Billigproduzent Vietnam?: Aufbruchstimmung an der „Werkbank der Welt“

Billigproduzent Vietnam? : Aufbruchstimmung an der „Werkbank der Welt“

Im Schatten großer Nachbarn hat sich Vietnam inzwischen zu einem politisch und wirtschaftlich interessanten Partnerland entwickelt. So war es sicher kein Zufall, dass die Hauptstadt Hanoi kürzlich zum Schauplatz des pompösen Treffens von US-Präsident Donald Trump mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un wurde.

Da ist es nicht verwunderlich, dass auch die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung in dem südostasiatischen Land vertreten ist – seit rund einem Jahr mit dem Alsdorfer Mark Stanitzki. Im Interview mit unserem Redakteur Marco Rose erklärt der Wirtschaftsexperte, was von dem geplanten Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit Vietnam im Einzelnen zu erwarten ist.

Herr Stanitzki, warum ist Vietnam ein so interessanter Partner für Deutschland und die EU?

Stanitzki: Zunächst ist die Bindung zu Deutschland schon lange intensiv gewesen. Das hat seinen Ursprung in den 50er Jahren, wo schon Schüler per Eisenbahn durch die Sowjetunion in die damalige DDR geschickt wurden. Das hat sich dann in der sozialistischen Internationalen kontinuierlich entwickelt und so kamen viele Vietnamesen als Studenten und zunehmend auch als Vertragsarbeiter in die DDR. In den 70er kamen die Kriegsflüchtlinge hinzu, die sich überwiegend in Westdeutschland angesiedelt haben. Daher leben mittlerweile rund 160.000 Vietnamesen in Deutschland und noch mehr sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen einen direkten Bezug zu Deutschland haben. Bei unserem letzten Meeting mit dem Präsidenten des Genossenschaftsverbandes sagte dieser ganz nebenbei, er habe zehn Verwandte in Deutschland. Das Image Deutschlands ist unglaublich positiv. Auf der anderen Seite ist die Entwicklung Vietnams sehr spannend.

Inwiefern?

Stanitzki: Nach dem Ende des Krieges 1976 hatte das Land noch knapp 49 Millionen Einwohner. Das 30-jährige Wachstum von etwa sechs Prozent jährlich hat das Land aus bitterer Armut geholt. Eine junge, konsumfreudige und wachsende Mittelschicht und heute fast 100 Millionen Menschen machen Vietnam mittlerweile auch als Markt interessant. Gleichzeitig versuchen wir in Vietnam Fachkräfte für Deutschland zu gewinnen. Heute wächst das Land jährlich um eine Million Einwohner. Und die positive wirtschaftliche Entwicklung geht weiter. Überwiegend zwar eher noch als „Werkbank“, aber in diesem Jahr werden die ersten Autos aus vietnamesischer Produktion vom Band rollen. Ein Teil der Technik stammt aus Deutschland. Allein Bosch hat hier mittlerweile 3100 Mitarbeiter.

Man hat in Deutschland noch die Vorstellung, dass Vietnam vor allem ein Billigproduktionsland für Kleidungsstücke ist.

Stanitzki: Das ist es auch noch. Vietnam hat alleine im vergangenen Jahr eine Milliarde Paar Schuhe exportiert. Hier ist noch vieles in der Entwicklung und Investoren schätzen natürlich die niedrigen Löhne bei geringen Auflagen. Seit 1986 befindet sich der Sozialismus in der Transformation. Man kann mittlerweile Eigentum erwerben und 2017 hat die Regierung offiziell anerkannt, dass der private Sektor die treibende Kraft bei der dynamischen Entwicklung des Landes ist. Was nicht ganz so einfach ist: Es gibt auch noch immer einen großen Anteil von ineffizienten Staatsbetrieben und auch insgesamt erleben wir noch viele Auswüchse der sozialistischen Planwirtschaft. Erst seit knapp 20 Jahren existiert überhaupt ein Unternehmensgesetz.

Was bedeutet das in der Praxis?

Stanitzki: Die kleinen Unternehmen sind frei – aber sobald man wächst, geht ohne Verbindung in die Partei auch in der Privatwirtschaft nahezu nichts. Als Besucher hat man auf den ersten Blick nicht mehr den Eindruck, in einem sozialistischen Land zu sein: Hier ist kein ostdeutscher Niedergangssozialismus. Der Besucher erlebt ein aufstrebendes und dynamisches Land, es ist bunt, es ist dynamisch, es gibt alles. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass im Hintergrund weiterhin die alten sozialistischen Machtstrukturen intakt sind. Es gibt kaum Zivilgesellschaft und Organisationen, die außerhalb der alles umspannenden Vaterlandsfront existieren. Einen Fußballverein in unserem Sinne kann man genau so wenig gründen, wie eine Bürgerinitiative.

