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Aachen: Botschafter Shi Mingde wirbt an der RWTH für Freihandel und Zusammenarbeit

Aachen : Botschafter Shi Mingde wirbt an der RWTH für Freihandel und Zusammenarbeit

Als Shi Mingde den Hörsaal betritt, platzt der bald aus allen Nähten: Mehr als 1300 Chinesen studieren oder promovieren derzeit an der RWTH Aachen. Nahezu die Hälfte von ihnen ist am Mittwochabend in den H03 des „Carl“ gekommen. Die Sitzreihen sind vollends gefüllt, man hockt auf Stufen und steht bis zur Tür.

Zu Gast ist schließlich „Chinas bester Mann“, wie RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg aus der „Welt“ zitiert: Shi Mingde, 63 Jahre alt, langjähriger Botschafter Chinas in Deutschland.

Der Top-Diplomat aus Shanghai kennt die Bundesrepublik seit 45 Jahren, hat die Kanzlerin bereits fünfmal auf Reisen durch das Reich der Mitte begleitet, spricht perfekt Deutsch und ist hierzulande in einer Mission unterwegs: Shi will den Deutschen die Angst vor der „chinesischen Invasion“ nehmen. Sein Vortrag im Rahmen des interdisziplinären RWTH-Projekts „Leonardo“ richtet sich deshalb auch weniger an die vielen Landsleute im Saal. Shi will vielmehr in die deutsche Gesellschaft wirken. Die pflege nämlich ein völlig veraltetes China-Bild, das „der Realität um zehn bis 15 Jahre“ hinterherhinke, wie er in Aachen beklagt.

Der Botschafter nimmt sich viel Zeit, um die wirtschaftliche Entwicklung des Riesenreiches von einer isolierten, technologisch völlig rückständigen Planwirtschaft zu einem Boomland ungeahnten Ausmaßes zu skizzieren. Es ist eine Aufzählung von reinen Superlativen: China hat seine Wirtschaftskraft in den vergangenen Jahrzehnten von 1,8 auf — konservativ gerechnet — 15 Prozent der globalen Wertschöpfung gesteigert und ist inzwischen die weltgrößte Volkswirtschaft; über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren verbuchte des Milliardenvolk zweistellige Wachstumsraten; die Lebenserwartung der Chinesen stieg in dieser Zeit von durchschnittlich 36 auf 74 Jahre; China ist der wichtigste Handelspartner Deutschlands; 40 000 chinesische Studenten leben derzeit in Deutschland, alleine in NRW haben sich mehr als 1000 chinesische Unternehmen niedergelassen.

Ausverkauf in Deutschland?

„Sind angesichts dieser gigantischen Dimensionen, der schieren Größe, nicht durchaus Ängste auf deutscher Seite nachvollziehbar?“, fragt Professor Reinhard Pop­rawe. Shi widerspricht energisch: „In Deutschland redet man gerne vom drohenden ‚Ausverkauf‘ und von einer ‚chinesischen Invasion‘. Aber schon ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass das nur auf mangelnder Information beruht.“ So hätten deutsche Unternehmen in China bislang 80 Milliarden Euro investiert. Im Gegenzug seien von China aber nur etwa acht Milliarden in die Bundesrepublik geflossen — kaum 0,3 Prozent aller ausländischen Investitionen in Deutschland. „Ist das eine Bedrohung?“, fragt Shi und blickt freundlich lächelnd in die Runde.

Noch immer beherrschten beispielsweise deutsche Autobauer den chinesischen Markt. 3,6 Millionen Autos fertige alleine Volkswagen pro Jahr. „Das ist eine Win-win-Situation für uns alle.“ Nicht ohne Stolz verweist der Botschafter im Gegenzug auf die Stärke der asiatischen Wirtschaft bei Zukunftstechnologien: „Wir haben 30 Jahre lang von den Deutschen gelernt, wie man konventionelle Autos baut. Bei der E-Mobilität begegnen wir uns nun fast auf Augenhöhe.“ So seien bereits in mehr als 30 chinesischen Großstädten E-Busse im Einsatz, die mit jeweils mehr als 130 Kilometern Reichweite perfekt für den Nahverkehr geeignet seien. Landesweit würden diese Busse in acht Großfabriken produziert.

Bei allem Glanz — der Botschafter bietet auch einige erstaunlich ungeschminkte Blicke auf die Schattenseiten des chinesischen Booms: Noch immer lebten 40 Millionen Landsleute unterhalb der Armutsgrenze, die gigantische Umweltverschmutzung sei ein noch ungelöstes Problem, ebenso wie die Landflucht weiter Teile der Bevölkerung. „Wir können nicht mehr so schnell wachsen — das wollen wir auch nicht.“

Gleichzeitig, klagt Shi, bedrohe der neue US-amerikanische Protektionismus unter Donald Trump („America first!“) die Weltwirtschaft und damit die Grundlagen des Wohlstandes der beiden großen Exportnationen China und Deutschland: „Bei den G20 stehen beide Länder gemeinsam für Freihandel. Das ist unser großes gemeinsames Interesse.“ Angst vor China? Angesichts des unberechenbaren US-Präsidenten sei China vielmehr „ein Garant für Stabilität und Frieden in der Welt“! Auch in Sachen Klimaschutz ziehe man an einem Strang.

In Aachen läuft Shi mit seiner Initiative offene Türen ein. „China hat als größter Handelspartner Deutschlands einen festen Platz in unserer internationalen Strategie“, sagt Laser-Experte Pop­rawe. Die RWTH suche neben der Zusammenarbeit in der Grundlagenforschung auch anwendungsorientierte Kooperationen, um internationale Märkte zu erschließen.