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Das Coronavirus bedroht die deutsche Wirtschaft

Coronavirus als „Konjunkturhemmer“ : Der deutschen Wirtschaft droht eine Talfahrt

Das neuartige Coronavirus bedroht massiv die deutsche Wirtschaft. Die Industrie erwartet einen „Stresstest“ und fürchtet „spürbare negative Effekte“. Die Börsen rutschen in den Keller. Auch die Konjunktur der Region könnte darunter leiden.

In einer ohnehin geschwächten Wirtschaftslage in Deutschland droht die Lungenkrankheit, ein „wahrer Konjunkturhemmer“ zu werden, warnt der Industrie- und Handelskammertag am Donnerstag. Schon jetzt spüre die international stark vernetzte deutsche Exportwirtschaft, dass das Coronavirus den weltweiten Handel belaste und Unternehmen ihre Investitionsvorhaben an vielen Standorten zurückhielten.

„Die Ausbreitung des Coronavirus wird der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr erheblich zusetzen“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. „Produktionsausfälle bei chinesischen und deutschen Firmen in China, massive Reiseeinschränkungen und Handelseinbrüche zwischen China und asiatischen Nachbarländern sowie Nachfrageausfälle in Tourismus und Einzelhandel sind wahrscheinliche Szenarien, die auf die Wirtschaft auch in Deutschland und Europa zukommen können.“

Geschäftsziele werden korrigiert

Die in China tätigen deutschen und andere ausländische Unternehmen haben schon zu kämpfen. „Die Auswirkungen sind insgesamt schlimm“, stellten die deutsche und die europäische Handelskammer in China nach einer Umfrage unter Mitgliedsunternehmen fest. Fast 90 Prozent berichteten „mittelschwere bis starke Auswirkungen“ durch die Lungenkrankheit. „Jeder ist betroffen“, sagt der Vorsitzende der deutschen Handelskammer in Nordchina, Stephan Wöllenstein, in Peking.

Jedes zweite Unternehmen müsse die Geschäftsziele für das Jahr korrigieren. So erwarte fast die Hälfte der Firmen einen zweistelligen prozentualen Einbruch der Einnahmen in der ersten Hälfte des Jahres. Ein Viertel rechne sogar mit mehr als 20 Prozent Rückgang. Ein gutes Drittel hat heute schon Probleme mit seinen Finanzen. „Die Leute machen kein Geld, indem sie etwas verkaufen, aber müssen gleichzeitig Miete und Gehälter bezahlen“, sagt Wöllenstein.

Gerade kleineren und mittelgroßen Unternehmen geht durch die Lungenkrankheit leicht die Luft aus. „Einige von ihnen haben schon zu kämpfen, um durchzuhalten“, sagt der Chef der europäischen Handelskammer, Jörg Wuttke. Dabei könnte die Krise noch länger dauern als erwartet, wie der Chef der Expertenkommission der chinesischen Regierung, Zhong Nanshan, sagt. Er rechnet damit, dass die Epidemie in China erst „Ende April im Wesentlichen unter Kontrolle sein wird“.

Auch die Wirtschaft in der Region Aachen, Düren, Heinsberg mit ihren Geschäftskontakten rund um den Globus ist von den Auswirkungen mittelbar wie unmittelbar betroffen, wie Gunter Schaible, Geschäftsführer der Abteilung International, Verkehr und Handel bei der IHK Aachen auf Anfrage unserer Zeitung erläutert. „Allein schon deshalb, weil es bei Geschäftspartnern in Asien, auf deren Zulieferungen sie angewiesen sind, zu Produktionsausfällen kommt.“ Die Firmen des Kammerbezirkes würden jedoch sehr umsichtig mit dieser Situation umgehen, sagt Schaible. So würden etwa Reisen in vom Coronavirus besonders betroffene Länder derzeit nicht durchgeführt.

Was den Ausbruch des Cornoavirus im Raum Heinsberg anbelangt, zeigen sich ebenfalls erste Auswirkungen. So haben sich einige Unternehmen bei der Arbeitsagentur Aachen nach den Bedingungen für die Zahlung von Kurzarbeitergeld erkundigt (siehe Box). Doch bisher sei die Stimmung von großer Sachlichkeit geprägt. „Von Panik kann nicht die Rede sein“, betont Schaible. Ähnlich äußert sich auch Peter Deckers, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Aachen: „Bis jetzt haben wir kaum Anfragen aus den Betrieben“, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung.

Die Einrichtungen der Handwerkskammer wie etwa die Bildungszentren seien weiterhin geöffnet und der Betrieb finde ohne Einschränkungen statt. „Wir geben natürlich Hinweise zu Verhaltensregeln, zum Beispiel eine Nies-Etikette und halten die Situation permanent im Blick“, sagt Deckers. Maßgeblich seien die Empfehlungen des Gesundheitsamtes der Städteregion Aachen. Im Übrigen halte die Handwerkskammer auch an ihrer „Meisterfeier“ fest, die mit mehreren Hundert Teilnehmern am Wochenende in Alsdorf stattfinden soll.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU) sagte gestern, das Wirtschaftsministerium sei entschlossen, besonnen und ruhig zu handeln. Er rechne nicht mit großflächigen Lieferengpässen. Die Unsicherheit in der Wirtschaft sei aber gestiegen. Altmaier stellte bei einer massiven Ausweitung des Coronavirus mit Auswirkungen auf die Konjunktur ein Gegensteuern der Bundesregierung in Aussicht.

„Die Unsicherheit über die Auswirkungen des Virus ist groß“, sagt BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang in Berlin. China ist der größte deutsche Handelspartner. Jetzt sei auch wirtschaftliches Krisenmanagement der Bundesregierung gefordert. „Die Auswirkungen des Virus sind in der globalen Wirtschaft und der exportorientierten deutschen Industrie deutlich zu registrieren.“ Die in China tätigen Unternehmen arbeiteten unter Hochdruck daran, Abhängigkeiten zu reduzieren und Konzentrationsrisiken zu minimieren.

Chinesischer Flickenteppich

Die unmittelbaren Herausforderungen für die Firmen in China sind zunächst unvorhersehbare Vorschriften, Anforderungen für Quarantäne und weitgehende Voraussetzungen, um den Betrieb nach der verlängerten Pause seit dem chinesischen Neujahrsfest wieder anfahren zu können. „Der Flickenteppich widersprüchlicher Vorschriften, die der Kampf gegen Covid-19 entstehen ließ, hat Hunderte verschiedener Machtbereiche hervorgebracht, die es nahezu unmöglich machen, Waren oder Menschen in China zu bewegen“, sagt EU-Kammerpräsident Wuttke.

„China steht vor einem heiklen Balanceakt mit zwei wichtigen, aber auseinanderlaufenden Zielen: Die Maßnahmen zur Vorbeugung gegen das Virus streng durchzuhalten, während es um eine Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Normalität kämpft“, sagt Konterpart Wöllenstein. Chinas Regierung sollte besonders kleine und mittelgroße Unternehmen unterstützen, bis sich der Betrieb wieder normalisiere.

(dpa)