Region: Tieren eine Stimme geben und überzeugen, statt missionieren

Region : Tieren eine Stimme geben und überzeugen, statt missionieren

Gerade geborene Ferkel, die von einem Mann in blauem Overall brutal auf den Boden geschlagen werden. Einmal, zweimal, dreimal. Bis sie nicht mehr zappeln und quieken. Die aufgeregte Mutter wird mit Tritten ruhiggestellt. Nächste Szene: Im Halbsekunden-Takt werden Küken auf ein Fließband fallen gelassen und nach Geschlecht sortiert.

Die männlichen fallen vom Band direkt in den Schredder. Auch ihr Leben endet bereits kurz nach der Geburt. Die Videos, die die Passanten in der Aachener Innenstadt auf den von schwarz gekleideten Aktivisten gehaltenen Bildschirmen sehen, sind grausam. Und zeigen den Veranstaltern der Aktion „Cube of Truth“ (Wahrheitswürfel) zufolge die tägliche Realität der Produktion von Tierprodukten. Die Videos stammen von verschiedenen Tierrechtsorganisationen wie Soko Tierschutz oder Animal Equaliy.

Viele Fragen: Alex Creutz will im Gespräch zum Nachdenken anregen. Foto: Kristina Toussaint

Für viele Menschen sind die Szene nicht nur schwer anzusehen, sondern auch überraschend: „Einige haben solche Bilder tatsächlich noch nie gesehen“, erzählt Alex Creutz, Leiter der Aachener Gruppe von Anonymous for the Voiceless, also „Anonymous für die, die keine Stimme haben“. Die überzeugten Veganer setzen sich für Tiere ein. Deshalb stehen sie seit November alle paar Wochen in der Aachener Fußgängerzone und versuchen, möglichst vielen Menschen die Augen für ihre Wahrheit zu öffnen.

Wenn sich die 20-köpfige Gruppe mitten in den sonnigen Wochenend-Bummelverkehr auf die Adalbertstraße stellt, kommt hier niemand mehr vorbei, ohne die im Quadrat aufgestellten, mit Anonymous-Masken Verhüllten zu bemerken. Viele bleiben stehen, betrachten die Videos auf den Bildschirmen, lassen sich von den Teilnehmern, die um den „Würfel“ herumstehen, in ein Gespräch verwickeln.

Während die Videobilder brutal sind, verfolgen die Aktivisten in den Gesprächen eine sanfte Strategie: „Uns Veganern hängt oft das Klischee nach, missionarisch zu sein, so zu wirken, als würden wir uns als etwas besseres fühlen“, sagt Alex. Um dieses Klischee nicht zu bestätigen, gehen sie nur auf Menschen zu, die ohnehin interessiert wirken. „Wir greifen die Menschen nicht an, sondern stellen gezielt Fragen, um die Leute zum Nachdenken zu bringen“, beschreibt Alex. „Wie finden Sie das, was Sie da sehen?“ und „Haben Sie eine Idee, wie man etwas daran ändern könnte?“.

Vielen sind die Probleme der industriellen Tierhaltung bewusst — dass aber der Konsum von Produkten aus der Bio- oder Freilandhaltung es nicht viel besser mache, schockiere die meisten. „Dann hat das Huhn eben ein halbes Din-A4-Blatt Platz mehr und bekommt keine oder weniger Antibiotika — glücklich ist es trotzdem nicht“, sagt Alex. Er selbst hat irgendwann gemerkt, dass ihm die Grundhaltung, Tiere seien da, um dem Menschen zu dienen, widerstrebt.

Mitmachen darf bei Anonymous for the Voiceless nur, wer Veganer oder auf dem Weg zur tierproduktfreien Ernährung ist. Die Gruppe wächst stetig, sagt Alex. Auch Mitglied Ingrid Vaaßen lebt seit drei Jahren vegetarisch und seit einigen Monaten vegan. Zunächst stellte sie ihre Ernährung um, weil sie es zuträglich für ihre Gesundheit hielt — inzwischen sind moralische Gründe für sie in den Vordergrund getreten. „Man schämt sich richtig, dass man das alles nicht schon vorher hinterfragt hat.“ Jetzt nimmt sie selbst am „Cube“ teil. „Ich habe das Bedürfnis, meine Ignoranz in den ganzen Jahren irgendwie wieder gut zu machen“, sagt sie.

Mehr als die Hälfte der zehn bis 20 Gespräche, die jeder Teilnehmer pro Veranstaltung führt, wird als „positiv“ verbucht — das heißt, dass die Gesprächspartner versprechen, ihren Konsum zu überdenken. Wirklich negative Reaktion gebe es fast nie. Den Passanten in der Adalbertstraße ist vieles, was sie zu sehen bekommen, nicht neu. „Ich finde aber gut, dass versucht wird, noch einmal ein Zeichen zu setzen — gerade hier in der Fußgängerzone“, meint Solveig Eskin. Die 18-Jährige versucht bereits, sich bewusst zu ernähren, Gemüse selbst im Garten anzubauen und Fleisch nur vom Bauern im Nachbarort zu kaufen, erzählt sie.

Tierrechtsaktivist Alex Creutz sagt dazu: „Uns ist es ein Anliegen, dass der Kauf von sämtlichen Tierprodukten hinterfragt wird, auch jener 'vom Bauern nebenan'“. Für Solveig ist es aber ein Anfang. „Das hier bestärkt mich darin, dran zu bleiben.“