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Herzogenrath: Bei Ericsson wird am Handynetz der Zukunft geknüpft

Herzogenrath : Bei Ericsson wird am Handynetz der Zukunft geknüpft

Wer sich dieser Tage in einem öffentlichen Verkehrsmittel umschaut, dem dürfte wieder einmal klar werden, wie gründlich das Internet in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Jeder, aber auch jeder Mensch unter 70 Jahren scheint den Blick auf ein Smartphone gerichtet zu haben. Doch die Entwickler im Ericsson Eurolab in Herzogenrath sehen die ganz große Revolution erst noch kommen.

Bis zum Ende des Jahrzehnts soll sich die Zahl der vernetzten Geräte noch einmal vervielfachen. Auf ihrem jährlichen „Innovation Day“ präsentieren sie an Dienstag und Mittwoch Lösungen für das Netz der Zukunft — im Mittelpunkt steht der kommende Übertragungsstandard: 5G.

Um menschliche Kunden geht es bei dieser Revolution nur indirekt — dieser Markt nähert sich in immer mehr Ländern der Sättigungsgrenze. Schon jetzt hat in Mittel- und Osteuropa jeder Mensch rechnerisch anderthalb Handyanschlüsse. Nein, was die nächste Raketenstufe der Vernetzung zünden soll, ist das sogenannte Internet der Dinge. Oder, wie es Ericsson-Europachef Valter d‘Avino bei einem Pressgespräch am Montag formulierte: „Alles, was verbunden werden kann, wird verbunden werden.“

Und die Zahlen dahinter klingen gewaltig: War noch im Jahr 2000 gerade die erste Milliarde an (Festnetz-)Internetanschlüssen zu verzeichnen, so waren zehn Jahre danach, im Jahr 2010, schon fünf Milliarden Menschen ans Internet angeschlossen. Bei Ericsson geht man davon aus, dass schon 2020 — also in nur sechs Jahren — die ungeheure Zahl von 50 Milliarden Geräten i m Netz hängen wird — vom Smartphone bis zum Auto, vom Rauchmelder bis zum Koffer.

So klingt es denn auch nur im ersten Moment überraschend, dass Ericsson als einer der größten Netzwerk- und Kommunikationskonzerne der Welt bereits an der fünften Generation des Mobilfunks arbeitet — obwohl die vierte, bekannt als LTE, derzeit noch als brandneue Technik gehandelt wird und beim Abschluss eines Handyvertrags einen satten Aufschlag kostet.

Doch die Vorlaufzeiten in der Branche sind lang. Bislang lagen stets etwa zehn Jahre zwischen den einzelnen Evolutionsstufen der Mobilfunktechnik. Zur Erinnerung: Die Geschichte des Handy-Massengeschäftes begann 1981 mit dem skandinavischen Netz Nordic Mobile Telephone. Die zweite Generation startete unter dem Namen GSM im Jahre 1991, der Nachfolger UMTS kam als 3G rund zehn Jahre darauf auf den Markt und LTE ist seit etwa 2012 zu haben.

Kein Gerät mehr ohne Internet?

Dass der Datenhunger der Gesellschaft in allernächster Zukunft aber gewaltig zunehmen wird, ist schon jetzt absehbar. Vom Fitness-Tracker am Handgelenk über die Windenergieanlage auf dem Acker, vom Auto mit Stau- und Unfallwarner bis zur online-fähigen Hausheizung: Gibt es in Zukunft eigentlich überhaupt noch Geräte außer Bleistiftspitzern und Schuhbürsten, die ohne Netzanschluss auskommen werden? „Wir stehen erst am Anfang dieser Revolution“, stellte Norbert Niebert, Leiter Technology & Business, am Montag klar.

Klar ist auch: Gebraucht wird ein mobiles Internet, dass all diese Geräte mit all ihren Datenmengen bewältigen kann. Und das möglichst schnell, denn bei selbstfahrenden Autos und industriellen Maschinensteuerungen sind selbst Verzögerungen von über zehn Millisekunden nicht mehr tolerierbar. Auf der anderen Seite sollen Übertragungsraten von — heute noch utopischen — mehr als 10 Gigabit pro Sekunde möglich sein.

Noch steht in den Sternen, wie die Architektur dieses Netzes aussehen soll. Festgelegt werden muss etwa, welcher Frequenzbereich für 5G genutzt wird.

Doch überall auf der Welt planen Mobilfunkexperten bereits die Generation Fünf. Herzogenrather Ercisson-Entwickler arbeiten dabei mit Kollegen weltweit zusammen, vor allem aus Asien. Denn eins ist sicher: Wer beim Internet der Zukunft ins Hintertreffen gerät, verpasst im globalen Technologie-Wettbewerb den Zug.

Kein Wunder also, dass sich auch die EU die Sache einiges kosten lässt: Unter anderem mit dem 16 Milliarden Euro schweren Forschungsprogramm METIS soll sichergestellt werden, dass Europa im Bereich Mobilfunk an der Spitze bleibt. Partner sind neben Ericsson unter anderem die Deutsche Telekom und BMW, France Télécom und Alcatel-Lucent aus Frankreich, NTT Docomo aus Japan, Huawei aus China und andere.

Ein Rollenkoffer, der es in sich hat

Diesseits aller hochgesteckter Ziele präsentieren die Herzogenrather heute und Mittwoch für die erwarteten rund 150 Geschäftskunden von Telekom-Anbietern aus ganz Europa eine Vielzahl neuer Anwendungen, etwa die neue „Radio Dot“-Technik zur besseren Internetversorgung in Gebäuden.

Zu sehen ist auch ein für Geschäftsleute besonders sympathischer Begleiter: ein Koffer mit eingebauter Diebstahlsicherung. Mit GPS- und Bewegungssensor, Bluetooth-Verbindung und WLAN hält der hartschalige Behälter stets Anschluss an das Smartphone seines Eigentümers. Macht sich ein Dieb an ihm zu schaffen, braucht der Besitzer nur auf die entsprechende Taste der Koffer-App zu drücken — das laute Alarmschrillen dürfte kein Finsterling lange aushalten.