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Gastbeitrag von Günther Schuh: Das Streetscooter-Ende ist ein Armutszeugnis für Deutschland

Gastbeitrag von Günther Schuh : Das Streetscooter-Ende ist ein Armutszeugnis für Deutschland

2010 begann Streetscooter als Start-up der RWTH. Bald wurde das Unternehmen als Vorreiter der E-Mobil-Branche gefeiert, 2014 an die Deutsche Post AG verkauft. Jetzt sind 500 Arbeitsplätze akut gefährdet. Ein Gastbeitrag von Mitgründer Günther Schuh.

Steve Jobs wollte den iPod in das Nokia-Handy integrieren. Das Handy war nicht gut genug dafür. Ein eigenes Smartphone entwickeln? Unmöglich! Er hat’s trotzdem gemacht. Jeff Bezos glaubte schon 1994 an den globalen Online-Handel, zunächst für fungible Produkte, Bücher, und gründete Amazon. Eigentlich schon das: unmöglich! Fast alles, was Elon Musk bisher gewagt hat, war jeweils nahezu unmöglich: paypal, Tesla, Gigafactory, SpaceX, Hyperloop!

Auch bei uns gibt es die Macher, die das Unmögliche wagen. Herbert Diess ist so einer, der den wahnwitzigen regulatorischen Angriff auf die Autoindustrie beherzt annimmt und das Unmögliche wagt, einen etablierten Markt in unrealistisch kurzer Zeit zu drehen, um damit der ökologisch notwendigen Mobilitätswende eine wirtschaftliche Chance zu geben. Womöglich rettet er damit einer ganzen Branche die Existenz. Wenn man ihn lässt. Wenn wir ihn unterstützen. Wenn wir uns an den Erfolgen freuen und nicht auf das Scheitern warten. Denn es ist eigentlich unmöglich. Das haben wir gerade wieder an dem Beispiel Streetscooter gesehen.

Wenn wir uns nämlich doch mal trauen, ein unmögliches Projekt zu starten, dann fehlt uns schnell das Geld und wir fallen in die Hände derjenigen, die Deutschland nach den Sparkassen-Regeln führen: „Investitionen so klein wie möglich, Ertrag muss sicher sein und der Break-even morgen“. 2010 haben wir auf dem Campus der RWTH Aachen den Streetscooter erfunden. Nicht nur ein auf den Zustellerzweck optimiertes Postfahrzeug, das schlagartig den maximalen CO2-Effekt unter den urban eingesetzten Fahrzeugen erzielt. Wichtiger ist das nachhaltigkeitsorientierte Aachener Produktionssystem IoP, das darauf abzielt, Überkapazitäten und Überproduktion, das Kernproblem der heutigen Automobilproduktion, radikal zu minimieren. Auch Tesla läuft noch in diese CAPEX-Falle. Streetscooter bekam den Auftrag der Deutschen Post DHL, weil die etablierten OEMs (original equipment manufacturers) die kleinen Stückzahlen für ein spezifisches Zulieferfahrzeug mit ihrem Produktionssystem nicht wirtschaftlich anbieten konnten.

Um den Auftrag wirklich zu bekommen, mussten wir der DHL eine Beteiligung an Streetscooter anbieten. Ein typischer Konzernreflex in „Möglichkeitsdeutschland“. Nach der Due Diligence will die Post sogar die Mehrheit an Streetscooter. Ich frage: „Warum wollen Sie Autohersteller werden?“ Antwort: „Wir wollen die Kontrolle und wir wollen schnell sein“. Es folgte die Inkarnation der Langsamkeit. Der externe Vertrieb wurde drei Jahre gestoppt, die Internationalisierung auch, das geplante Re-Engineering Programm auch, normale Beschaffungen verschleppt, das Management rausgeschmissen, Amateure wurden eingesetzt, die Bestellungen der eigenen Post-Fleet minimiert, jegliche Verbesserung verboten und auf eine Gelegenheit gewartet, das Geschäft bei nächster Gelegenheit unter einem Vorwand einzustellen. Das Coronavirus ist nun diese Gelegenheit. Ich bin fünf Jahre raus bei Streetscooter, aber es tut mir leid um die 500 tollen Mitarbeiter, die an das Unmögliche geglaubt haben und die Deutschland jetzt dringend braucht. Sie sind an die Grenzen des Möglichen gekommen. Hätte man uns doch die Kontrolle gelassen. Oder wiedergegeben.

Warum schaffen wir das Unmögliche nicht mehr wie früher? Was ist aus Erfinder-Deutschland geworden? Wir sind immer noch vorne dabei bei Patenten und Tausenden Innovationen, gerade aus dem Mittelstand. Aber warum überlassen wir die großen Disruptionen anderen? An unseren Kompetenzen und Fähigkeiten im Engineering-Valley Germany liegt es nicht. Kein E-Auto, keine automatisierte Fahrfunktion, kein Display, keine Batterie in der Welt kommt ohne veredelte Rohstoffe, Sensoren, Steuerungen und andere Zulieferkomponenten von deutschen Technologieunternehmen oder ohne deutsche Maschinen und Anlagen aus. Wir schaffen das Unmögliche nicht, weil wir es gar nicht erst versuchen. Das Silicon Valley ist uns deshalb so haushoch überlegen, weil dort ein ganzes Ökosystem tagtäglich nach dem Unmöglichen sucht, das Kunden begeistern und die Welt verbessern könnte.

Wir suchen eher nach kleinen, machbaren Ideen. In Kalifornien ein Autounternehmen aufzubauen, war ungefähr so schwer, wie eine Brauerei in der Wüste hochzuziehen. Dort gab es keine anderen Autohersteller, keine Zulieferer, keine Engineering-Dienstleister, keine Anlagenbauer. Ein perfekt trainiertes Möglichmacher-Ökosystem um Elon Musk hat es trotzdem mit zahlreichen Milliardären und einem überlegenen Private Equity Angebot geschafft. Die heutige Bewertung von Tesla am Kapitalmarkt beinhaltet die Fähigkeit, das Unmögliche schaffen zu können. Streetscooter hatte auch Unmögliches geschafft. Immerhin gab es acht Jahre danach immer noch keinen adäquaten Wettbewerber. Aber Streetscooter wurde weder eine ausreichende Finanzierung noch ein realistischer Zugang zum Kapitalmarkt gewährt. Schade für Deutschland. Hoffentlich werden dadurch nicht zu viele entmutigt.