1. Wirtschaft

Berlin: Bioboom setzt kleine Naturkostläden unter Druck

Berlin : Bioboom setzt kleine Naturkostläden unter Druck

Sie tragen so beschauliche Namen wie „Biowiese” oder „Gaumenweide” und waren die Pioniere der Ökobranche. Mit den kleinen, oft im Großstadtkiez gelegenen Naturkostläden fing alles an.

Nun macht ihnen die Konkurrenz der großen Supermarktketten und Discounter schwer zu schaffen. Seitdem auch Rewe, Edeka und Aldi Bio- Reiswaffeln und Öko-Müsli in ihre Regale stellen, wird die Luft für die oft inhabergeführten Geschäfte von nebenan immer dünner. „Da tobt ein enormer Verdrängungswettbewerb. Den Ökoläden droht ein Wegsterben wie einst den Tante-Emma-Läden”, warnen Branchenexperten.

„Ein Liter Milch, sechs Eier und ein halbes Brot, wir verkaufen viele Sachen, an denen wir kaum verdienen”, klagt die Inhaberin eines kleinen Naturkostladens in Berlin-Kreuzberg. „Die Ketten können allein schon bei den Preisen ganz anders kalkulieren”, betont Helmut Hübsch vom Marktforschungsinstitut GfK in Nürnberg. Wenn ein Handelsriese wie Rewe oder Edeka Bio einkauft, sei das auch für die Erzeuger viel interessanter.

Mittlerweile haben der GfK zufolge die konventionellen Supermarktketten und Discounter bereits fast 50 Prozent Marktanteil am gesamten Biolebensmittelmarkt. Allein im vergangenen Jahr verzeichneten sie in diesem Segment ein Wachstum von 23 Prozent. Die kleinen Naturkostläden legten hingegen nur um gut 12 Prozent zu. Derzeit gibt es in Deutschland rund 3000 kleine Naturkostläden sowie rund 213 Biosupermärkte wie die von Alnatura, Basic oder Erdkorn.

Allein Alnatura, die im vergangenen Jahr mit 246 Millionen Euro ein Umsatzplus von 34 Prozent erzielte, will noch bis Ende 2008 fünf neue Bio-Supermärkte eröffnen und erwartet weiter ein zweistelliges Wachstum. Auch bei Basic sind im kommenden Jahr neue Märkte geplant. Derzeit zählt das Unternehmen, das im vergangenen Jahr für Turbulenzen sorgte, als die Schwarz-Gruppe mit ihrem Discounter Lidl in die Kette einsteigen wollte, 26 Filialen. Deutschlands zweitgrößter Handelskonzern Rewe hat in seinen rund 3000 Supermärkten gut 300 Bio-Artikel im Sortiment. „Die Biokurve zeigt weiter nach oben. Wir werden kontinuierlich behutsam wachsen”, sagt Sprecher Andreas Krämer.

Branchenexperten sehen trotz eingetrübter Verbraucherstimmung ein anhaltendes Wachstum bei Bio, wenn auch nicht mehr mit den hohen zweistelligen Zuwachsraten der vergangenen Jahre. Zwar meldete die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle im ersten Halbjahr einen Absatzrückgang bei Öko-Gemüse um 5 Prozent. Doch war dies vielfach auf ein zu knappes Angebot von frischer Ware zurückzuführen. So gab es aufgrund kleiner Ernten beispielsweise kaum Bio-Möhren. Außerdem verzichteten die Supermärkte auf italienische Importware.

„Wir wachsen weiter gegen den Trend”, betont Gerald Wehde vom Anbauverband Bioland mit seinen rund 5000 Biolandwirten. Sorgen bereite aber die Versorgung mit Rohstoffen. „Die Schere zwischen dem Angebot am Biotresen der Läden und den ökologischen Anbauflächen geht immer weiter auf.” Immer mehr ökologisches Obst und Gemüse werde importiert. Der heimische Biolandbau müsse stärker gefördert werden.

„Die typischen Bioeinkäufer sind die Besserverdiener, die sich auch in einem schwierigeren wirtschaftlichen Umfeld nur wenig einschränken”, heißt es bei der GfK. Gaben die Haushalte vor zwei Jahren noch jährlich 64 Euro für Bio aus, werden es in diesem Jahr schätzungsweise mehr als 80 Euro sein. Der Biomarkt sei gemessen am gesamten Lebensmittelmarkt aber weiterhin noch recht klein: Im vergangenen Jahr wurden hier gut 5,3 Milliarden Euro umgesetzt. Der Gesamtumsatz im Lebensmitteleinzelhandel betrug rund 120 Milliarden Euro. An den Gesamtausgaben der deutschen Haushalte für Lebensmittel hat Bio gerade einmal einen Anteil von 3 Prozent.

Branchenexperten sehen daher noch viel Potenzial. „Das Interesse der Verbraucher an gesunden und authentischen Lebensmitteln wird nicht abnehmen”, betont Peter Röhrig vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Nach Angaben von Bioland ist beispielsweise noch viel zu wenig Biofleisch auf dem Markt. Die kleinen Läden könnten sich gegenüber den großen Ketten mit hoher Produktqualität und regionalen Angeboten profilieren. „Die Nähe zum Verbraucher wird gerade angesichts von sich wiederholenden Lebensmittelskandalen immer wichtiger”, betont Bioland-Sprecher Wehde.