Aachen/Titz: Der Fernbus macht der Bahn Konkurrenz

Aachen/Titz: Der Fernbus macht der Bahn Konkurrenz

Von Aachen nach Berlin. Im ICE der Bahn dauert die Reise (inklusive Umstieg in Köln) laut Fahrplan fünf Stunden und 29 Minuten und kostet für die einfache Strecke 121 Euro. Wer rechnen kann und nicht auf die Uhr schauen muss, der startet ab Düsseldorf, fährt knapp zwei Stunden länger und zahlt nur 22 Euro — im modernen Fernbus. Seit Donnerstag ist das möglich.

Mehr als 70 Jahre lang schützte das „Personenbeförderungs-Gesetz“ den staatlichen Bahnbetrieb vor einer privaten Konkurrenz durch Fernbusse. Seit dem 1. Januar besteht dieses Monopol nicht mehr. Die Folge: Immer mehr Unternehmen drängen mit neuen Linien auf den Markt und bieten Fernreisen nach einem festen Fahrplan kreuz und quer durch Deutschland an.

Der Komfort ist — sieht man vom etwas eingeschränkten Platzangebot ab — durchaus mit der Bahn vergleichbar. Sven Müllejans, Geschäftsführer des Omnibusunternehmens Tirtey in Titz bei Jülich öffnet stolz die Tür zum neuen 500 000-Euro-Juwel des Unternehmens: Sein Neoplan „Skyliner“, der seit Donnerstag zwischen Düsseldorf und Berlin pendelt, bietet Klimaanlage, Stehküche, Snacks und Getränke an Bord sowie ein Multimedia-Center mit Flachbildschirmen. Toiletten sowieso.

Wer während der Fahrt arbeiten muss oder möchte, findet im ganzen Bus kostenlosen WLAN-Zugang, und damit niemand unrasiert in Berlin ankommt, verfügen die meisten Sitzplätze über Steckdosen mit 220-Volt-Anschluss.

Geradezu atemberaubend wird die Perspektive vor allem in der ersten Reihe, wenn man sich die schmale Wendeltreppe hinter dem Fahrersitz hochgearbeitet hat. Knapp vier Meter über der Fahrbahn: So dürften die wenigsten bisher die Autobahn erlebt haben. „Vor allem die Fahrt unter Brücken hindurch ist gewöhnungsbedürftig“, sagt Sven Müllejans. „Da ziehe ich immer den Kopf ein.“

Gleich nebenan steht ein ebenfalls nagelneuer MAN „Lion‘s Coach“, der seit Donnerstag täglich die Route Essen-Düsseldorf-Köln-Mannheim-Heidelberg-Karlsruhe-Stuttgart-Augsburg-München befährt. Abfahrt 6.15 Uhr, Fahrzeit gut 11 Stunden, Preis 25 Euro.

Vor allem Senioren und Studenten seien auf das neue Angebot abgefahren, berichtet Müllejans. Die Premierenfahrt nach München sei ausverkauft gewesen, der Bus nach Berlin war zur Hälfte besetzt.

„Busreisen sind in der Regel günstiger als die gleiche Strecke per Bahn und verbrauchen pro Nutzer weniger Sprit als das Auto“, erläutert die Verbraucherzentrale NRW die Hauptvorzüge des Bustransfers. Damit sich die Busfahrt tatsächlich lohnt, sollten Reisende allerdings die Kosten hierfür mit den Sparpreisen der Bahn vergleichen und die Konditionen einer Fahrgemeinschaft checken.

Außerdem sollten Busreisende vor einer Ticketbuchung unbedingt prüfen, an welchen Start- und Zielorten Busbahnhöfe sind, und wie sie dorthin gelangen.

Service und Komfort unterscheiden sich nach Angaben der Verbraucherzentrale NRW bei verschiedenen Unternehmen erheblich. Meist werde nur ein bestimmtes Kontingent an Plätzen zu Sonderkonditionen verkauft. Ermäßigungen gebe es in der Regel für Kinder, Jugendliche, Studenten oder Senioren. Wenn zu viele oder zu schwere Gepäckstücke mit auf die Reise gehen oder das Fahrrad mit soll, werde oft die Buchung eines Zusatztickets fällig.

Gerne hätte die Berliner Firma meinfernbus.de, in deren Auftrag die Titzer Firma Tirtey fährt, auch die Region westlich des Rheines an ihr deutschlandweites Fernbus-Netz angebunden. Doch bisher scheiterte das Vorhaben an der Aachener Stadtverwaltung, die den Wunsch der Busbetreiber nach einer bahnhofsnahen Zusteigemöglichkeit nicht erfüllen konnte. Ein bestehender „Fernbus-Bahnhof“ im Osten der Stadt ist für die Berliner kein Thema, auch der Bendplatz, der von den Größe her perfekt wäre, ist für sie zu weit vom Hauptbahnhof entfernt.

In der Hauptstadt halten die Busse am Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) in der Nähe des Internationalen Congress-Centers (ICC). Von dort komme man für 2,40 Euro mit der S-Bahn in die City, sagt Tirtey-Geschäftsführer Sven Müllejans. „Wir waren als Aachen-Partner vorgesehen“, bedauert er die „fehlende Kompromissbereitschaft“ der Stadt.

„Es ist ja nicht so, dass unsere Busse dort stundenlang mit laufendem Motor an den Haltestellen herumstehen“, stellt er klar. Trotzdem habe die Stadt sämtliche Vorschläge abgelehnt, darunter auch den Parkstreifen hinter der Landeszentralbank zwischen Hauptbahnhof und Burtscheider Viadukt. Doch Müllejans ist zuversichtlich: „Wir bleiben im Gespräch. Der Bus ist noch nicht abgefahren.“