Region/Baesweiler: Über die Einzigartigkeit von Fehlern

Region/Baesweiler: Über die Einzigartigkeit von Fehlern

In einer Welt, in der Perfektion groß geschrieben wird, da sind es nicht selten Unstimmigkeiten, die das Spezielle kennzeichnen. Annabelle Seefeldt (28) ist Sekretärin und hat die Erfahrung gemacht, dass das, was sie selbst näht oder bastelt, bei Freunden und Familie besser ankommt als Gekauftes. Claudia Esser (22) ist Erzieherin, sitzt manchmal das ganze Wochenende an der Nähmaschine und bemerkt gar nicht wie die Zeit vergeht.

„Die kleinen Fehler, die ich sehe, sind für die anderen ein Hinweis darauf, wie viel Arbeit und Liebe ich in das Geschenk gesteckt habe — und wie ich sie mache, gibt es die Dinge eben nicht zu kaufen.“ Anfangs hatte sie nicht mal eine eigene Nähmaschine. Sie hat sich an der einer Freundin probiert. Inzwischen werden Geschenke nicht mehr gekauft, sondern gebastelt oder genäht. „Meine Freunde sind regelrecht beleidigt, wenn ich nicht selbst Hand angelegt habe.“ Deshalb hat sie auch schon eine Liste an Geschenkwünschen.

Mit Grauen fällt bestimmt dem ein oder anderen ein, dass die einzigartigen Kunstwerke aus der Schulzeit von den liebenden Eltern mit stählerner Härte noch immer in den eigenen vier Wänden ausgestellt werden — zur leicht amüsierten Bewunderung der Besucher. Ein Museum des persönlich empfundenen Versagens, wenn das Kunstwerk des Kindes mit 20 Jahren eben hauptsächlich noch „liab“ ist und ein gelegentliches „och herm“ hervorruft.

Kein Grund zu Verzweifeln, findet Annabelle und betont, dass kein Hexenwerk hinter ihrer Handarbeit stecke: „Die Anleitungen finde ich bei Youtube. Da kann man nicht viel falsch machen.“ Auch wenn sie mit leicht errötenden Wangen zugeben muss, dass sie bei dem Versuch einen Jump­suit zu nähen, ein Bein mit der hinteren Hosentasche nach vorne zeigend angenäht hat. Unabsichtlich. Trotzdem seien es gerade die Fehler, die bei Freunden dazu führten, dass die Markendecke für den Nachwuchs in der Ecke landet und stattdessen die von Annabelle genähte Decke immer mit dabei ist, oder das unpersönliche Türschild aus dem Kaufhaus weiterverschenkt wird, während Annabelles gebasteltes im exzellenten Shaby-Chic-Look die Wohnungstür ziert.

„Tendenziell liebt ja jeder die Einzigartigkeit“, sagt Claudia Esser (22). Sie ist Erzieherin und wohnt in Baesweiler. Und Unikate sind eben der Pulli oder die Eingangstür, die sich mit Selbstgemachtem von jener der anderen unterscheidet. „Nähen ist nicht unbedingt Arbeit. Für mich ist es sogar Erholung pur.“ Manchmal sitzt sie das ganze Wochenende an der Nähmaschine und bemerkt gar nicht wie die Zeit vergeht. Dass ihr Hobby altbacken sein soll, Zeitvertreib für ältere Damen, davon will Claudia nichts hören. „Nee. Die Frage ist doch eher: Wieso für Omas?“

Claudia weiß, dass sie sich auch noch entwickeln kann, was die Handarbeit betrifft. „Das Lernen kommt mit der Zeit. Ich habe direkt mit kleinen Pluderhosen angefangen. Die sind leicht.“ Inzwischen ist sie bei Kissenbezügen und Pullovern. Aus dem Handwerksunterricht kann sie sich nur noch daran erinnern, wie man den Faden in die Nähmaschine einlegt. Spaß gemacht habe ihr das damals auch nicht. Jetzt näht sie ihre persönlich angepassten und speziellen Kleidungsstücke.

Natürlich kann man Handgemachtes auch kaufen. Den Küchentisch aus Europaletten gibt es im Internet ebenso wie kleine Klamottenlabels. Für Annabelle und Claudia ist die Handarbeit aber wie für andere das Fitnessstudio, es dient vor allem dem Abschalten. „Und am Ende hat man etwas Schönes, ein Geschenk oder eben etwas für sich selbst“, sagt Annabelle. Kreativ sei sie schon immer gewesen, sie habe viel gemalt. Inzwischen gehört aber auch Basteln und Nähen wie selbstverständlich zu ihr. Immer öfter nimmt sie deshalb auch den Handbohrer in die Hand — so wie für ihr Türschild, dass sie Freunden gerne zum Umzug oder zur Hochzeit schenkt.