Aachen: Streetscooter expandiert und sucht Mitarbeiter

Aachener E-Mobil-Hersteller : Streetscooter expandiert und sucht Mitarbeiter

Der neue Streetscooter-Geschäftsführer Jörg Sommer tritt Gerüchten über eine Produktionsverlagerung entgegen. Im Gegenteil: Die Standorte Aachen und Düren stünden nicht zur Disposition.

Der Aachener E-Mobil-Hersteller Streetscooter ist auf Expansionskurs und wird am Standort Aachen bis zu 200 zusätzlich Arbeitsplätze schaffen. Das erklärte der neue Geschäftsführer Jörg Sommer am Montag im Gespräch mit unserer Zeitung und trat damit Gerüchten entgegen, denen zufolge der Produktionsstandort Aachen in Gefahr sei. Sommer nannte die Gerüchte „böswillig“ und sprach von „gezielten Falschinformationen, um Streetscooter zu schaden“. Bereits im August und September seien etwa 50 neue Mitarbeiter eingestellt worden, weiter würden folgen.

Die Deutschen Post AG, die Streetscooter 2014 als RWTH-Start-up kaufte und seitdem vor allem dazu nutzte, um die eigene Flotte von Paketzustellfahrzeugen auf E-Mobile umzustellen, hatte Anfang Oktober mitgeteilt, dass Streetscooter auch im Geschäftsjahr 2019 ein Minus in Höhe eines „signifikanten zweistelligen Millionenbetrages“ machen werde.

Um dies zu ändern, hat Sommer die internationale Ausrichtung des Aachener Autobauers in den vergangenen Monaten forciert. Es ist beabsichtigt, in Kooperation mit einem chinesischen Automobilhersteller in China Zustellfahrzeuge für den dortigen Markt zu produzieren. Das Potenzial für elektrisch betriebene Zustellfahrzeuge schätzt Sommer allein in China auf 2,5 Millionen Stück.

Verhandlungen in Europa, Asien und den USA

Darüber hinaus bestätigte Sommer am Montag Gespräche mit „vielen großen Flottenbetreibern in den USA und Europa“. Dabei konzentriere sich Streetscooter zunächst auf Flotten, mit denen Pakete zugestellt werden. Sommer verhandelt also auch mit Konkurrenten der Deutschen Post AG. Um Verträge abzuschließen, rechnet Sommer mit Verhandlungszeiten von zwölf bis 18 Monaten.

Auch in Japan hat Sommer Verhandlungen aufgenommen: Nachdem die Logistikgruppe Yamato Anfang 2019 bei Streetscooter 500 Zustellfahrzeuge in Auftrag gegeben hatte, ist Sommer dabei, an einer strategischen Allianz mit Yamato zu arbeiten. Ein erster Schritt könnte sein, von den 40.000 Zustellfahrzeugen der Yamato-Flotte „bis zu 4000 durch Streetscooter zu ersetzen“, sagte Sommer. All diese Fahrzeuge würden „an den Standorten Aachen und Düren gebaut“.

Obwohl auch die Autokonzerne damit begonnen haben, in die E-Mobilität zu investieren, hat Streetscooter laut Sommer zwei entscheidende Vorteile: Zum einen sei der Aachener Hersteller in der Lage, E-Mobile in höheren Stückzahlen zu produzieren als die traditionellen Autobauer. Und zum anderen habe Streetscooter das Know-how entwickelt, E-Mobil-Flotten auch zu elektrifizieren, das heißt mit Strom versorgen zu können.

Die Deutsche Post zum Beispiel lädt ihre 10.000 Streetscooter in etwa 700 Depots auf, von denen die größten über bis zu 200 Ladestationen verfügten. Der Aufbau einer solchen Energie-Infrastruktur sei eine komplexe Aufgabe, die Streetscooter mittlerweile als Dienstleistung anbieten könne.

Übernahmeangebot vom Mitgründer

All dies habe Sommer auf Mitarbeiterversammlungen und in vielen Gesprächen skizziert und versichert. Dass nun Gerüchte gestreut würden, die mehr oder weniger das Gegenteil von Sommers Ankündigungen behaupten, „hat unsere Mitarbeiter und deren Familien verunsichert“. „Das tut weh“, sagte Sommer am Montag. Richtig sei, dass die Standorte Aachen und Düren gestärkt würden und nicht zur Disposition stünden.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Deutsche Post AG keine Ambitionen hat, längerfristig als Autohersteller tätig zu sein. Der Vorstandsvorsitzende Frank Appel hatte Anfang Oktober abermals bekräftigt, dass der Konzern weiterhin mit potenziellen Kaufinteressenten spreche.

Einer dieser Interessenten war der Aachener Produktionstechnik-Professor Günther Schuh, der Streetscooter mitgegründet hatte und mittlerweile Geschäftsführer von e.Go ist, einem weiteren Aachener E-Mobil-Hersteller. Schuh bestätigte vergangene Woche auf Anfrage unserer Zeitung, dass er dieses Jahr in der Tat ein Kaufangebot für Streetscooter abgegeben hat. Über die Höhe seines Angebots machte er keine Angaben und bezeichnete die kolportierte Summe von 300 Millionen Euro als „nicht korrekt“. Ein Rückkauf sei allerdings nicht zustande gekommen.

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