RWTH-Spin-Off Heusch/Boesefeldt: 50 Jahre Verkehrsmanagement made in Aachen

RWTH-Spin-Off Heusch/Boesefeldt : 50 Jahre Verkehrsmanagement made in Aachen

Ein Spin-off der RWTH Aachen wird 50 Jahre alt. Das Unternehmen Heusch/Boesefeldt arbeitet seither daran, den Verkehr flüssig zu halten und Autofahrern durch den Stau zu helfen.

„Am Hansemann links ab und dann immer geradeaus“, hieß es 1969 in Aachen, als es dem Büro für Verkehrstechnik und Datenverarbeitung gelungen war, die ersten grünen Wellen zu programmieren. „Wir haben sehr früh mit Datenverarbeitung verkehrstechnische Probleme lösen wollen und können“, erzählt der heutige Geschäftsführer Berthold Jansen von den Anfängen. Das sei eine spannende Zeit gewesen: „Programmiert wurde wochenlang – und zwar nur nachts – direkt am Verkehrsrechner der Stadt. Die Ampelschaltung wurde dafür stillgelegt.“

Jansen selbst stieß 1987 nach seinem Mathematik-Studium zur Heusch/Boesefeldt GmbH, die als Spin-off der RWTH Aachen von den beiden Namensgebern – den Ingenieuren Heinz Heusch und Jochen Boesefeldt – gegründet worden war. Der Auftrag Ende der 60er Jahre lautete: Ermittlung und Auswertung von Verkehrsdaten zur Belastung der Straßen. „Die Daten wurden – und das war die Innovation – durch Verkehrszählgeräte mit Induktionsschleifen elektronisch erfasst und schließlich ausgewertet.“ Insofern sei die automatische Datenverarbeitung schon von Anfang an Teil des Aachener Unternehmens gewesen.

Recht schnell wuchs das Büro, damals zentral an der Peterstraße gelegen, aus dem innerstädtischen Betätigungsfeld heraus. Im Rhein-Main- und Ruhrgebiet brachte Heusch/Boesefeldt „leitende Empfehlungen“ auf Wechselwegweiser, um Autofahrer bei Staus und Unfällen auf die verkehrlich beste Route zu schicken.

Logistik 4.0 und autonomes Fahren sind ihre Themen: Die Heusch/Boesefeldt-Geschäftsführer Berthold Jansen (links) und Dirk Hübner. Foto: Andreas Herrmann

Daraus abgeleitet wurde bereits Ende der 70er Jahre sogar der Versuch eines ersten dynamischen Navigationssystems: Im Projekt ALI (Autofahrer Leit- und Informationssystem), das die Aachener Verkehrsmanagement-Experten zusammen mit Blaupunkt, Volkswagen und dem TÜV starteten, wurden einer Flotte von 400 Fahrzeugen aktuelle Routeninformationen – auf Grundlage des tatsächlichen Verkehrszustands – direkt ins Fahrzeug übertragen. Trotzdem habe es noch gut 30 Jahre gedauert, bis eine solche dynamische Zielführung im Navigationssystem auch kommerziell genutzt wurde.

„Das ist ein Grund mehr, Entwicklungen frühzeitig zu unterstützen und Innovationen mitzugestalten“, sagt der Diplom-Mathematiker selbstbewusst. Heute gehe es um Themen wie Logistik 4.0 und um Grundlagenforschung für automatisierte Fahrzeuge. Im kürzlich abgeschlossenen Projekt KoMoD (Kooperative Mobilität im Digitalen Testfeld Düsseldorf), für das Heusch/Boesefeldt jetzt eine Weiterführung beantragt habe, wurden auf einer 20 Kilometer langen Teststrecke neue Technologien der Fahrzeuginfrastruktur-Vernetzung sowie des vernetzten und hochautomatisierten Fahrens unter realen Bedingungen erprobt.

„Die Möglichkeit, Forschungsprojekte durchzuführen, bedeutet für uns als kleines Unternehmen auch die Chance, gute Mitarbeiter zu gewinnen und halten zu können“, betont Dirk Hübner, ebenfalls Geschäftsführer bei Heusch/Boesefeldt, der 1993 selbst über ein Forschungsprojekt ins Unternehmen kam. Der promovierte Informatiker hatte sich an der RWTH Aachen auf Datenkommunikation spezialisiert: „Im Projekt ging es genau darum: Verkehrsdaten in ein Fahrzeug zu übertragen. Das gab es damals noch nicht.“ Heute zählt das Unternehmen 50 Mitarbeiter – bis auf drei Verkehrsingenieure sind alle von Haus aus Softwareentwickler.

„Unsere Themen sind nicht nur inhaltlich, sondern auch technologisch und wissenschaftlich spannend“, sind die Geschäftsführer überzeugt. Die Bandbreite sei vielfältig: von der Datenkommunikation und -analyse über die Entwicklung von Algorithmen bis hin zur Programmierung von komplexen, grafischen Benutzeroberflächen. „Jeder findet hier seinen Bereich.“

Nur einen Kunden in NRW

Allein im letzten Jahr kamen dank zweier Großaufträge aus Hessen und Österreich zehn neue Mitarbeiter hinzu. „Unser System läuft mittlerweile in mehr als der Hälfte der Bundesländer“, erklärt Hübner. Im deutschsprachigen Bereich sei man damit Marktführer – eine Position, die man weiter ausbauen wolle. „Zum größten Teil nutzen die übergeordneten Verkehrszentralen unsere Software. Wir liefern aber auch kleinere Systeme, die bestimmte Streckenabschnitte steuern.“ Für die Autobahnen und Schnellstraßen in Österreich entwickelt Heusch/Boesefeldt bereits seit 2003 das gesamte Verkehrsmanagement- und Informationssystem – zunächst zusammen mit Siemens Österreich, seit letztem Jahr in einem neuen Konsortium mit zwei weiteren mittelständischen Firmen.

„Beim Thema Verkehr verhält es sich so wie beim Fußball: Jeder kann mitreden“, sagt Jansen. Andererseits sei das Verkehrsmanagement aber auch wieder ein sehr kleiner Bereich: „In NRW haben wir nur einen Kunden, den Landesbetrieb. Wenn man hingegen Unternehmenssoftware macht, hat man in Aachen gleich 10.000 Kunden. Wir müssen also den einen Kunden durch gute Arbeit zufriedenstellen. Sonst, wenn man raus ist, ist man raus.“

Die Zukunft bereite den beiden Geschäftsführern, die die Software-Abteilung des Unternehmens 2002 in Form eines Management-Buy-out übernahmen und als Heusch/Boesefeldt weiterführten, aber „noch lange kein Kopfzerbrechen“. Dabei gebe es ab 2021 eine größere Veränderung: Dann sollen der Betrieb und die Verwaltung der Autobahnen in Deutschland durch die neue bundeseigene Autobahn-Gesellschaft erfolgen. „Was sich dadurch ändern wird, wissen wir noch nicht.“

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