Aachen: Weihnachten in der Wohngruppe: Anders und doch klassisch

Aachen: Weihnachten in der Wohngruppe: Anders und doch klassisch

Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sind mit Klischees behaftet. Weihnachten dort zu verbringen, das muss doch schwer sein — oder? In den Wohngruppen des Zentrums für soziale Arbeit in Aachen leben mehr als 130 Menschen, vom Säugling bis zum jungen Erwachsenen, teils jahrelang. Ein Ausschnitt davon, wie sie Weihnachten feiern und die Adventszeit erleben.

Das Weihnachtsfest von Ben ist klassisch, sein größter Geschenkwunsch auch. Der 15-Jährige ist Fußballfan, Bayern-Fan, wie so viele in seinem Alter. Auf seinem Wunschzettel steht ein neues Trikot. Heute erfährt er, ob sein Wunsch erfüllt wird. In seiner Wohngruppe innerhalb des Zentrums für soziale Arbeit in Aachen ist nämlich schon am 23. Dezember Bescherung.

Wenn Ben von seiner Vorweihnachtszeit erzählt, klingt das ebenfalls wie bei anderen Jugendlichen. Plätzchen backen, Geschichten lesen, Weihnachtsbaum schmücken — vorher den Weihnachtsbaum gemeinsam mit seiner Gruppe selbst im Wald schlagen. Zum siebten Mal, fast sein halbes Leben lang, feiert er Weihnachten mit seiner Wohngruppe. Ist das Fest für ihn traurig? „Nein“, antwortet Ben schlicht. Er überlegt kurz. „Ich freue mich, wenn wir zusammen sitzen und miteinander reden.“

Heute, am verfrühten Heiligabend, frühstückt er mit seiner Gruppe zusammen. Danach gehte_SSRqs ins Schwimmbad, anschließend ins Kloster Zweifall zum Gottesdienst. Dann wandern alle zusammen vom Kloster abwärts und gehen zu Abend essen. Und dann kommt das, auf das sich Tausende Kinder und Jugendliche freuen: die Bescherung. Die Geschenke liegen unterm Tannenbaum im Wohnzimmer seiner Gruppe, die Jugendlichen überreichen sie sich gegenseitig. Eine klassische Zeremonie. Morgen fährt Ben dann nach Hause zu seinen Eltern.

„Die Weihnachtszeit ist eine besondere und intensive Zeit“, sagt Burkhard Büttgen, Leiter der Einrichtung. „Alle sind bemüht, sie mit positiven Erfahrungen zu verbinden.“ Darum machen die Kinder und Jugendliche eben das, was Familien auch machen: Ausflüge, backen, kochen, reden. „Wir sagen oft, es ist ein Zuhause auf Zeit“, sagt Günter Kriescher, stellvertretender Leiter. Jenseits von Weihnachten gibt es Urlaube in den Ferien, Wochenendaktivitäten, Ausflüge in den Freizeitpark.

„Ganz normal eigentlich“

18 Gruppen gibt es insgesamt: Jungen, Mädchen, Flüchtlinge, junge Eltern. Im Haupthaus in Aachen leben nur vier Gruppen, die anderen sind über die ganze Stadt verteilt, oft in gewöhnlichen Einfamilienhäusern. „Von außen sieht man nicht, dass nicht nur eine Familie drin wohnt“, sagt Kriescher. Meistens gibt es für jeden ein Einzelzimmer, dazu Wohnzimmer und Esszimmer, Betreuer sind natürlich immer da. „Kein großer Schlafsaal mit Doppelstockbetten“, sagt Büttgen und spielt damit auf Klischees an, die noch immer mit Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen verbunden sind. „Ganz normal eigentlich“, sagt Jana.

Jana ist 17 und lebt derzeit in einer Mädchenwohngruppe. Sie feiert zum ersten Mal Weihnachten dort — und sie lässt es einfach auf sich zukommen, sagt sie. Auf ihrem Wunschzettel stehen viele Kleinigkeiten, eine neue Handyhülle etwa.

Nassims Wunschzettel sieht ähnlich pragmatisch aus. Er wünscht sich Küchenzubehör. Gar nicht so ungewöhnlich, sagt Büttgen: „Ich habe so einige Toaster und Kaffeemaschinen in der Hand gehabt.“ Nassim ist auch 17 Jahre alt und gerade in der Verselbstständigung. Das heißt: Er wird auf seine erste eigene Wohnung vorbereitet, lebt in einer WG, wo die Betreuer anders als in den anderen Wohngruppen nicht mehr rund um die Uhr da sind. Das, so erzählt Kriescher, sei der übliche Weg. Wohngruppe, Verselbstständigung, eigene Wohnung. Und für seine eigenen vier Wände braucht Nassim eben Pfanne, Topf und Toaster.

Das zweite Weihnachtsfest im Leben

Für ihn ist das Weihnachtsfest sowieso ein bisschen anders. Seit fast zwei Jahren ist er in Deutschland, vorher lebte er in Afghanistan. In diesem Jahr feiert er zum zweiten Mal in seinem Leben Weihnachten. Am 24. Dezember frühstückt seine Gruppe zusammen, danach gibt es Geschenke. Nassims Eltern sind nicht in Deutschland, deswegen fahre er danach zu Freunden, erzählt er. Ihm gefällt das Zusammensitzen, das gemeinsame Essen.

Die meisten Kinder und Jugendliche sind ab dem 24. bei ihren Familien, so wie Ben und auch Jana. Aber eben nicht alle. Die Gründe dafür sind vielfältig, allein ist dann aber trotzdem niemand: Auch am 24. sind Betreuer da und gestalteten den Tag mit den Dagebliebenen weihnachtlich, machten sich noch einen schönen Abend, sagt Kriescher.

Natürlich hat jeder, der in einer der Wohngruppen lebt, seine eigene Geschichte, einen Grund, warum er nicht bei seiner Familie wohnt. Erzieherische Überforderung, Erkrankung der Eltern, Fluchthintergrund: „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt Kriescher. Von nur wenigen Tagen bis hin zu vielen Jahren seien die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen da.

Die Geschenke kommen aus Spenden, aus verschiedenen Weihnachtsaktionen, teilweise aus dem Etat vom Jugendamt. Ihre Wunschzettel schreiben die Kinder und Jugendlichen selbst. In der Adventszeit schon gibt es eine große Feier, bei der alle Wohngruppen dabei sind. „Jeder bereitet etwas vor“, sagt Kriescher. Er ist seit acht Jahren im Haus, hat demnach schon einige Weihnachtsfeste miterlebt — jedes Mal sei es anders. „Die Gruppenkonstellationen ändern sich häufig.“ Und Büttgen sagt: „Jeder bringt etwas anderes mit, was an Weihnachten für ihn dazugehört.“

Mehr von Aachener Zeitung