Aachen: Aachener Firma kühlt WM-Stadien runter

Aachen: Aachener Firma kühlt WM-Stadien runter

Als André Göbel von der Entscheidung der Fifa hörte, galt: cool bleiben. Die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2022 wird nun tatsächlich im Winter stattfinden, weil die Temperaturen im Wüstenstaat Katar im Sommer nicht nur für Fußballer kaum zu ertragen sind.

Der WM-Fußballfan in André Göbel fragte sich: Was soll das denn? Eine WM im Winter? Und der Leiter der Produktgruppe Luftführungssysteme der Aachener Firma Krantz wusste: Das hat Konsequenzen für unser Unternehmen.

Denn die Aachener haben das erste offene klimatisierte Fußballstadion mit Zuluft-Komponenten ausgestattet, welches die Fifa abgenommen hat. Bei einer „normalen“ Sommer-WM hätten sie damit die Chance, viele der zwölf Stadien mit Belüftungstechnik auszustatten, bei der Winter-WM werden es nun wohl lediglich zwei sein, die klimatisiert werden müssen. Immerhin.

Der Name Krantz hat Tradition in Aachen. 1892 wurde das Unternehmen als Textilfabrik gegründet. Drei andere Bereiche sind es, die heutzutage die Geschäfte der Firma bilden: Filter und Absperrsysteme, Luftführungssysteme, Kühl- und Heizsysteme. Das Unternehmen hat sich so einen Namen gemacht — nicht nur bei der Fifa. Aachener Krantz-Technologie findet sich beispielsweise im Hongkong Convention Center, im Madrider Flughafen, in der Olympiahalle in Sydney, der Arena in Auckland im fernen Neuseeland und dem Theater im nahen Aachen.

Mit Hallen wie in Sydney und Auckland hat Krantz jede Menge Erfahrung: Auch die Arenen in Manchester (25.000 Plätze) und Birmingham (20.000 Plätze) stehen auf der Liste mit den Referenzen der Firma, ebenso die Kölner Lanxess-Arena. Schon hier ist die Belüftung anspruchsvoll, sind die Temperaturen beim Eishockey über der Spielfläche besonders niedrig, bei Konzerten oftmals sehr hoch. In offenen Sportstadien — vor allem in der arabischen Wüste — sind die Anforderungen noch einmal deutlich komplizierter. Doch hat sich Krantz diesen schon einmal erfolgreich gestellt.

Hitzig diskutiert

Durchaus hitzig haben die Krantz-Klimaexperten diskutiert, als es erstmals darum ging, ein offenes Fußballstadion zu klimatisieren. Sechs Jahre ist das her. Sie sprachen über die Geld- und Energieverschwendung eines solchen Projektes. Beides war durchaus im Bewusstsein. Wobei in deutschen Stadien, wie dem in Leverkusen, über den Tribünen auch schon Heizstrahler gegen die Kälte im Winter installiert wurden.

Und: „Wenn bei uns im Winter die Türen der Geschäfte offen stehen, dann kommt auch verschwenderisch viel Wärme nach außen. Wir dürfen da nicht mit dem Finger auf andere zeigen“, erklärt Göbel. Letztlich bedeutet ein solcher Auftrag für eine Firma wie Krantz vor allem: sehr viel Prestige.

Der Ball rollt mittlerweile in jenem Stadion, dem Jassim-Bin-Hamad-Stadion des katarischen Erstligisten Al-Sadd SC, der jüngst für Aufsehen sorgte, weil er den spanischen Weltmeister Xavi vom FC Barcelona nach Katar lockte — ins klimatisierte Stadion, in dem bald die neue Saison startet. Es wurden 39.000 extra für dieses Stadion entwickelte kleine Luftauslässe montiert — drei pro Sitz. Sie sehen aus wie kleine Salzstreuer und schaffen für den Besucher eine Art Mikroklima mit Temperaturen von 24 bis 26 Grad. Eine angenehme Abkühlung ist das bei Außentemperaturen von 45 Grad Celsius. Für die Weltmeisterschaft in Katar wird diese Technologie weiterentwickelt.

Autark arbeiten

120 Mitarbeiter hat Krantz in Richterich-Uersfeld am Aachener Stadtrand. Die Firma hatte zuletzt eine bewegte Zeit, die Besitzer wechselten mehrfach. Aktuell zählt das Aachener Unternehmen zur weltweit operierenden Caverion — einem Konzern mit 18.000 Beschäftigten. Als Spezialist für Sonderlösungen in Sachen Belüftung könne man laut Göbel aber autark arbeiten. „Unser Name ist in der Welt für Sonderlösungen bekannt“, sagt er. „Wir sind zu klein, um von der Stange zu leben.“

Es ist die ständige Entwicklung — die entsprechende Abteilung sei eine der Größten weltweit —, die die Zukunft der Firma bestimmt. In einer 13 Meter hohen Halle wurden zuletzt Versuche für das Four Points Sheraton-Hotel in Sydney abgeschlossen. Es gibt Räume, die die Belüftung in OP-Sälen simulieren und an der Decke die Technologie, die bei der Lackierung von Flugzeugen zum Einsatz kommt: wie riesige, umgedreht Pilze hängen sie dort oben. Anders als ein Auto kann ein Flugzeug nicht einfach so mit einem Roboter lackiert werden.

Allein die Dimensionen sind nicht zu vergleichen. Wenn in Finkenwerder ein A 380 lackiert wird, dann braucht es eine ausgefeilte Luftführung in der Lackierhalle — und diese kommt von Krantz. 1,60 Meter Durchmesser haben die Zuluftdurchlässe, die während der Lackierung von der Decke einen reinen Luftstrahl in genau abgestimmter Geschwindigkeit erzeugen. Wäre dies nicht so, käme die Luft in der Halle derart in Bewegung, dass Staubpartikel auf dem Flugzeug „festlackiert“ würden.

Das Ergebnis wäre eine Art Pickelhaut. Die sieht nicht nur unschön aus, jeder Partikel würde zusätzlichen Luftwiderstand bieten und den Kerosinverbrauch des Fliegers erhöhen. Oder es kommt zu diesem Fall: Es würde vor lauter Luftbewegung zu viel Farbe verwendet — auch nicht gut.

Letztlich haben die Aachener eine Lösung gefunden, auf die Airbus auch in China setzt. „Wir sagen lieber Nein, wenn wir Bedenken haben, ob es eine adäquate Lösung gibt“, erklärt Göbel. Für die Fußball-WM 2022 haben sie eine.