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Aachen: Auf der Suche nach der Messebau-Zukunft: WWM aus Monschau

Aachen : Auf der Suche nach der Messebau-Zukunft: WWM aus Monschau

Eine der herausragenden Errungenschaften des Unternehmer-Forums von IHK und unserer Zeitung, das am 19. März seine 48. Auflage erfährt, ist das Hinterfragen von Vorurteilen. Woran denken Sie beispielsweise beim Thema Messebau? Vermutlich an Spanplatten und viel Handwerk, um die temporären Heimstätten von Firmen bei Messen schnell ab- und wieder aufzubauen. An die digitale Revolution denken Sie wohl weniger.

Und doch geht es dem WWM-Geschäftsführer Christian Coppeneur-Gülz um nichts weniger als das: Eine altgediente Branche aufzumischen, die wie so viele andere Branchen lange dachte, dass die Digitalisierung an ihr vorbeiginge. Man verdiente gut mit den etablierten Methoden, weswegen kaum Grund für Revolutionen bestand.

Ein Unternehmen, mehrere Standorte: Der Service-Hub in Alsdorf (oben) wurde 2017 fertiggestellt. Geschäftsführer Christian Coppeneur-Gülz (unten r.) und Marketingchef Nils Neumann sind aber auch oft im Stammsitz in Monschau, wo im WWM-Lab neue Ideen entstehen (rechts).
Ein Unternehmen, mehrere Standorte: Der Service-Hub in Alsdorf (oben) wurde 2017 fertiggestellt. Geschäftsführer Christian Coppeneur-Gülz (unten r.) und Marketingchef Nils Neumann sind aber auch oft im Stammsitz in Monschau, wo im WWM-Lab neue Ideen entstehen (rechts). Foto: Heike Lachmann

Eine Perspektive, die für WWM keine ist: „Wir waren vor allem in den Bereichen Messebau und mobile Messestände aktiv“, erklärt Coppeneur-Gülz, der die Geschäftsführung 2005 von seinem Vater übernommen hat. Beide Bereiche waren zwar lukrativ, die künftigen Marktchancen seien aber wenig berauschend gewesen. Die Frage sei nicht gewesen, ob man sich verändern müsse, sondern, ob man damit schnell genug sein werde.

Ein Unternehmen, mehrere Standorte: Der Service-Hub in Alsdorf (oben) wurde 2017 fertiggestellt. Geschäftsführer Christian Coppeneur-Gülz (unten r.) und Marketingchef Nils Neumann sind aber auch oft im Stammsitz in Monschau, wo im WWM-Lab neue Ideen entstehen (rechts).
Ein Unternehmen, mehrere Standorte: Der Service-Hub in Alsdorf (oben) wurde 2017 fertiggestellt. Geschäftsführer Christian Coppeneur-Gülz (unten r.) und Marketingchef Nils Neumann sind aber auch oft im Stammsitz in Monschau, wo im WWM-Lab neue Ideen entstehen (rechts). Foto: WWM

Keine Angst vor Wettbewerbern

Die Lösung konnte aus Sicht von Coppeneur-Gülz nur ein tragfähiges digitales Geschäftsmodell sein. Also die Transformation des Messemanagements ins digitale Zeitalter. Dabei war und ist ein Spagat gefragt. Einerseits das angestammte lukrative Geschäft nicht gefährden, andererseits radikal neue Ideen denken und für ihre Umsetzung nicht eben wenig Geld in die Hand nehmen. Ein Schritt, für den es nicht sofort Jubelstürme aus der Branche oder dem eigenen Unternehmen gab. „Es gab durchaus Vorbehalte. Einige aus der Branche haben hinter vorgehaltener Hand über uns gelächelt.“

Coppeneur-Gülze_SSRq formuliertes Ziel für WWM: „Wir wollen das agilste Unternehmen der Branche werden.“ Der Weg dorthin führt laut dem Geschäftsführer, der BWL studiert und im Bereich Wirtschaftsinformatik promoviert hat, nur über die Kunden: „Unser Ziel muss es sein, das Problem der Kunden zu lösen.“ Wer das besser tue als andere, sei automatisch relevant am Markt.

