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Aachen: Arbeitsmarkt ist der Schlüssel

Aachen : Arbeitsmarkt ist der Schlüssel

Wer die provozierende Frage stellt „Ist Deutschland noch zu retten?”, sollte auch um eine Antwort nicht verlegen sein. Beim 3. AMB-Wirtschaftsgespräch hatte Prof. Hans-Werner Sinn diesen Part übernommen.

Der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, der in München Nationalökonomie und Finanzwissenschaften lehrt, gilt als scharfsinniger Beobachter der ökonomischen Lage in Deutschland, die Dr. Walter Thießen, Chef des Versicherungskonzern AMB Generali Holding AG, in einem desolaten Zustand sieht.

Schonungsloses Bild

Eigentlich müsste Deutschland als große Wirtschaftsnation der Motor des Wachstums in Europa sein. Aber das Gegenteil sei der Fall. Als Gründe für die Dauerkrise analysierte Thießen den Sozialmissbrauch - „Schwarzarbeit ist der einzige Wachstumsmarkt in Deutschland” -, die steuerlichen, rechtlichen und bürokratischen Rahmenbedingungen und eine „Fraktion der Blockierer”, die er nicht nur im Lager der Gewerkschaften ausmacht. Auch Hans-Werner Sinn zeichnete ein schonungsloses Bild der wirtschaftlichen Lage.

Selbst ein konjunktureller „Super-Aufschwung” würde die Zahl der Arbeitslosen nicht unter die Marke von 3,8 Millionen drücken, „weil die Arbeitslosigkeit bei uns nicht konjunkturelle, sondern strukturelle Ursachen hat.” Sinn nannte ökonomische Vergleichsdaten der westlichen Industriestaaten und stellte für Deutschland „einen Rückfall auf ein Mittelmaß” fest. Da sind auch scheinbare Rekordzahlen beim Export kein Lichtblick.

Wahrer Wert der Export-Bilanz

Für Sinn handelt es sich eine „Basar-Ökonomie”. Wenn etwa bei Audi-Modellen aus Ingolstadt alle wesentlichen Aggregate aus Osteuropa stammen und der in Leipzig gefertigte „Porsche-Cayenne” zu 88 Prozent mit Teilen aus Bratislava ausgestattet ist, zeige sich der wahre Wert einer deutschen Export-Bilanz: „Die eigentliche Wertschöpfung erfolgt im Ausland.” Ursache dafür seien die hohen deutschen Löhne. „Wer die eingangs aufgeworfene Frage beantworten will, „muss an den Arbeitsmarkt ran.” Sinns Lösungsvorschläge sind radikal und unpopulär: „Wir müssen billiger werden”, fordert er und sieht den einfachsten Weg dazu in einer verlängerten Arbeitszeit. „Statt 38 künftig 42 Stunden zu arbeiten, kann nicht so schlimm sein.” Sinn setzt die Folgen der Arbeitszeitverlängerung mit den Auswirkungen des technischen Fortschritts gleich.

Bei der Arbeitszeit liege Deutschland im OECD-Bereich auf der drittletzten Position. „Eine um zehn Prozent längere Arbeitszeit wird uns auf das Niveau von Italien bringen.” Dazu müsse eine „Durchlöcherung der Flächentarifmodelle” kommen und freie Vereinbarungen zum Kündigungsschutz. „Man kann in Deutschland leichter eine Ehe auflösen als ein Arbeitsverhältnis.”

„Ich hoffe auf die Zukunft”

Die deutschen Sozialhilfesätze sieht Sinn als Jobkiller an und plädiert für eine drastischen Senkung und für Lohnzuschüsse beim Hinzuverdienst statt Lohnersatzleistungen. Angesichts der Radikalität seiner Vorschläge gibt sich Sinn bescheiden: „Ich hoffe auf die Zukunft.”