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London: Alarmsignale in der Luftfahrtbranche

London : Alarmsignale in der Luftfahrtbranche

Gestrichene Flüge, stillgelegte Jets, milliardenschwere Fusionen und bereits zahlreiche Pleiten bei kleineren Fluggesellschaften - in der Luftfahrtbranche sind die Alarmsignale unübersehbar. Treibstoffpreise auf Rekordhöhe setzen den Airlines schwer zu. In der Branche ist wieder einmal Heulen und Zähneklappern angesagt.

Die beiden rivalisierenden Flugzeugbauer Airbus und Boeing aber bleiben gelassen. Sie profitieren von Rekordauftragsbergen aus vergangenen Boomjahren. Die internationale Luftfahrtmesse in Farnborough südlich von London soll in dieser Woche Aufschluss über das Ausmaß der Krise geben. Louis Gallois, Chef des Airbus-Konzerns EADS, mahnt: „Panik ist nicht angebracht.” Man müsse aber wachsam sein.

Boeing-Chef Jim McNerney gibt sich in Interviews zur Luftfahrtschau zuversichtlich: Bislang gebe es keine Stornierungen von Flugzeugbestellungen. Die beiden Topmanager erwarten übereinstimmend, dass die Rekordkerosinpreise die Nachfrage nach neuen und damit spritsparenderen Flugzeugen weiter ankurbeln werden.

McNerney erklärte in der „Sunday Times”: „Es ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits hat eine Anzahl von Fluggesellschaften finanzielle Schwierigkeiten, speziell in Amerika. Andererseits ist es für die Airlines auch problematisch, jetzt keine neuen, verbrauchsärmeren Flugzeuge zu kaufen.” Denn der Preisschub beim Kerosin übertrifft sogar noch die enorm hohen Sprünge beim Rohöl.

So lag der Treibstoffpreis im Mai noch bei etwa 600 Dollar je Tonne, derzeit sind es bereits rund 1400 Dollar. Bei den Airlines schlagen die Spritpreise erheblich zu Buche, denn üblicherweise entfallen 25 bis 40 Prozent der Gesamtkosten auf die Treibstoffe, rechnet die Zeitung vor. Fliegen wird sich weiter erheblich verteuern, denn immer mehr Fluggesellschaften versuchen, die Kosten durch Ticketzuschläge weiterzugeben. Dies werde vor allem manchen Billigflieger, dem dann die Kunden wegliefen, zum Absturz bringen, erwarten Luftfahrtexperten.

Branchenkenner gehen davon aus, dass auch Airbus und Boeing von den Turbulenzen nicht verschont bleiben werden. Sie rechnen damit, dass mindestens ein Viertel der Bestellungen bei Airbus und Boeing gefährdet ist. Doch die beiden Rivalen könnten dies leicht verkraften, hätten sie doch trotz aller hausgemachten Probleme Rekord-Auftragsbestände. „Sie müssen ranklotzen, damit sie überhaupt die Nachfrage schaffen”, hieß es. Airbus-Chef Thomas Enders ist sichtlich Stolz: „Der Rekordauftragsbestand von 3700 Flugzeugen bedeutet Arbeit für sechs bis sieben Jahre.” Nach Aussagen McNerneys ist Boeing noch die nächsten fünf Jahre mit Arbeit ausgelastet.

Airbus kann nun mit seinem weltgrößte Passagierflugzeug A380 auftrumpfen, nachdem etliche Lieferverzögerungen den europäischen Hersteller so tief in die Krise stürzten. Es sei das „grünste Flugzeug” überhaupt, da es rund 20 Prozent weniger Treibstoff verbrauche als herkömmliche Flugzeuge, preist Galois das Flugzeug. Große Airlines wie Air France/KLM drängelten schon, den Riesenflieger in einer noch größeren Version anzubieten. Standardmäßig ist das Großraumflugzeug mit 525 Sitzen ausgestattet. In der Charterversion könnte der Jet sogar 963 Passagiere fassen. Noch hat Airbus aber die Herausforderung des Serienfertigung nicht bewältigt - die wegen vielfältiger Kundenwünsche komplexen Verkabelungen werden bislang in mühevoller Kleinarbeit erledigt.

Mit erheblichen Problemen kämpft auch Boeing bei seinem neuen spritsparenden Langstreckenflugeug 787, auch weil der US-Hersteller bei dem Jet große Zulieferer aus Japan und Italien unter einen Hut bringen will. Die Rekordzahl von fast 900 Bestellungen ist Beleg für das enorme Interesse der Airlines. Erst Ende des nächsten Jahres und damit etwa 18 Monate verspätet wird der Dreamliner nun vom Erstkunden All Nippon Airways erwartet. Das Konkurrenzmodell von Airbus, die A350, wird nicht vor 2013 fliegen.

Spezielle Sorgen drücken Airbus im Gegensatz zu Boeing wegen des Dollarverfalls, da die Flugzeuge in der US-Währung bezahlt werden, die überwiegenden Kosten aber in Euro anfallen. Auch aus diesem Grund hat der Konzern so große Hoffnungen auf den „Jahrhundertauftrag” der US-Luftwaffe für 179 Flugzeuge und die dortigen Produktionspläne gesetzt. Nach einer Entscheidung des Pentagon muss der Wettkampf mit Boeing nun erneut ausgefochten werden.

In Europa will der EADS-Konzern mit seinen größten Airbus-Werken in Deutschland und Frankreich noch profitabler arbeiten. Das bisherige Sparprogramm Power8, das den Abbau von insgesamt 10 000 Stellen und die Ausgliederung von Werken vorsieht und erst zum Teil umgesetzt ist, soll durch Power-8-plus ergänzt werden. Effizientere Organisation und konsequente Internationalisierung nennt der Vorstand als Hauptziele. Daniel Friedrich, Sprecher der IG Metall Küste, verweist auf die vielen Baustellen im Konzern und den hohen Arbeitsanfall: „Weitere Belastungen sind für die Beschäftigten nicht zumutbar.”