Frankfurt: Der lange und teure Weg ins Cockpit

Frankfurt: Der lange und teure Weg ins Cockpit

Die 22 Simulatoren rotieren rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Manche Pilotenanwärter müssen nachts ran, um ihre Übungsflüge in den Hightech-Kästen für Cockpits von Airbus- und Boeing-Jets absolvieren zu können. Jeder Flughafen in der Welt kann angeflogen, jede noch so kritische Situation simuliert werden.

Es ist nicht lange her, dass die Lufthansa ihre Simulatoren auch Piloten und Pilotenschülern anderer Airlines zur Verfügung gestellt hat. Diese Zeiten sind vorbei.

Die Lufthansa sucht händeringend junge Frauen und Männer, die ihre Jets steuern wollen. 500 Schüler büffeln derzeit in den Lufthansa-Pilotenschulen in Bremen und Rostock-Laage, sitzen in Simulatoren in Frankfurt, starten zu Trainingsflügen mit kleinen Piper- und SR-20-Cirrus-Maschinen in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona und Vero Beach in Florida. Insgesamt unterhält die Airline 18 Ausbildungsstätten.

„Die Aussichten sind derzeit rosig und das weltweit. Und wir haben den Höhepunkt der Nachfrage noch nicht erreicht“, sagt Matthias Lehmann, Geschäftsführer der European Flight Academy, unter der die Lufthansa ihre Flugschulen zusammengeschlossen hat. „Allein um die aus Altersgründen ausscheidenden Pilotinnen und Piloten zu ersetzen, braucht die Lufthansa-Gruppe jedes Jahr 300 neue Piloten.“

Ausbildungsstätten ausgelastet

Experten zufolge fürchten Boeing und Airbus, dass sie Flugzeuge nicht verkaufen können, weil Piloten fehlen. Boeing zufolge werden bis 2035 weltweit mehr als 600.000 neue Frauen und Männer fürs Cockpit benötigt, eine Viertelmillion allein in Asien und jeweils mehr als 100.000 in Europa und Nordamerika. Hierzulande hat die Lufthansa-Tochter Eurowings angeblich mittelfristig einen Bedarf von 2000 Flugzeugführern.

Nicht ganz so euphorisch ist Markus Wahl, Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). „Die Aussichten für Piloten sind sicher viel besser als vor einigen Jahren. Sie hängen aber auch davon ab, ob man in die Ausbildung bei einer großen Airline kommt.“ Bei Lufthansa und ihren Töchtern seien die Chancen vergleichsweise gut.

Weltweit legt der Luftverkehr weiter zu. Die internationale Luftfahrtverband IATA rechnet mit einem jährlichen Passagierwachstum von vier Prozent. Verstärkt wird dies durch die global rund laufende Konjunktur. Also können sich auch die Flugschulen über Nachfrage nicht beklagen. Die Ausbildungsstätten der Lufthansa sind aktuell voll ausgelastet. Rund 70 Unternehmen bilden allein in Deutschland Piloten aus. Bis zu einer Airline ist es dann aber immer noch ein weiter Weg, vor allem für die, die nicht bei einer großen Airline lernen.

Abitur ist meist erforderlich

„Wer Pilot werden will, sollte halbwegs gesund sein und gut aus beiden Augen schauen können“, sagt Wahl mit Blick auf die grundsätzlichen Voraussetzungen. Hilfreich ist gutes Englisch, Abitur ist meist erforderlich. Wichtig sind ein gutes technisches Grundverständnis und räumliches Vorstellungsvermögen, ergänzt Lehmann. Sehr genau schaut nicht nur die Lufthansa auf den Menschen. „Im Cockpit brauchen wir keine Einzelkämpfer. Das ist eine Teamaufgabe, die einen besonnenen Charakter erfordert“.

Es ist also alles andere als einfach, Pilotenschüler zu werden. Drei Tage lang müssen sich Bewerber einer intensiven Prüfung unterziehen. Wie viele durchfallen, verrät Lehmann nicht. Aber wer aufgenommen wird, ist bei Lufthansa fast durch. „Nur ein Prozent der angenommenen Bewerber schaffen die Pilotenausbildung nicht“, erklärt Lehmann.

750 Stunden Theorie — von Luftrecht über Instrumente, Flugleistung, Meteorologie, Navigation, Aerodynamik und Sprechfunkverfahren — gehören zur Ausbildung, außerdem 240 Flugstunden auf den kleinen Trainingsmaschinen. Die Ausbildung bei Lufthansa umfasst auch die Musterberechtigung, also die Schulung für Maschinen von Airbus oder Boeing — dies alles aber im Simulator.

Bis zu 100.000 Euro verschlingt die zweijährige Ausbildung. Angesichts des hohen Bedarfs hat die Lufthansa die Kosten im Herbst auf 80.000 Euro gesenkt und stundet den Betrag. Zurückgezahlt werden muss das Geld nach und nach erst, wenn der Neu-Pilot fest eingestellt ist. Laut Wahl erscheint vielen eine Ausbildung in den USA attraktiv, weil sie kostengünstiger ist. Wer dann in Europa fliegen will, muss seine Lizenz aber umschreiben lassen, was nicht billig ist. Umgekehrt ist es heute aber auch leichter, mit einem deutschen Pilotenschein bei Airlines in Asien, Afrika oder Amerika anzuheuern. Piloten können auch selbstständig arbeiten und werden dann nach geleisteten Flugstunden bezahlt. Freilich gibt es hier neben eher niedrigen Gehältern zum Teil fragwürdige Bedingungen, wie etwa beim irischen Billigflieger Ryanair.

Bis zu 18 Stunden Arbeitszeit

Wer einen festen Job im Cockpit ergattert, verdient heute nicht mehr so üppig wie in früheren Jahren. Laut VC liegt das monatliche Bruttogehalt für Co-Piloten zwischen 1500 und 5000 Euro brutto monatlich, ein Kapitän kann mit 3000 bis 10.000 Euro rechnen. Bei Lufthansa gibt es beim Einstieg rund 73.000 Euro im Jahr, ein Kapitän kann mit bis zu 250.000 Euro rechnen. Billigflieger zahlen deutlich weniger, am Ende rangiert Ryanair mit nur 30.000 Euro im Jahr für einen Co-Piloten.

Tagelange Pausen sind heute nicht mehr drin. „Nach spätestens 48 Stunden geht es zurück nach Deutschland“, sagt Lehmann. Auf der Langstrecke steht ein Flug pro Tag auf dem Programm, bis zu 18 Stunden kann die Arbeitszeit betragen. Allerdings gibt es auch zwölf freie Tage im Monat. Auf der Kurzstrecke in Europa sind pro Tag bis zu sechs Flüge zu absolvieren, zehn Tage im Monat sind frei.

Selbst bei kleinen gesundheitlichen Beeinträchtigungen droht Piloten der Verlust der Flugtauglichkeit. Ein steifer Zeh wegen eines Skiunfalls oder ein lauter Silvesterknaller zu dicht am Ohr, der das Gehör nur leicht beeinträchtigt — schon ist es aus mit dem Job im Cockpit.

Gewerkschafter Wahl empfiehlt Piloten, auch wenn sie bei großen Gesellschaften in der Regel gut abgesichert sind, Vorsorge zu treffen: „Ein Plan B ist ganz wichtig. Etwa ein Studium nebenbei. Pilot ist im Übrigen kein Ausbildungsberuf. Man ist gelernter Facharbeiter. Mehr nicht.“

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