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Brüssel/Straßburg: Der Anfang vom Ende für Glyphosat?

Brüssel/Straßburg : Der Anfang vom Ende für Glyphosat?

Glyphosat muss weg. Das Europäische Parlament hat am Dienstag mit klarer Mehrheit entschieden, die Zulassung für das umstrittene Pflanzenschutzmittel über den 15. Dezember hinaus nicht zu verlängern. Doch das bedeutet wenig bis gar nichts.

Denn die, die darüber wirklich beschließen, kommen am Mittwoch in einem Ausschuss der Brüsseler Kommission zusammen: Scopaff nennt sich das Gremium. Übersetzt: Ausschuss für Pflanzen-, Tier-Lebensmittel- und Futtersicherheit. Er setzt sich aus den Experten der Mitgliedstaaten zusammen. Irgendwann in den vergangenen Wochen haben selbst die Experten aufgehört zu zählen, wie oft es in diesem Kreis schon keinen tragfähigen Beschluss gab und man deshalb auf ein formelles Votum verzichtete.

Eine qualifizierte Mehrheit wäre erreicht, wenn 55 Prozent der Mitgliedstaaten, die 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren, zustimmen oder ablehnen. Malta, Italien und Österreich plus möglicherweise Frankreich stehen als Nein-Sager fest. Deutschland wird sich wohl enthalten. Und der Rest? Die Verwirrung ist selbst an diesem Tisch groß.

Gemäß aktueller Rechtslage müsste die Kommission selbst entscheiden, wenn es wieder keine Einigung gibt. Doch die weigert sich, dass man ihr den Schwarzen Peter zuschiebt. Erlösung könnte ausgerechnet aus Deutschland kommen, das bei diesem Thema die Berichterstattung innehat. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), der eigentlich für den weiteren Einsatz von Glyphosat eintritt, aber angesichts eines Veto von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) nichts machen kann, propagiert nun einen Plan B: Keine weitere Verlängerung um zehn Jahre, sondern nur bis zum 15. Dezember 2022. In dieser Zeit sollen neue wissenschaftliche Erkenntnisse gesammelt werden. Sollten die den Krebsverdacht belegen, habe die Kommission (ob sie will oder nicht) das Recht, den Einsatz sofort zu stoppen.

Doch der Kompromiss ist nichts anderes als der Versuch, sich Zeit zu kaufen. Glyphosat wurde in den 70er Jahren von dem US-Hersteller Monsanto auf den Markt gebracht. Ein regelrechtes Wundermittel in den Augen der meisten Landwirte, weil es Gräser und Unkraut vorbeugend vernichtet, Mais, Raps oder Weizen aber schont. Ergebnis: Die Bauern sparen Zeit und Geld, weil sie ihre Felder nicht mehr umpflügen müssen. Niemand kommt auf die Idee, Glyphosat zu verteufeln. Die Wende folgt erst 2015.

Da durchbrechen die Krebsforscher der Weltgesundheitsagentur (IARC) das friedliche Bild mit dem Urteil „wahrscheinlich krebserregend“. Dagegen stellt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) dem Mittel weiter einen Persilschein aus und unterstützt das Ergebnis der EU-Agentur für Lebensmittelsicherheit (Efsa) in Parma (Italien), die ebenfalls keine Einwände hat. Aber die Diskussion ist — einmal losgetreten — nicht mehr aufzuhalten.

Es folgen Untersuchungen vieler Umweltschutzorganisationen, die Glyphosat-Reste in Speiseeis und anderen Naturalien nachweisen. Erst vor wenigen Tagen legten niederländische Forscher eine Studie vor, die hohe Belastungen bei Anwohnern von Feldern feststellte, wenn Glyphosat bei starkem Wind ausgebracht und in die Siedlungen geweht wird.

Inzwischen warnen die Glyphosat-Befürworter wie Agrarminister Schmidt vor einer „hysterisierten“ Öffentlichkeit. Und auch EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis sagte jüngst, politische Meinungen könnten „weitgehend akzeptierte wissenschaftliche Ansichten nicht aufheben“. Er versteht seine Ausage als Votum für das Herbizid.

Schlagkräftige Bewegung

Doch Umweltverbände und Nichtregierungsorganisationen haben sich längst zu einer schlagkräftigen Bewegung formiert. Über 100 schlossen sich zusammen und legten in Brüssel 1,3 Millionen Unterschriften gegen die verlängerte Zulassung von Glyphosat vor. Die Kommission muss sich damit nicht beschäftigen, aber es wäre wohl politisch unklug, dieses europäische Bürgerbegehren nicht zuzulassen.

Denn für viele Gegner geht es längst nicht mehr nur um das konkrete Produkt, sondern um eine Agrarwende. Weg von Pflanzenschutzmitteln, hin zu einer Renaissance unbelasteter und natürlicher Nahrungsmittelproduktion. Dass ausgerechnet die Landwirte selbst davon wenig wissen wollen, stimmt, hängt aber weniger damit zusammen, dass sie den bequemen Weg mit Pflanzenschutzmittel gehen möchten. Sie befürchten, dass sie den Mehraufwand für den Ackerbau ohne Hilfsmittel am Ende nicht auf den Verbraucher abwälzen können.

Die Frage, wie es ohne Glyphosat weitergehen würde, ist nur schwer zu beantworten. Laut Umweltbundesamt würde es bei einem Auslaufen der Zulassung eine mehrmonatige Aufbrauchfrist geben, die sicherlich noch die Agrar-Saison 2018 beinhalten dürfte. Dann, so befürchten viele, könnten die Bauern allerdings geneigt sein, zu anderen Herbiziden zu greifen, die weiter erlaubt sind, aber deren Risiko deutlich höher als Glyphosat ist.

Diese Befürchtung hört man oft beim Umweltbundesamt. Denn nicht alle Lebensmittelproduzenten tun sich so leicht, ihre Äcker einfach wieder durchzupflügen. Beim Weinanbau in Steillagen, heißt es bei der Agrarlobby, sei die Arbeit ohne ein Herbizid so deutlich teurer, dass Preisanstiege praktisch unumgänglich wären.

Bei Monsanto und seinem künftigen Besitzer Bayer ist man schon weiter als bei der EU. Sollte Glyphosat tatsächlich verschwinden müssen, will man die Gemeinschaft verklagen.