Aachen: Studenten im Jahr 2018: Was sagt euch 1968?

Aachen : Studenten im Jahr 2018: Was sagt euch 1968?

Was halten die Studenten heutzutage von studentischer Rebellion? Kann man die Belange von damals auch heute noch in den Universitäten spüren? Und wie hat sich die Diskussionskultur verändert?

Unsere Redaktionsmitglieder Laura Laermann und Nadine Tocay haben im Interview mit Julie Göths, Studentin der Politikwissenschaften, Arno Weiß, Student der Automatisierungstechnik, David Beumers, Bauingenieursstudent, und Henning Nießen, Student der Angewandten Geografie, über diese Fragen gesprochen.

Spielt die 68er Bewegung heute noch eine Rolle bei den Studenten?

Julie: Heute ist die Bewegung sehr weit weg aus dem Bewusstsein der Studenten. Und dennoch tragen sie ein Erbe: Es werden Aktionen von Studenten gegen die Hochschule erwartet, etwas Revolutionäres und eine „Wir sind dagegen“-Position. Die Bewegung wirkt nach. Ohne sie wären wir längst nicht so weit, vor allem bei der sexuellen Selbstbestimmung oder bei der Ehe für alle. Aber: Die 68er Bewegung war längst nicht die große Revolution, von der man heute spricht.

Arno: Der revolutionäre Duktus an Unis hat sich zum Glück in Luft aufgelöst.

Henning: In Aachen liegt das besonders an der unpolitischen Mentalität der Studenten, das ist die Wesensart der Techniker. Schon damals gab es ja den Spruch „Berlin brennt. Aachen pennt“. Die Bewegung spielt auch heute keine Rolle mehr. Selbst im Studentenparlament bezieht sich niemand mehr auf die 68er.

David: Ich würde nicht sagen, dass die Studenten in Aachen grundsätzlich kein Interesse an Politik haben. Sie interessieren sich eher für technische und innovative Themen, für Digitalisierung und Umweltschutz. Damals wie heute war die Uni so technisch ausgerichtet, dass sich die meisten Studenten nicht für Welt- und Gesellschaftspolitisches interessieren. Aber: Aachen hatte in NRW die höchste Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2017.

Hat die 68er Bewegung nachhaltig Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen?

David: Die Revolution hat damals viel verändert. Aber die ganzen Themen waren nicht neu, sie waren eine Reaktion auf den Nationalsozialismus, sie waren schon zur Zeit der Weimarer Republik Thema. Das alles hat sich als Revolution entladen. Es war ein antiautoritäres Aufbegehren der jungen Generation gegenüber der Älteren. Es war eine Bewegung weg von Hierarchien hin zu einer Bewegung von Studenten, die mitentscheiden wollen — weg von einem autoritären Top-Down-Ansatz. Davon ist viel übrig geblieben: Es geht nicht mehr nur nach Hierarchien, sondern vor allem nach Fähigkeiten des Einzelnen. Wir brauchen kein aufgesetztes System mehr, weil Demokratie mittlerweile funktioniert.

Arno: Damals hat das alles damit angefangen, dass Unis Keimzellen für politischen Protest waren. Es gab eine politische Sozialisierung der Studentenschaft. Die gibt es kaum noch, außerhalb der studentischen Funktionärskreisen interessiert Hochschulpolitik nur wenige. Und: Die Studenten, zum Beispiel in den Parlamenten, haben nicht den Einfluss wie früher. Damals resultierte das in der Gefahr, dass die Bundesrepublik an der an der revolutionären Stimmung zu Grunde hätte gehen können, durch Gruppen, die sich aus der Bewegung gebildet haben, wie die RAF.

Julie: Diese Gruppen haben die Inhalte für ihr terroristisches Motiv missbraucht. Aber man kann die 68er nicht mit der RAF gleichsetzen.

David: Die Bewegung schien für viele Menschen eine Gefahr zu sein. Das lag vor allem an der medialen Verzerrung. Es wurde überall gezeigt, dass es vor allem junge Leute waren, die Krawall machen. Aber wie real war diese Bedrohung für 80 Prozent der Gesellschaft? Es war ein Gefühl, keine wahre Bedrohung.

Wie hat sich die Diskussionskultur verändert?

Julie: Die Rahmenbedingungen für den politischen Einsatz und für Auseinandersetzungen miteinander sind heute nicht mehr da. Nach der Bologna-Reform müssen die Studenten gucken, dass sie schnell genug mit dem Studium fertig werden, und wie sie es finanzieren können. Viele Steine liegen im Weg und wenig Zeit bleibt über, um sich zu engagieren.

David: Was gut war an der Bewegung: Sie hat es geschafft, die Rolle des einzelnen Menschen, die er in der NS-Zeit gespielt hat, zu diskutieren. Danach gab es einen anderen Diskurs über den Nationalsozialismus als vorher. Das hält bis heute an.

Tragen Soziale Medien auch dazu bei? Hat sich das, was sich früher auf den Straßen abgespielt hat, heute ins Internet verlagert?

Henning: Früher wurde über die seriöse Presse Bericht erstattet. Heute kann jeder Nachrichten verbreiten. Zum einen belebt es die Diskussion, zum anderen basiert diese auch weniger auf Fakten, wenn nicht sogar auf Lügen.

Julie: Durch Soziale Medien entstehen Filterblasen. Dabei geraten einzelne Bruchstücke einer Diskussion in den Fokus, alles andere wird ausgeblendet. Dadurch treten einzelne Meinungen in den Vordergrund und dominieren die Debatte. Gefährlich, weil es die Realität verzerrt und am Ende über Fake News diskutiert wird. Ich denke, was Medienkompetenz betrifft, sind wir noch ganz am Anfang.

David: Ähnlich wie früher und doch anders schaffen heute wenige Personen über die Sozialen Netzwerke großes Aufsehen. Wir leben in Zeiten, die so politisierend sind wie lange nicht mehr. Ich denke, das ist ein positiver Effekt der Sozialen Medien. Aber sie haben auch partizipatorischen Effekt: Sie beziehen jeden mit in die Diskussion ein.

Brauchen wir mehr Diskussion?

Arno: Es ist wichtig, Themen zu diskutieren. Das wurde damals gemacht, und das war grundsätzlich gut, hat allerdings auch für Auswüchse gesorgt, dass Toleranz gegenüber Pädosexualität propagiert wurde, was natürlich nicht akzeptabel ist.

Henning: Ja definitiv. Die Studenten sind gefragt. Sie sollten wieder mehr Initiative ergreifen und sich an der 68er Bewegung ein Beispiel nehmen. Meiner Meinung nach sollte alles viel mehr ausdiskutiert werden. Wenn ein Thema aufkommt, sollte man es kritisch hinterfragen. Heute lassen sich die Studenten entdemokratisieren zum Beispiel durch die geplante Abschaffung der obligatorischen Studienbeiräte, in der 50 Prozent der Stimmen den Studierenden gehören.

David: Nein. Es gibt Themen, die diskutiert werden müssen. Aber manche Sachen sind so abwegig, die muss man einfach nicht diskutieren. Man sollte dort ansetzen, wo es Probleme gibt. Es ist auch wichtig, alte Krusten aufzubrechen, aber von dort muss es nicht immer zwanghaft weitergehen. Es muss sich nicht immer mehr verändern. Eine Revolution der Revolution wegen? Davon halte ich nichts.

Julie: Hinterfragen und Dinge nicht als gegeben hinnehmen: Das ist etwas, das wir von den 68ern lernen können. Wir sollten die Diskussion außerdem wieder mehr aufleben lassen.

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