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Aachen: Alle Ressourcen für die Bildung aktivieren

Aachen : Alle Ressourcen für die Bildung aktivieren

Zu ihrem 20-jährigen Bestehen hätte sich die Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (AGIT) keinen geeigneteren Festredner einladen können als den früheren Spitzenpolitiker und Ex-Jenoptik-Manager Lothar Späth.

Als die Entwicklungsgesellschaft AGIT 1983 gegründet wurde, ging es in der Region Aachen darum, durch neue Ideen und Institutionen einen Wandel vom alten Montanbereich zu einer modernen Technologieregion einzuleiten.

Heute, so Lothar Späth, steht die Gesellschaft wieder vor einem Wandel, der weltweit durch die Globalisierung ausgelöst wird. In einem pointenreichen Vortrag mit hohem Unterhaltungswert entwarf der Ex-Politiker das Szenario einer Welt, die als globaler Marktplatz funktioniert.

Die einzige Chance Deutschlands, auf diesem gigantischen Marktplatz zu überleben, um das Ergebnis seiner Analyse vorwegzunehmen, besteht in der Aktivierung aller vorhandenen Ressourcen für die Bildung. „Nur dann steigt auch das Innovationstempo.”

Die Wirtschaftspolitik im traditionellen Sinn, so Späth, „hat abgewirtschaftet”. Es gebe keine geschlossenen Wirtschaftsräume mehr. „Die Globalisierung achtet nicht mehr auf nationale Märkte.”

Der Wettbewerb vollziehe sich künftig zwischen einzelnen Standorten. Für die nächsten zehn Jahre erwartet Späth einen weltweiten Wegfall aller Zölle. „Die ganze Welt wird ein Binnenmarkt”, in dem industrielle Ansiedlungsentscheidungen für Großprojekte durch Computerprogramme entschieden würden.

„Der PC rechnet alles aus und bewertet es - vom Grundstückpreis bis zur Stabilität einer Regierung im jeweiligen Land.” Schon bei der jüngsten großen Ansiedlung in Deutschland, dem BMW-Werk in Leipzig, sei man so verfahren.

Die deutschen Chancen im weltweiten Wettbewerb der Standorte bewertet Späth kritisch, allerdings gebe es auch Lichtblicke. Was der „Spar-Kommissar” José Ignatio López bei VW eingeführt habe, sei heute in der gesamten Autobranche gängige Praxis.

Eine weitere Chance Deutschlands, im globalen Wettbewerb zu bestehen, sieht Späth in der Netzwerkbildung. So wie die Cluster (Wachstumskerne) entscheidend für die Forschung seien, komme den Netzwerken gerade im mittelständischen Unternehmensbereich große Bedeutung zu.

„Die ersten Geschäfte werden im Netzwerk gemacht. Erst bei einer bestimmten Größe verlassen die Firmen diesen Verbund.” Erste hoffnungsvolle Ansätze hierfür macht Späth auch in der Region Aachen vor allem bei der AGIT aus.

Über allen Bemühungen, zu einem neuen unternehmerischen Denken in allen Bereich zu gelangen, sieht Späth das drohende Schwert der Bürokratisierung. Deshalb sein Rat: „Wir müssen das Zahlenverhältnis zwischen Stürmern und Schiedsrichtern wieder ins rechte Lot rücken.”

In der von AZ-Chefredakteur Bernd Mathieu moderierten Veranstaltung kündigte AGIT-Aufsichtsratsvorsitzender und Handwerkspräsident Dieter Philipp an, die Entwicklungsgesellschaft werde in Zukunft noch stärker an ihrer euregionalen Ausrichtung arbeiten.

Darüber hinaus sind Projekte in Zusammenarbeit mit den Beitrittsländern der erweiterten Europäischen Union ins Auge gefasst.

Für Karl-Uwe Bütof, Ministerialdirigent im NRW-Wirtschaftsministerium, hat die Region Aachen beim Strukturwandel durchaus etwas vorzuweisen. „Es gibt nicht viele Regionen, die technologisch so weit sind wie der Aachener Raum”, lobte er. So sei man hier führend im Bereich des Technologietranfers.

„Wir brauchen nicht nur die Gründung und Ansiedlung von Firmen, sondern müssen auch die vorhandenen Firmen weiter entwickeln.” An die AGIT-Vertreter richtete er den Appell: „Setzen Sie den Kurs des Erfolgs fort.”