„Das primäre Ziel unserer Kunden ist es, auf Messen Interessenten für ihre Produkte zu gewinnen“, sagt Coppeneur-Gülz. Darum fahre der Kunde auf Messen, darum lasse er sich schicke Stände bauen, darum gebe es überhaupt die Live-Kommunikation — so der neudeutsche Name der Branche. Ziel für WWM müsse also sein, die Kontaktaufnahme zu optimieren und dabei den Arbeitsaufwand für die WWM-Kunden zu reduzieren.

Der erste Schritt dazu war eine Plattform, die den Kunden das Planen von Messeständen erleichtert. Nach dem Baukastenprinzip werden auf einer benutzerfreundlichen Oberfläche Elemente hin- und hergeschoben. Der Kunde weiß sofort, was er erhält und was es ihn kostet. „Früher benötigte der Kunde acht Stunden zur Planung eines 20-Quadratmeter-Standes. Mit unserer Plattform schafft er es in 20 Minuten“, sagt Coppeneur-Gülz nicht ohne Stolz.

Damit ist WWM nach Wunsch des Chefs aber noch nicht am Ziel. Wenn es überhaupt darum geht, ein Ziel zu erreichen. Denn durch die Digitalisierung hat sich der Veränderungsdruck potenziert. „Nur wer sich ständig wandelt, sich ständig hinterfragt, ist in der Lage, am Puls der Zeit zu sein“, sagt Coppeneur-Gülz. Das Ziel müsse eine fest verankerte Innovationskultur sein. In Monschau eröffnete 2016 das WWM-Lab, in dem spielerisch neue Ideen entwickelt werden.

Ein Hauch Silicon Valley weht durch die Eifel. „Wir haben keine Angst vor unseren Mitbewerbern. Wenn überhaupt hätten wir Angst vor zwei Studenten, die einen neuen Blick auf die Branche werfen und plötzlich das große Ding entwickeln“, sagt Coppeneur-Gülz. Diese Studenten sollen sich im besten Fall im Monschauer Lab engagieren.

Dazu gehört eine lockere Start-up-Atmosphäre, bei der der Chef-Entwickler um 11 Uhr schon mal ein kleines Nickerchen im Lab macht. „Von dem bekomme ich aber auch nachts um drei Uhr Mails mit coolen Ideen“, sagt Coppeneur-Gülz. Und noch etwas verwundert. Etwas, dass Coppeneur-Gülz „Spaß am Scheitern“ nennt. „Aus 80 Prozent unserer Ideen wird nichts. Das ist aber nicht schlimm. Ich will, dass die Leute grenzenlos denken und Regeln brechen. Dann darf ich sie aber auch nicht mit der Angst vorm Scheitern einschränken.“

Daten als Rohstoff

Für das neueste Projekt ist Scheitern allerdings keine Option, weil es so etwas wie der Heilige Gral der Live-Kommunikation werden könnte. Die seit 2017 im Portfolio befindliche Software „ExpoCloud Event Metrics“ erfasst nach WWM-Angaben „datenschutzkonform und automatisiert“ Smartphones von Messebesuchern und gibt den Standbesitzern Echtzeit-Einblicke in deren Verhalten. Wie lange bleiben sie am Stand? Kehren Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder? Über Soziale Netzwerke können Standbesucher sogar nach der Messe crossmedial beworben werden. „Daten als Rohstoff“ lautet die Zauberformel, die von Facebook & Co. in globalem Maßstab perfektioniert wurde und nun von WWM für das engere Segment Live-Events aufbereitet wird.

Datenschutzbedenken muss laut Coppeneur-Gülz niemand haben. „Wir und unsere Kunden sind da auf der sicheren Seite“, sagt der datenaffine WWM-Chef, der solche Vorbehalte auch seltsam findet: „Das Targeting von Kunden über internetfähige Geräte findet in jedem größeren Einkaufszentrum statt. Das ist tägliche Praxis.“

17 Mitarbeiter beschäftigte WWM früher, heute sind es 80. Eine blühende Erfolgsgeschichte, also? Nicht ganz. Denn schwarze Zahlen schreiben die digitalen Geschäftszweige derzeit nicht. Sie sind noch immer ein aus dem Firmenkapital finanziertes Zukunftsinvestment. Was einem klassischen Mittelständler die Sorgenfalten aufs Gesicht treiben würde, lächelt Coppeneur-Gülz smart weg: „Wir wachsen seit 2011 kontinuierlich zweistellig, und auf Wachstum kommt es im digitalen Geschäft an. Wer heute nicht bereit ist, Geld in die Hand zu nehmen, ist morgen wahrscheinlich Geschichte.“