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Jülich/Aachen: Den Traum vom Start-up-Unternehmen leben

Jülich/Aachen : Den Traum vom Start-up-Unternehmen leben

Die Stimmungslage bei Vitali Weißbecker und seinen Mitstreitern lässt sich in diesen Tagen präzise beschreiben: „Vorfreude!“ Mit Andreas Schulze Lohoff und Klaus Wedlich kann Weißbecker jetzt den Traum vom Start-up-Unternehmen leben — und die Entwicklung von effizienten Beschichtungen für die Stromabnehmerplatten in Brennstoffzellen vorantreiben.

Die Finanzierung für ihre Geschäftsidee steht.

Seinen Weg hatte das Trio klar vor Augen: Aus dem Labor im Forschungszentrum Jülich (FZ) raus auf den Markt, mit einem eigenen Produkt, das „so noch nicht auf dem Markt ist“, sagt Weißbecker. Eine Idee umsetzen, sie zu einem Geschäftsmodell machen — ohne Basisfinanzierung kaum möglich. Allein mit den 10.000 Euro Preisgeld aus dem 2015 gewonnenen Gründungswettbewerb AC² wäre das Start-up nicht auf solide Füße zu stellen. Weißbecker und Co. beantragten einen Exist-Forschungstransfer des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Der wurde genehmigt — und läuft ab Januar 2016 zunächst 18 Monate.

Die Förderung deckt vier Personalstellen sowie ein Budget für Investitionen wie Geräte, Sachmittel sowie Dienstreisen ab. Am Ende muss die Firma gegründet sein. Eine Rückzahlungspflicht gibt es nicht. Während dieser Zeit können Weißbecker, Schulze Lohoff und Wedlich am FZ bleiben. „Das Know-how gehört dem Institut und wir haben im Zweifelsfall die Möglichkeit, nicht in die zweite Phase überzugehen. Dann kann das Institut entscheiden, das Thema weiterzuverfolgen, zu publizieren oder anderweitig zu verwerten.“

Für ihren Mentor Werner Lehnert eine Situation, von der beide Seiten profitieren. „Die Drei haben die Möglichkeit, unsere Strukturen zu nutzen, um ihre Entwicklung voran zu treiben. Das FZ profitiert vom Know-how und dem Ideenreichtum“, sagt der Professor, der Weißbecker, Schulze Lohoff und Wedlich während ihrer Doktorantenzeit begleitet hat.

Der Exist-Forschungstransfer ist nur eine Möglichkeit zum Anschub einer Neugründung. Es gibt eine ganze Reihe von Finanzierungsmodellen für neue Unternehmen. Insbesondere für solche Start-ups, die aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen heraus gegründet werden.

So hat das NRW-Wissenschaftsministerium unlängst ein Programm „Start-up-Hochschul-Ausgründungen“ vorgestellt: Gründer werden pro Vorhaben in der Anfangsphase mit bis zu 240.000 Euro gefördert. Bewerben können sich Studenten, Absolventen oder Universitätsangehörige. Endscheidend für eine mögliche Förderung: Ihre Projekte müssen auf Wissen basieren, das aus Lehre und Forschung stammt.

Bis zum Jahr 2020 vergibt das Wissenschaftsministerium insgesamt 20 Millionen Euro. Gefördert wird bis zu 18 Monate. „Hochschulausgründungen sind für das Land von großer Bedeutung und unverzichtbar: Innovationen werden so schnell und effizient in die Praxis umgesetzt. Zudem schaffen sie Arbeits- und Ausbildungsplätze und erhöhen die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Region“, erklärt NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze.

Geld kann aber genauso gut von einem Investor beziehungsweise entsprechenden Fonds kommen, die gute Ideen finanzieren. So gibt es beispielsweise den „Seed Fonds II für die Region Aachen GmbH & Co. KG“. Dieser stellt nach eigener Aussage jungen Unternehmen in der Gründungsphase das notwendige Eigenkapital zur Verfügung und will so die Entwicklung zukunftsorientierter Technologien in der Wirtschaftsregion Aachen beleben.

Pro Unternehmen kann der Fonds insgesamt maximal eine Million Euro, mit Co-Investoren bis zu zwei Millionen Euro investieren. Neben der NRW.BANK wird der Seed Fonds Aachen II von der Sparkasse Aachen und der DSA Invest GmbH, hinter der die Aachener DSA Daten- und Systemtechnik GmbH steht, finanziert.

Investitionen in der Region

Zuletzt wurde mit diesem Fonds und weiteren Mitteln der DSA Invest ein sechsstelliger Betrag in die in Herzogenrath ansässige Logcom GmbH investiert, die Datenbrillen für die Lagerlogistik entwickelt. Auch die Firma Psyware schloss die erste Finanzierungsrunde mit dem Seed Fonds Aachen II und der DSA Invest GmbH, im Juni wurde die dritte Finanzierungsrunde mit Beteiligung der NRW.BANK und von Business Angels geschlossen.

