Apple: Auf der Suche nach der verlorenen Vision

Apple : Auf der Suche nach der verlorenen Vision

In Cupertino geht wenig ohne die Superlative. So auch bei der Ankündigung des Aufbruchs in die schöne neue Service-Welt, mit der Apple die bröckelnden Gewinne abfedern will. Seit dem iPhone-Geschäft der Saft auszugehen droht, muss der Konzern den Investoren etwas Neues bieten.

Da der Markt für iMacs, MacBooks und iPods schon lange saturiert ist, ist bei der Hardware kein großes Wachstumspotential mehr zu finden.

 Wege, die längst gegangen werden

Also macht sich Apple auf den Weg, den andere Tech-Giganten wie Amazon und Google schon längst konsequent beschritten haben. Weg von der bloßen Hardware, hin zu Inhalten, die darauf konsumiert werden können. Der strategische Vorteil Apples und das beste Argument für seine Erfolgsaussichten sind die 1,4 Milliarden i-Geräte, die weltweit im Umlauf sind.

Sollte es Apple gelingen, die vorhandene Hardware erfolgreich mit Services zu verknüpfen, so das Kalkül, sind dem Wachstum keine Grenzen gesetzt.

Als Vorbild aus dem eigenen Haus dient dafür die Einführung des Musikdienstes iTunes 2001, der die Musikindustrie revolutionierte. Seitdem kaufen die Nutzer nicht mehr Alben, sondern einzelne Songs. Eine Entwicklung, die CDs und Schallplatten zum Nischenprodukt machte.

Ein anderes Erfolgsmodell ist der Appstore, der seit 2008 mehr oder weniger exklusiv Software für die iPhones vertreibt. Allein das generierte seitdem 120 Milliarden Dollar Umsatz, von denen Apple gut 30 Prozent von den Entwicklern einstrich.

 Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als der Konzern nach Cupertino einlud, einen Blick in die Apple-Zukunft zu werfen.  Wenn die so aussieht wie die prätentiöse 100-Minuten-Show, scheint es fraglich, ob der Umbau gelingt. Denn wenig von dem, was Apple-Chef Tim Cook präsentierte, war wirklich neu.

Der Abo-Service „Apple News Plus“ verspricht für 9 Dollar 99 Zugriff auf einen bunten Reigen an Magazinen und Zeitungen über eine einzige App. Darunter finden sich das Wall Street Journal und die Los Angeles Times, aber auch der New Yorker und National Geographic. Die Verleger müssen sich die Profite des zunächst nur in den USA verfügbaren Angebots hälftig mit Apple teilen.

Die Frage, wer das spielen soll

Wenig spezifisch blieb der Konzern bei seinem Abo-Paket für Spiele, das Cook mit dem griffigen Namen „Apple Arcade“ vorstellte. Es soll zu einer noch nicht genannten Flatrate im Herbst für iOS, macOS und tvOS verfügbar sein. Die Gamer können dann unter einer App mehr als 100 neue und exklusive Spiele ausleihen. Die offene Frage bleibt, ob ernsthafte Gamer dies ausschließlich auf Touchscreens machen wollen.

Der Apple-Pay-Service soll durch eine Kreditkarte ergänzt werden, die keine Strafgebühren und niedrige Zinsen verspricht. Wirklich neu ist weder das noch die angekündigten Gutschriften von zwei Prozent der Umsätze. Tatsächlich gibt es in den USA lukrativere Angebote als dieses. Und dass die dazu gelieferten Kreditkarten aus Titan gemacht sind, haut Analysten auch nicht gerade vom Hocker.

Ganz im Stil des verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs kündigte Cook dann gegen Schluss der Veranstaltung, noch „eine weitere Sache“ an. Während der Visionär mit diesem Understatement dann oft revolutionäre Produkte wie das iPhone ankündigte, präsentierte Cook „noch eine bemerkenswerte Geschichtenerzählerin“.

Oprah Winfrey mag zwar beliebt sein, aber „News“ verkörpert der Hollywood-Star nun wirklich nicht. Ein symbolkräftiger Moment in Cupertino, der die ganze Widersprüchlichkeit der Show und Vision offenbarte. Denn mit dem Ausbau des Apple TV zu einem Streaming-Service mit eigenproduzierten Premium-Inhalten nimmt der Konzern den x-ten Anlauf, den Fernsehmarkt umzukrempeln.

Apple hofft darauf, diesmal mehr Erfolg zu haben, die Kabel-Riesen schwanken. Millionenfach kündigen die Kunden ihre Verträge und schauen via Netflix, Hulu und Amazon Prime TV à la carte. Der Konzern kommt ein wenig spät zu der Party, auf der Vorgenannte den Ton angeben. Mit einem ähnlichen Produkt Netflix erledigen zu wollen, scheint gewagt.

Die Investoren zeigten sich wenig begeistert und ließen den Börsenkurs absacken. Denn bis auf das vollmundige Versprechen, nicht nur den Fernsehmarkt revolutionieren zu wollen, sondern mit Oprah an der Spitze die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen, hat Apple bislang nichts geliefert, das erklärt, wie das klappen soll. Es gibt allen Grund skeptisch zu bleiben.

(dpa)
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