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Aachen: Die Baubranche greift mit Aachener Netzwerk zur Selbsthilfe

Aachen : Die Baubranche greift mit Aachener Netzwerk zur Selbsthilfe

Der Pannenflughafen BER in Berlin gilt gemeinhin als Lehrbeispiel für ein missglücktes Bauprojekt: jahrelange Verzögerungen, explodierende Kosten und eine mehrfach verschobene Inbetriebnahme. „Der BER zeigt, dass Großprojekte kaum noch handzuhaben sind“, sagt Goar T. Werner, Geschäftsführer des Kompetenznetzwerks Aachen Building Experts e.V. (ABE).

Das Grundproblem: viele Rädchen, die ineinander greifen müssen. In der Baubranche sei an Innovationen nicht zu denken, 30 Jahre habe sich auf den Baustellen kaum etwas getan. Internationaler Wettbewerb? Fehlanzeige. Werner spricht von niedriger Produktivitätssteigerung, einem Mangel an qualifizierten Fachkräften und geringen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung.

Es dominierten konservative Unternehmenskulturen, resümiert er und fügt hinzu: „In Deutschland ist die Branche sehr mittelständisch geprägt und daher sehr speziell. Auch bei der Digitalisierung ist man weit abgeschlagen.“ Wer den Wirtschaftsingenieur so reden hört, mag einen Abgesang auf das deutsche Baugewerbe anstimmen wollen. Doch weit gefehlt. „Wir wollen uns selbst helfen.“

Innovation durch Wissens- und Technologietransfer lautet die Zauberformel, die die Branche in der Region in die Erfolgspur führen soll. Die Grundidee: Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette Bau sollen sich branchenübergreifend vernetzen, um gemeinsam Erfolg zu haben. „Wir müssen dahin kommen, dass es bei einem Projekt nur noch ein Modell gibt, auf das alle zugreifen können, die an dem Bau beteiligt sind“, skizziert Werner die Vision, die bisher eigentlich nur von den Großen der Branche gelebt wird und auch da längst nicht von jedem.

Innovatives Bauen fördern

„Die Leute darin zu schulen, ist erst einmal teuer“, begründet der Ingenieur nicht zuletzt die Zurückhaltung mittelständischer Firmen. Hinzu komme die Angst vor dem Unbekannten. Um diese zu nehmen und alle Beteiligten zusammenzuführen, hat sich im August 2016 der ABE gegründet, ein Zusammenschluss führender Unternehmen der regionalen Bauwirtschaft, der RWTH und FH sowie der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer Aachen.

Ziel sei es, die Bauwirtschaft für die digitale Zukunft zu rüsten und innovatives Bauen zu fördern, sagt Werner. „Die Vernetzung hat gefehlt. Wir müssen uns aber vernetzen, um Innovationen zu schaffen.“ Die Digitalisierung werde die Branche verändern.

In modernen Gebäuden fließen immer häufiger intelligent gesteuerte Energie-, Wasser-, Luft- und Informationsströme zusammen. Entsprechend würden sich Werner zufolge die Anforderungen an die sogenannte Technische Gebäudeausrüstung (TGA) und an die betroffenen Berufe verändern. Werner: „Bauwerke erfordern ein optimales Zusammenwirken von Bauwesen, Elektro- und Energietechnik, IT sowie klassischer TGA.“

Was fehlt, ist die passgenaue Ausbildung. Die will das ABE ab dem kommenden Wintersemester mit dem Smart Building Engineer schaffen. Der Studiengang an der FH schließe eine Ausbildungslücke in einem Zukunftsfeld der Baubranche, ist Werner überzeugt. „Bislang verbindet man Aachen mit Maschinenbau, Ingenieurswesen oder Elektromobilität.“ Die Hoffnung sei, dass bald der Smart Building Engineer hinzukomme.

Finanziell unterfüttert wird der Studiengang aus der Stiftung „Smart Building“, die im August 2017 aus dem ABE-Mitgliederkreis hervorgegangen ist. Auch die IHK hat Ressourcen zur Verfügung gestellt. Bauunternehmen und Planungsbüros halfen bei der Entwicklung des Lehrplans und brachten damit, betont Werner, vor allem die Anliegen aus der Baupraxis in den siebensemestrigen Bachelor-Studiengang ein.

Beteiligt sind die Fachbereiche Bauingenieurwesen, Elektro- und Informationstechnik sowie Architektur. Studieninhalte seien unter anderem die Grundlagen von Gebäudetechnik und Baukonstruktion, die Gebäudeklimatik, aber auch Mathematik und Recht, integrales Planen und Bauen.

Werner sieht den Studiengang auf einem soliden Fundament stehen. Zu Beginn gebe es zwei Stiftungsprofessuren und über fünf Jahre 300.000 Euro jährlich von der Bauwirtschaft. Dann übernehme das Land NRW. 60 Studierende seien erst einmal die Zielmarke. Werners Ziel: eine Ausbildung aus der Region für die Region — als Rezept gegen den Fachkräftemangel.