Aachen: Telefonseelsorger: Gute Zuhörer, keine Problemlöser

Aachen: Telefonseelsorger: Gute Zuhörer, keine Problemlöser

Wer schnell Hilfe oder jemanden zum Reden braucht, bekommt das unkompliziert bei der Telefonseelsorge - kostenlos und anonym. In ganz Deutschland gibt es sie, seit 1975 auch in Aachen. Einer von ihnen ist Julian.

In seiner Freizeit hört sich Julian die Probleme anderer Menschen an. Freiwillig und gern. Junge Menschen, alte Menschen, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten rufen bei ihm an, um ihren Ballast loszuwerden oder die Einsamkeit zu vertreiben. Oder um einfach mal zu reden. Die Telefonseelsorge sei das Puzzlestück, das in seinem Leben gefehlt habe, sagt er. Julian ist 23 Jahre alt, studiert an der RWTH, „etwas Technisches“, das an der Fakultät für Bauingenieurwesen angesiedelt ist, und wohnt in Aachen.

Eigentlich heißt er aber gar nicht Julian. Er möchte weder seinen richtigen Namen nennen noch sein Gesicht zeigen. Die Anonymität, sagt er, schütze auf der einen Seite ihn selbst, auf der anderen Seite falle es dem Gegenüber leichter, sich am Telefon zu öffnen, wenn der Seelsorger völlig unbekannt ist. Seine Familie und „eine Handvoll Freunde“ wissen, dass er in seiner Freizeit ehrenamtlich zuhört. Sonst niemand.

Schon im Teenageralter merkte Julian, dass er sich gern anderer annimmt, ihren Geschichten folgt. Da war er 15 oder 16. Dass es trotzdem noch einige Jahre gedauert hat, bis er sich schließlich bei der Telefonseelsorge angemeldet hat, liegt an einer ganz bestimmten Sorge: „Wie soll ich mit so wenig Lebenserfahrung die Probleme anderer lösen?“, hat er sich immer gefragt. Dann habe ihm der Mut gefehlt.

Nun, mit 23 Jahren, hat er es doch gewagt. Ein Jahr dauert die Ausbildung in der Gruppe, mit Rollenspielen, begleiteten Telefonaten, Methodiken, einmal wöchentlich. Und das Erste, das er bei den Schulungen gelernt hat, hat gleichzeitig seine größte Sorge relativiert. „Wir lösen keine Probleme, wir hören nur zu“, sagt er. „Darum geht es, nicht um Lebenserfahrung.“ Und darum, Gespräche führen und lenken zu können; dem Anrufer eine Hilfe zu sein, seinen Weg zu finden, nicht den eigenen überzustülpen. Und natürlich darum, andere Blickwinkel aufzuzeigen.

Dass er nach so vielen Jahren schließlich doch auf die Telefonseelsorge zuging, hatte einen konkreten Grund: ein Mitglied aus seinem Bekanntenkreis, das mit Suizidgedanken auf ihn zugekommen ist. Julian fühlte sich hilflos, doch er stellte schnell fest, dass jener Bekannte gar keine Erwartungen an ihn hatte. „Ihm war es nur wichtig, dass er es aussprechen kann.“

Die Telefonseelsorge ist ein Netz, das deutschlandweit gespannt ist. 1956 startete sie als ökumenisches Netzwerk in Berlin, heute gibt es mehr als 100 Telefonseelsorge-Stellen. Alle sind anonym, kostenlos und 24 Stunden erreichbar, 365 Tage im Jahr. Rund 80 ehrenamtliche Mitarbeiter sitzen in Aachen in verschiedenen Schichten an den Telefonen. Eine Nachtschicht dauert acht Stunden, tagsüber sind die Einheiten mindestens zwei Stunden lang — immer so, wie es für die Ehrenamtlichen passt.

Seit mehr als einem Jahrzehnt wird bei der Aachener Telefonseelsorge auch gechattet und gemailt. 2500 Mails gehen jährlich ein, sagt Frank Ertel, seit 1997 evangelischer Leiter der Telefonseelsorge Aachen-Eifel. Die Leute, die anrufen, seien eher über 40 Jahre alt, die Leute, die schreiben, meistens jünger. Täglich führen die Mitarbeiter rund 40 Gespräche, vor allem abends und nachts, wenn es kaum Ablenkung von den eigenen Problemen gibt. Im Schnitt dauern die Gespräche 22 Minuten. Aber eben im Schnitt: Von wenigen Minuten bis hin zu stundenlangen Unterhaltungen sei alles dabei, sagt Ertel. Zum Beispiel ein Anrufer, der täglich zur selben Zeit kurz bei der Seelsorge anrief. „Der hat sich abgemeldet, als er in den Urlaub gefahren ist, damit wir uns keine Sorgen machen“, sagt Ertel.

Solche positiveren Geschichten gebe es auch, und auch sonst liefen die Unterhaltungen nicht immer traurig ab. „Humor kann in bestimmten Situationen helfen“, sagt Ertel. Und trotzdem — nach dem Auflegen weiß man nicht, wie es mit dem Gegenüber weitergeht. „Wenn es hart auf hart kommt, hatten wir auch schon Mitarbeiter, die eine Zeit nach dem Gespräch die Traueranzeigen gelesen haben.“

Auch Julian hat schon eine bewegende Situation am Telefon miterlebt. Ein Mann, eine tiefe Krise, Lebensstützen, die fast gleichzeitig weggebrochen sind, Suizidgedanken. „Es war schwierig, einzuhaken und etwas zu finden, das ihm Hoffnung geben konnte“, sagt Julian. Und trotzdem sei ihm sofort klar gewesen: „Ich bin nicht verantwortlich für diesen Mann.“ Genau das, was Julian während der Schulungen vermittelt wird.

Einsamkeit sei ein großes Thema der Anrufer, vielleicht das größte — da sind sich Julian und Frank Ertel einig. Aber wie hält man das aus, ständig mit den Sorgen und der Hoffnungslosigkeit fremder Menschen konfrontiert zu sein? Hat er nicht selbst als junger Erwachsener genug Probleme? Julian lacht, erzählt von seinem Leben mit Studium, Freunden, Familie, das sehr erfüllt ist. Er ist zufrieden. Und: „Die Leute lassen ihren Ballast zwar bei mir, aber ich höre nur zu. Ich nehme den Ballast nicht auf.“ Es sei daher wichtig, mit sich absolut im Reinen zu sein und sich selbst gut reflektieren zu können, empathisch zu sein. „Halbherzig geht das nicht.“

Nicht nur in diesem Text wahrt Julian seine Anonymität. „Es ist nie ein Thema, wer da am Telefon sitzt, ich gebe nichts von mir preis.“ Trotzdem geht er so, wie er eben ist, ins Gespräch. „Es wäre auf Dauer ziemlich anstrengend, immer in eine Rolle zu schlüpfen.“ Noch ist Julian recht frisch dabei, aber er findet seinen Weg, sagt er - um für die, die ihn noch suchen, da sein zu können.

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