Von Alsdorf nach Hanoi: Mark Stanitzki. Foto: Mark Stanitzki

Was ist denn der Vorteil für ein mittelständisches Unternehmen aus Deutschland, eine Kooperation mit Vietnam einzugehen und nicht mit China oder Indien?

Stanitzki: Wirtschaftlich vermag ich das noch nicht mal zu beurteilen. Aber die Vietnamesen gelten als fleißig; und vor allen Dingen ist Bildung hier eine angestrebte Grundlage – egal, ob jemand aus einer Professoren- oder Bauernfamilie kommt. Übrigens auch ein Grund, warum Vietnamesen überall als Integrationswunder gelten. Bereits in der dritten Generation liegt der Abiturientenanteil oft 20 Prozent über dem Durchschnitt. Wir kennen die demokratischen Missstände in Vietnam, aber es wird nun einmal wegen seiner Stabilität geschätzt. Auch ich sehe keine größeren Oppositionsbewegungen. Die Menschen hier kennen übrigens die Probleme. Manchmal bin ich selbst erstaunt, von wem und wie offen in kleinerer Runde gesprochen wird. Aber die meisten Menschen sind jung, 65 Prozent sind jünger als 30 Jahre. Nach Kolonialherrschaft und Jahrzehnten Krieg, gefolgt vom realen Sozialismus, ist die Entwicklung seit mehr als 30 Jahren steil nach oben gerichtet. Die meisten sehen die Korruption und den Machtmissbrauch und stellen dennoch das gesamte System nicht infrage. Schließlich liefert es auch Teilhabe, Wachstum und Frieden. Das ist die hiesige Legitimation, das wissen auch die Machthaber. Ebenso wie das ganz besondere Verhältnis zu China ein große Rolle spielt. Vietnam war fast 1500 Jahre überwiegend chinesisch besetzt. Noch heute hat hier alles mit China zu tun. Wenn hier auch nur kleinste Anzeichen für chinesische Dominanz deutlich werden, dann sind die Leute auf der Straße. Das ist die vietnamesische DNA. China ist natürlich einer der größten Investoren im Lande und dennoch kann ein Investor davon ausgehen, dass Vietnam alles tun wird, seine Unabhängigkeit zu bewahren. Das schon erwähnte unfassbar positive Deutschlandbild kann ein weiterer Vorteil sein. Es ist ein wachsender Markt mit einer zunehmenden Mittelschicht. Es ist vieles noch nicht so reglementiert wie in Deutschland und die Produktionskosten für das produzierende Gewerbe sind natürlich deutlich niedriger.

Sind Unternehmen in Vietnam sicherer vor Wirtschaftsspionage und dem Abfluss von Knowhow?

Stanitzki: Das weiß ich nicht genau. Klar ist, dass die Investitionen Chinas hier auch den Einfluss des Riesenreichs erhöhen. Vietnam ist aber nun einmal kulturell nicht vollkommen anders geprägt und jeder muss hier sehr vorsichtig sein. Dazu kommt ein nicht so ausgeprägtes Rechtsbewusstsein. Also im Prinzip sehe ich die gleichen Risiken, allerdings ist Vietnam nicht so durchsetzungsstark und reich an finanziellen Möglichkeiten. Der Versuch, vor etlichen Jahren Facebook zu beschränken, ist zumindest daran gescheitert. Manchmal liest man, Vietnam sei das bessere China – zumindest ist seine ambivalente Einstellung zu China ein Vorteil. Dazu kommen handfeste Territorialkonflikte mit dem großen Bruder im chinesischen Meer. Das macht das Land auch für die USA interessant, wie man beim Kim-Trump-Gipfel in Hanoi sehen konnte. Eine Anekdote am Rande: Vor einem Jahr ankerte das erste Mal ein US-Flugzeugträger vor Danang – er wurde bejubelt.

Was ist Ihre persönliche Aufgabe für die Naumann-Stiftung?

Stanitzki: Dass es diese politischen Stiftungen in Deutschland gibt, hat übrigens unmittelbar mit unserer eigenen Geschichte zu tun. Beginnend in den 50er Jahren sollte der politische Diskurs und das Demokratiebewusstsein dort gestärkt werden, wo es ganz offensichtlich unterentwickelt war – in Deutschland. Die Auslandsaktivitäten folgten erst Jahre später. Alle Stiftungen vertreten ganz klassisch Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, Presse- und Versammlungsfreiheit und soziale Marktwirtschaft. Jeder natürlich durch seine politische Brille und wo möglich mit unterschiedlicher Ausrichtung bei den Partnern. In Vietnam ist es nicht so einfach, offen für Werte wie Demokratie oder Meinungsfreiheit zu werben. Wir haben hier einen Einparteienstaat sozialistischer Prägung.

Wie macht sich das bemerkbar?

