Aachen: Bernhard Küppers: „Es fehlt noch die Kultur, offen zu reden”

Aachen: Bernhard Küppers: „Es fehlt noch die Kultur, offen zu reden”

Burn-out bei SAP-Mitarbeitern - eine von vielen Schlagzeilen, die Bernhard Küppers (46) vor Augen führt, dass er mit „Im Mittelpunkt steht der Mitarbeiter” ein wichtiges Thema berührt. Küppers, gebürtig aus Hückelhoven, hat gemeinsam mit der Unternehmensberaterin Christina Bösenberg ein Wirtschafts-Sachbuch mit eben diesem Titel geschrieben.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und Fachkräftemangels fragen sich die beiden, was Unternehmen tun müssen, um hochmotivierte und leistungsstarke Mitarbeiter auf Dauer an sich zu binden. In Ihrem Buch heißt es, Unternehmen müssen den Fachkräften Sinn bieten, um sie zu halten. Wie definieren Sie diesen Sinn?

Küppers: Geld allein ist es nicht mehr, das ist mittlerweile durch Studien bewiesen. Karriere auch nicht. Den Mitarbeitern, die Schlüsselrollen in Fach- und Führungsfunktionen einnehmen, ist die Aufgabe am wichtigsten, die ihnen am meisten Spaß macht, mit der sie am meisten bewegen können. Die klassische Sinnfrage ist doch: Warum gehe ich morgens aus dem Haus?

Wie kann eine Führungskraft ihren Mitarbeitern diesen Sinn vermitteln?

Küppers: Mit immer mehr Erfahrung lernt der Mitarbeiter immer mehr Themen und Bereichen kennen. Er wird kreativer, ist in der Lage, interdisziplinärer zu denken. Sinn hat seine Arbeit dann, wenn er diese Erfahrung einbringen kann. Und, wenn der Arbeitnehmer mit seiner Führungskraft auf Augenhöhe kommunizieren kann. Dass ein Chef ihn richtig fördert, ihn bei seinen Themen unterstützt, ist wichtig. Man kann sich viel besser für eine Sache engagieren, wenn einem die Führungsperson Akzeptanz, Wohlwollen und Vertrauen entgegenbringt. Immer mehr Firmen setzen zudem auf „Corporate Engagement”.

Was bedeutet das?

Küppers: Der eine Arbeitnehmer engagiert sich privat im Sportverein, der andere in der Politik oder im Ausland. Der Gedanke des „Corporate Engagement” besteht darin, ihm zu sagen: „Wenn Du was tust, unterstütze ich Dich. Wir machen zum Beispiel ein Investitionsprojekt und geben Dir die Möglichkeit, Dich einzubringen.” Wie dieses Engagement ins Tagesgeschäft integriert wird, kann individuell abgestimmt werden. Voraussetzung ist dann auch, dass die Mitarbeiter Zeit und einen Einkommensverzicht in Kauf nehmen. Nicht selten sind Mitarbeiter sogar bereit, mit Zeit oder gar Einkommensverzicht dem Arbeitgeber entgegenzukommen.

Das hört sich nicht so einfach an. Wie wollen Sie mit Ihrem Buch eine solche Offenheit schaffen? Ist es vor allem für die Chefetagen gedacht?

Küppers: Nein, das Buch richtet sich nicht nur an die vermeintlich wach zu rüttelnde Führungsschicht. Es gibt leider von beiden Seiten noch keine Kultur, offen über solche Themen zu reden. Mit dem Buch wollen wir Mitarbeitern und Führungskräften Mut machen.

Können die Unternehmen denn aus sich heraus eine solche Mentalität schaffen? Oder brauchen sie dafür Berater?

Küppers: Ja und nein. Oft kann man mit kleinen Mitteln einen großen Effekt erzielen. Da braucht es im ersten Schritt vielleicht den einen oder anderen Unternehmensberater - damit die Führungsperson den Mut aufbringt, den Mitarbeiter im Feedback-Gespräch ganz konkret nach seinen Wünschen und Bedürfnissen zu fragen. Es geht natürlich nicht darum, ihm alle Wünsche von den Lippen abzulesen. Doch durch diese Form der Motivation wird den Mitarbeitern eine Brücke gebaut, damit sie sich wieder mit mehr Engagement und Leistung einbringen.

Warum fehlen Offenheit und Mut in deutschen Unternehmen?

Küppers: Die deutsche Mentalität ist durch Disziplin, das Einordnen in Hierarchien geprägt. Diese Werte haben Deutschland auch ein Stück weit erfolgreich gemacht. Aber es gibt ja auch andere Werte, zum Beispiel Gesundheit. Die Nachkriegsgeneration ist ganz anders groß geworden. Sie konnte die Sinnfrage gar nicht stellen, weil sie schlichtweg ums Überleben kämpfen musste. Die junge Generation hat heute andere Ansprüche, die ältere mittlerweile auch. Sie hat Wohlstand erlangt und will sich aus den alten Fesseln befreien. Auch mit gestandenen Mitarbeitern können die Führungskräfte neue Potenziale entwickeln.

Wenn das Drumherum stimmt, ist dann messbar, wie sich der wirtschaftliche Erfolg dadurch erhöht?

Küppers: Es gibt noch keine wissenschaftliche Studie darüber. Aber was wir messen können: In den Unternehmen, in denen die Stimmung gut ist und sich die Mitarbeiter fair verhalten, in denen Weiterbildungsmöglichkeiten und Flexibilität vorhanden sind, da ist ein ganz anderes Leistungsniveau und eine ganz andere Loyalität gegenüber dem Unternehmen zu erkennen. Die Fluktuation ist geringer, die Mitarbeiterfindung ist leichter. Die Frage ist: Sind die Unternehmen dadurch erfolgreicher, dass sie diese Offenheit eingeführt haben? Dazu müsste man mal einen Test machen.