome“, heißt der Prozess und ist heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr. Das zeigt auch die Tatsache, dass Contronics bereits seit 15 Jahren sein Geld damit verdient.

Wie jede andere Technik auch lässt sich die Hausautomatisierung weiterentwickeln — und deswegen war Christian Schoellers Firma Teil eines Forschungsteams. Es ging nicht um Hotels, sondern um Pflegeheime. Der entscheidende, neue Teil der Hausautomatisierung: Die Experten sollten eine Software entwickeln, die selbstständig lernt und in das gängige Automationssystem integriert ist. Adaptives Lernen heißt das im Fachjargon.

Sensor im Bett

Christian Schoeller findet den Lattenrost-Prototyp auch nicht schön, aber an ihm lässt sich leicht erklären, was die Gruppe überhaupt erforscht hat und was die Ergebnisse bringen könnten. In dem schwarzen Stoff befindet sich nämlich ein Sensor, der misst, wie lange eine Person — nennen wir sie Frau Müller — in ihrem Bett im Pflegeheim liegt. Wenn sich Frau Müller jeden Tag um 22 Uhr schlafen legt und um 6 Uhr aufsteht, merkt sich der Sensor das.

Muss Frau Müller regelmäßig um 1 Uhr auf Toilette und braucht dafür 15 Minuten, speichert der Sensor, dass Frau Müller in dieser Zeit nicht im Bett ist. Jener Sensor ist nur einer von vielen, der die Aktivität von Frau Müller misst. Falls sie eines Nachts nach einer halben Stunde nicht wiederkommt, und zeitgleich der Präsenzmelder im Bad merkt, dass Frau Müller länger als sonst in dem Raum ist, scheint etwas nicht zu stimmen.

Ist Frau Müller gestürzt? Ist sie ohnmächtig? Das wissen die Sensoren zwar nicht. Aber das System könnte eine Meldung auf einen Display senden, die die Pfleger sehen können, um dann nach dem Rechten zu sehen.

Soweit die Theorie, die das Forschungsteam kürzlich in Siegburg vorgestellt hat. Die Gruppe um Projektkoordinator Christian Schoeller wurde für ihre jahrelangen Tests vom Bildungs- und Forschungsministerium mit 1,5 Millionen Euro gefördert; Contronics erhielt davon 283.000 Euro, insgesamt flossen 2,3 Millionen in das Projekt. Elf weitere Teams haben ihre Projekte im Gesamtwert von rund 21 Millionen Euro (Förderung: rund 16,5 Millionen) auf einer zweitägigen Veranstaltung präsentiert. Sie trug die Überschrift „Adaptive lernende Systeme — Für eine verständliche Interaktion zwischen Mensch und komplexer Technik.“

Roboterarm für höhere Ausdauer

Das Fraunhofer Institut zum Beispiel stellte eine Art Roboterarm vor, der „künstliche Ausdauer“ erzeugt, um zum Beispiel länger über Kopf mit einem Akkuschrauber zu arbeiten. Der Roboterarm sieht aus wie eine Jacke, die die menschliche Kraft mit Druckluft unterstützt. Gelenke sollen auf diese Art weniger verschleißen, lautet ein Ziel.

Am Beispiel von Frau Müller lassen sich zwei weitere Projekte einfach erklären. Erstens: Nehmen wir an, Frau Müller ist dement. Dann könnte eine Brille ihr im Alltag etwa beim Kaffeekochen helfen. Die speziellen Gläser erkennen, dass Frau Müller vor der Kaffeemaschine steht, und auf ihnen erscheint wie auf einem Bildschirm die Anleitung, wie Frau Müller die Kaffeemaschine zu bedienen hat. Das Projekt wird koordinierte von der Universität Bielefeld.

Zweites Beispiel: Nehmen wir an, Frau Müller hat eine Reha hinter sich. Ein Teppich, der wie jeder andere in der Wohnung liegt, kann anhand von Sensoren ihre Bewegungen analysieren. Anhand der Daten (Geschwindigkeit, Schrittgröße und -art, Belastung) erkennt das System nach gewisser Zeit, wie erfolgreich die Reha war. Oder die Daten lassen auf eine schleichende Erkrankung schließen.

Bei der Forschung ist es so, dass die Ergebnisse keine fertigen Produkte sein dürfen — deswegen heißen sie Prototypen. Es kann also niemand — weder das Fraunhofer Institut noch Christian Schoeller — genau sagen, ob und wann die Forschungsergebnisse Marktlücken schließen. Was mögliche Produkte kosten würden, steht auch noch auf einem anderen Blatt. Und die potenziellen Käufer wären im Projekt von Schoeller & Co. auch nicht Pflegeheime oder die Senioren, sondern in erster Linie deren Angehörigen.

Einen Namen gemacht

Ob die vergangenen Jahre denn überhaupt ein Erfolg waren, ist dann die erste Frage, die man Christian Schoeller stellen muss. Denn seine Firma ist klein, kann also nicht viel Personal für ein solches Großprojekt entbehren — und sie hat einen „nicht unerheblichen finanziellen Teil“, wie Schoeller sagt, selbst beigesteuert. „Ich ziehe einen Vergleich zur Schule: Ein schlechter Mathelehrer bewertet nur das Ergebnis. Für ein falsches gibt es keine Punkte“, betont Schoeller. „Ein guter schaut sich den Rechenweg an. Ein Zahlendreher am Anfang ist also nicht so schlimm, wenn das Ergebnis damit schlüssig ist. So ist das auch in der Forschung.“

Schoeller will damit sagen, dass jeder einzelne Forschungsschritt Basis für weitere Projekte sein kann. Zudem ist der Zweck einer Teamforschung, dass sie Fragen beantworte, für die ein Einzelner keine Antwort liefern könne. „Der Blick weitet sich, das Projekt an sich ist schon ein Erfolg gewesen. Ich würde immer wieder mitmachen“, sagt Schoeller.

Er legt Wert darauf, nicht als visionärer Unternehmer dargestellt zu werden, falls die Forschungsergebnisse eventuell große Erfolge bringen. Aber es lässt sich nun mal nicht unter den Teppich kehren, dass sich ein kleines Unternehmen aus einem Ort mit 1300 Einwohnern einen Namen im Forschungsministerium gemacht hat. Da kann der Prototyp noch so simpel aussehen.