Stanitzki: Wir sind sehr reglementiert bei unseren Aktivitäten und werden – das muss man so sagen – merklich überwacht. Gleichzeitig sind wir von der Regierung eingeladen, sie bei der Etablierung einer Marktwirtschaft zu unterstützen. Auf dieses Themenfeld fokussiert sich hier daher auch unsere Arbeit. Aber die ist breit gefächert. Einmal wollen wir politisch unmittelbar auf den Reformprozess einwirken, dazu arbeiten wir auch mit einigen Ministerien direkt zusammen. Des weiteren wollen wir natürlich insgesamt liberalere Konzepte oder Lösungen als den besseren Weg präsentieren. Dazu kooperieren wir mit Think Tanks, die wiederum beratend auf die Politik einwirken, aber auch mit Universitäten, Studenten und Journalisten. Wie auch in Deutschland sind wir der Überzeugung und in Vietnam der Hoffnung, dass ein selbstbewusster unabhängiger Bürger seine Erwartungen an den Staat deutlicher einbringt. Das kann ich oft bei unseren Workshops mit den Business Communities etwa zu Auswirkungen von Freihandelsabkommen selbst erleben. Da müssen sich die teilnehmenden Verwaltungen – interessanterweise hier oft von den Frauen – einiges an Kritik anhören. Niemand, auch wir nicht, darf aber in die Nähe der sogenannten Roten Linien kommen. Irgendeine Kritik an Onkel Ho – also Ho Chi Minh –, das grundsätzliche Infragestellen der Strukturen, das Ende des Sozialismus und personenbezogene Kritik sind tabu!

Die Grünen haben Minister Altmaier aufgefordert, bei seinem Besuch die Menschenrechte anzusprechen. Bringt das etwas?

Stanitzki: Es gab 2016 einen Parteitag der Kommunistischen Partei, der eine Wende eingeleitet hat. Die neue Regierung macht seither viel professioneller Ernst mit den nötigen Wirtschaftsreformen, ist bei den gesellschaftlichen Fragen aber noch restriktiver als zuvor. Wenn Sie sich die hiesige Bloggerszene anschauen, kommt es regelmäßig vor, dass selbst kleine Umweltaktivisten mittlerweile bis zu 20 Jahre inhaftiert werden. Zuvor waren das noch drei bis vier Jahre. Seit Jahresbeginn ist außerdem ein Internetgesetz inkraft getreten, mit dem das Internet noch stärker überwacht werden kann. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die erste Nachkriegsgeneration Veränderungen bei den Sozialstrukturen durchsetzt, ähnlich wie in den 70er Jahren bei uns. Ende letzten Jahres gab es den sechsten Christopher Street Day in Vietnam und dieser wurde zum erstenmal nicht von der Polizei gestoppt.

Wann wird das Freihandelsabkommen mit der EU Ihrer Einschätzung nach umgesetzt?

Stanitzki: Auf vietnamesischer Seite hat die Nationalversammlung die Regierung bereits aufgefordert zu unterschreiben. Es hat etwas Verzögerung bei den Vertragstexten gegeben aber diese liegen nun vor. Nun liegt der Ball bei den Europäern, deren Parlamente dem Abkommen zustimmen müssen. Im Mai sind die Europawahlen und ich glaube daher eher an die zweite Jahreshälfte. Sollte sich allerdings Protest formieren, kann es aber auch durchaus später werden.

Gibt es auch kritische Bereiche, die für Verzögerungen führen könnten?

Stanitzki: Natürlich! Bei einem solchen Abkommen gehört ein Geben und Nehmen dazu. Das ist nichts Ungewöhnliches. In der Regel profitieren in der Summe aber alle Beteiligten. Das heißt nicht, dass es auch Verlierer und Gewinner in einigen Bereichen gibt. Die Globalisierung erzeugt nun einmal bei vielen Menschen Sorgen. Daher sind Proteste nicht ausgeschlossen. Allerdings wird dabei oft vergessen, dass gerade die Freihandelsabkommen überhaupt die Möglichkeit bieten, unsere Standards zu übertragen. Für Vietnam bedeuten die Abkommen einen enormen Reformdruck. Die Geschwindigkeit erzeugt bei vielen Angst. Aber wir sind eine Exportnation, unser Wohlstand hängt vom weltweiten Handel ab. Außerdem ist die Welt trotz enormen Bevölkerungswachstums weniger hungrig, weniger durstig, weniger krank und weniger von Bildung ausgeschlossen als noch vor 30 Jahren.

Wer könnte denn Verlierer sein?

Stanitzki: Ein Verlierer ist schon der vietnamesische Staatshaushalt. Zolleinnahmen fallen weg, die ganz signifikante Bestandteile des bisherigen Budgets sind. Vietnam kommt so unter Reformdruck und muss effizientere Strukturen aufbauen – etwa zum Eintreiben von Steuer, noch sind hier über 50 Prozent im informellen Sektor tätig.

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