Kammerpräsident Dieter Philipp zieht Bilanz: „Das geht mir gehörig auf die Nerven“

Kammerpräsident Dieter Philipp zieht Bilanz : „Das geht mir gehörig auf die Nerven“

Der Präsident der Handwerkskammer Aachen Dieter Philipp zieht eine positive Bilanz, kritisiert aber Aktionismus und „Arbeiten im Sparmodus“.

Der Herbstbericht von Kammerpräsident Dieter Philipp über die aktuelle Lage des Handwerks in der Wirtschaftsregion Aachen bewegt sich zwischen Zuversicht und Sorge – Zuversicht wegen der anhaltend guten Auftragslage und des „mehr als halbvollen Glases“ im Handwerk, Sorge wegen der allgemeinen politischen Unsicherheiten und Hiobsbotschaften sowie der Nachwuchssorgen der Zunft.

Philipp berichtete eingangs sogar von „Anlaufschwierigkeiten“ bei der Vorbereitung auf seine Ausführungen. Er habe sich jedoch letztlich nicht vom „Themengebräu der täglichen Berichterstattung“ leiten lassen, das sei „nicht seine Art“, sagte der 76-Jährige am Donnerstag vor den Obermeistern und Geschäftsführern der Kreishandwerkerschaften bei der Herbst-Vollversammlung der Kammer im Rittersaal der Burg Stolberg.

So richtete Philipp seine Betrachtungen durchaus lieber auf die „Habenseite“ der Handwerkerschaft: die hohe Zufriedenheit (93 Prozent) und die hohe Auslastung (85 Prozent) der Betriebe im Kammerbezirk. Auch die Wiedereinführung der Meisterpflicht zum 1. Januar 2020 sei „Anlass zur Freude“, sagte er – auch wenn „Jubelgeschrei“ noch fehl am Platze sei, weil bislang nur zwölf Gewerke zum Schutz des Kulturguts“ demnächst wieder Meister haben werden. Die Goldschmiede hätten wegen dieses Aspekts bereits Klage angedroht, wusste Philipp zu berichten.

Dennoch spiegelte der Grundtenor von Philipps Rede eher Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt und Zweifel an dessen Verbesserung wider. Der Kammerpräsident geißelte die weltweite „Trilogie aus Klimakatastrophendebatte, Koalitionskakophonie und Club der Narzisten“, die dazu beitrage, immer neues Konfliktmaterial zu schaffen statt zu Konfliktlösungen beizutragen. Das gehe ihm „– vorsichtig formuliert – gehörig auf die Nerven“.

Wohlgemerkt, er sei „nicht gegen Schutzmaßnahmen für unsere Umwelt“, sagte der oberste Handwerker, aber er sehe vorwiegend „unabgestimmte und nicht zu Ende gedachte Maßnahmen“, die nicht von „souveränem Handeln erfahrener Politiker“ zeugten, sagte Philipp und richtete seine Kritik offen gegen „Politiker, die in Panik geraten wegen der Folgen des menschlichen Handelns auf das Weltklima“, und das, weil „eine 16-jährige Schwedin das so will“. Er vermisse eine weitsichtige Planung in vielen wichtigen Politikfeldern, fuhr Philipp fort und lobte dagegen die Weitsicht von Handwerkern, die bei einem Hausbau immer mit „einem Plan und einer relativ gut abgestimmten Vorgehensweise mit allen Gewerken“ unterwegs seien.

Der Präsident rief seine Kollegen dazu auf, „vorne mit dabei zu sein“, eigene Kompetenzen und Stärken auszubauen, „egal welchen Baustoff uns die Politik, die Konjunktur, die Technik oder sonst wer zur Verfügung stellen.“

Doch auch hier droht der Branche laut Philipp Ungemach, namentlich der Zeitgeist. Er beobachte eine zunehmende Tendenz zum „Risiko vermeidenden Leben“ und sehe  „Beschäftigte, deren Energie bei der Arbeit tendenziell im Sparmodus läuft“.

„Was können wir tun?“, fragte Philipp in die Runde und lieferte gleich die Antwort: jungen Leuten die eigenen Gewerke als „sehr spannend und glücklichmachend“ vermitteln – „selbstverständlich, ohne etwas vorzugaukeln.“ Und der Kammerpräsident schloss: „Ich meine, wir haben viele tolle junge Handwerkerinnen und Handwerker, die in diesem Sinne als Botschafter wirken können.“

Mehr von Aachener Zeitung