Solche Business Angels (Geschäftsengel) sind meist vermögende Privatinvestoren, die junge Unternehmen finanzieren — in den USA bewegen sie jedes Jahr Milliarden Dollar. In Deutschland treten sie — noch — deutlich seltener und unauffälliger in Erscheinung. Allein im Silicon Valley in Kalifornien sollen jedes Jahr 15 Milliarden Euro sogenanntes Venture- oder — übersetzt: — Wagnis-Kapital in Start-ups investiert werden. In Deutschland ist es ein Bruchteil. Doch im Silicon Valley, in dem Firmen wie Google, Facebook und viele andere ihren Ursprung und weiterhin ihren Sitz haben, gibt es einen Hügel, den „Dish“, auf dem immer wieder junge Absolventen der Stanford University mit älteren Herren spazieren.

Rund eine Stunde dauert eine kleine Runde, so lange hat der junge Gründer Zeit, den potenziellen Investor zu überzeugen. Zig Millionen Euro sollen nach einem solchen Spaziergang schon bewegt worden sein. Von ähnlichen Geschichten auf dem Aachener Lousberg gibt es keine Überlieferung. . .

Für das Gründertrio aus dem FZ wird es also ernst. Aktuell werden unternehmerische Grundlagen geschaffen — Kontakte zu potenziellen Kunden und Partnern, der „Einkauf“ eines Wirtschaftsexperten, auch die Suche nach einem Firmennamen läuft. Und dann gibt es für die angehenden Unternehmer noch ein paar Doktorarbeiten abzuschließen. „Das lässt sich dank der Aussichten deutlich entspannter angehen“, ist Vitali Weißbecker sicher.

Wie gründet man erfolgreich ein Unternehmen?

Ein Unternehmen zu gründen, ist kein Kinderspiel. Es gibt immer neue Herausforderungen, wenn es darum geht, eine (gute) Geschäftsidee in die Tat umzusetzen. Diese Erfahrung haben schon viele — nun erfolgreiche — Unternehmer — gemacht. Drei Experten von Unternehmen aus der Region, die sich am Markt etabliert haben, begleiten unsere Serie und erinnern an die eigenen Herausforderungen, vor denen sie als Gründer standen. Wie haben Sie die erste Finanzierung Ihres Unternehmens sichergestellt?

Mario Reis (psyware GmbH, Aachen)

„2012 haben wir mit eigenen Mitteln einen Prototypen unserer Idee kreiert und Psyware gegründet. Auch wenn dieser Prototyp nicht mehr viel mit unserer heutigen Entwicklung zu tun hat, war es wichtig, neben dem Business Plan und einer guten Story etwas zu haben, das unsere Vision greifbar macht. Anfang 2013 wurden so die ersten Investoren überzeugt; in insgesamt drei Finanzierungsrunden konnte bislang ein mittlerer siebenstelliger Betrag allokiert werden.“

Andreas Kessell (antibodies-online GmbH, Aachen)

„Die erste Finanzierung stand auf vier Säulen: Eine bildeten die Mitglieder der Gruppen ,Family, Friends and Fools‘, die jeweils einen kleinen Anteil des Unternehmens gegen die Einlage von Eigenkapital erworben haben. Eine weitere bildete Risiko-Eigenkapital unter der Federführung des Seed Fonds Aachen und mit den Partnern S-VC sowie der KfW, die ebenfalls einen Anteil für die Kapitaleinlage erhielten. Die dritte Säule bestand aus Technologieförderprogrammen des Bundes für die Entwicklung besonders innovativer Softwarekomponenten, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Abgerundet wurde die Finanzierung durch Fremdkapitalkomponenten wie z.B. eine ausgeweitete Kontokorrentlinie zur Abwicklung des Handelsgeschäfts.“

Andreas Brust (GB — Unicore GmbH & Co. KG, Simmerath)

„Die erste Finanzierung wurde sichergestellt durch eine Absicherung der geplanten Investition über eine Ausfallbürgschaft der Bürgschaftsbank NRW. Dabei sollten die Kosten für eine solche Bürgschaft von vornherein mit eingeplant werden, da diese nicht unerheblich sind. So werden 1,5 Prozent der geplanten Investition bei Abschluss fällig und jedes Jahr weitere 1,0 Prozent. Daher sollte man unbedingt darauf achten, dass eine Bürgschaftsübernahme im Jahresanfang liegt, da sonst die 1,5 Prozent bei Abschluss und ein Prozent für das folgende Jahr in kurzer Zeit hintereinander fällig werden.“