Roxane Döring arbeitet in der "BreitSeite" in der Aachen

Arbeiten mit Langzeitarbeitslosen : „Du bist immer auf Empfang“

Die 27-jährige Roxane Döring ist Sozialarbeiterin im Second-Hand-Shop „BreitSeite“. Sie hilft, Langzeitarbeitslosen zu einem strukturierten Tagesablauf zurückzufinden. Zuhören können ist dabei ein wichtiger Punkt. Denn jeder Mensch bringt sein eigenes Schicksal mit.

Roxane Dörings Morgen war erstmal nicht so erfreulich. Auf dem Weg zur Arbeit fiel ihre Fahrradlampe auf den Boden und ging kaputt. Aber das blieb nicht lange so, denn kaum war sie angekommen, schnappte sich auch schon einer ihrer Teilnehmer sein Werkzeug und reparierte die Lampe – Morgen gerettet.

Solche kleinen Gesten sind für Roxane Döring immer wieder motivierend. Die 27-Jährige ist Sozialarbeiterin im Second-Hand-Shop „BreitSeite“ in der Aachener Innenstadt und kennt jede Ecke des verwinkelten Ladens des diakonischen Netzwerks Wabe. Seit drei Jahren arbeitet sie hier.

Zu beschreiben, was es hier alles auf etwa 260 Quadratmetern zu entdecken gibt, ist nicht leicht. Bücher stapeln sich neben Schallplatten, die in einer selbstgebastelten Box auf einem alten Schrank ausgestellt sind. In einem Regal steht selbst gemachter Weihnachtsschmuck, in der Kombüse kann sich jeder einen Kaffee holen. Auf Kleiderstangen reihen sich säuberlich sortierte Jacken, Pullis und Mäntel. Daneben gibt es eine Ecke für Kinderkleidung. Fast alles, was zu sehen ist, können Kunden auch kaufen.

Viele der Dinge sind von Roxanes Teilnehmern selbst gestaltet worden. Sie betreut in der „BreitSeite“ Langzeitarbeitslose und versucht, ihnen wieder zu einem strukturierteren Alltag zu verhelfen. Ursprünglich stammt sie aus der Nähe von Heimbach, kam aber für ihr Studium nach Aachen und dockte schließlich bei der Wabe an.

Wenn Menschen plötzlich wegbrechen

„Du bist immer auf Empfang“, sagt sie. Ämtergänger und Briefverkehr für ihre Teilnehmer oder ein beratendes Gespräch mit ihnen gehören zu ihrem Alltag.  „Keiner ist einfach arbeitslos. Jeder bringt sein eigenes Päckchen mit.“ Und die Geschichten der Menschen kennenzulernen und damit umzugehen, sei manchmal gar nicht so einfach.

Am schwersten seien Fälle, in denen „die Menschen plötzlich einfach wegbrechen“. Das heißt, Menschen, die nicht mehr zu den vereinbarten Terminen erscheinen und nie wieder etwas von sich hören lassen. Denn eine Frage bleibe dabei immer: „Was ist aus diesen Menschen geworden?“ Die Mitarbeit in der „BreitSeite“ erfolgen auf freiwilliger Basis, auch wenn die Maßnahmen solche des Jobcenters sind. Meist hilft das starke Gruppengefühl der Teilnehmer, sich zu motivieren und ihre Aufgaben zu erfüllen. Komme jemand nicht, werde er schon von den anderen gefragt, wo er gesteckt habe. In seltenen Fällen hilft aber auch der soziale Druck nicht.

Alte Fahrradteile müssen noch lange nicht weggeschmissen werden. Hier bastelte ein Teilnehmer daraus einen Kerzenständer. Foto: ZVA/Anna Katharina Küsters

Für jeden den richtigen Einsatzort

Da sind nicht nur der Austausch mit den Kollegen, sondern auch Momente wie der mit ihrer Fahrradlampe wichtig. Oder auch das gegenseitige Kennenlernen. „Ich bin ein Streifenhörnchen, ich liebe Streifen“, sagt Roxane und lacht. Ihre Teilnehmer wissen das mittlerweile. Einer, der neue Kleidung sortierte, brachte ihr deshalb neulich direkt die schönsten Streifenteile vorbei. Und auch Sport hilft, bei der Verarbeitung der beruflichen Erfahrungen. Mitte Oktober lief sie den Halbmarathon in Köln mit. „Ich muss an meine Grenzen gehen“, sagt sie. Mental wie sportlich.

Die Energie, die sie dafür aufbringt, steckt sie aber genauso auch in die Betreuung ihrer Teilnehmer. Damit sich jeder von ihnen bestmöglich entwickeln kann, ist Roxane gefragt. Sie schaut, in welchem Bereich der jeweilige Arbeitslose am besten eingesetzt werden kann.

Bei aufgeschlossenen Menschen kann das zum Beispiel die Beratung von Kunden sein, bei zurückhaltenderen passe dann die Arbeit im Kreativbereich oder in der Küche besser. Menschen, die nicht lesen könnten, wären beispielsweise im Buchprojekt falsch aufgehoben, könnten sich in anderen Bereichen aber sehr nützlich machen.

So flexibel das System wirkt, Roxane macht auch klar: „Immer Wunschkonzert geht natürlich auch nicht.“ Der Putzplan muss eingehalten werden, da gibt es keine Ausreden.

Vom Fahrrad zur Kleiderstange

Neben Sauberkeit spielen aber auch die vielen Details im Laden eine wichtige Rolle. Die Teilnehmer umkleideten zum Beispiel mit alten Zeitungen bis dato schlichte Stühle oder bastelten aus einem alten Fahrrad eine Kleiderstange. Werden diese Sachen dann gekauft, sei das für alle immer eine besondere Freude. „Diese Art von Wertschätzung ist super wichtig“, sagt Roxane.

Und geht es nach ihr, dann wird die „BreitSeite“ sich in Zukunft noch mehr auf das Re- und Upcycling von Gegenständen konzentrieren. Dass aus alten, nicht mehr gebrauchten Büchern Weihnachtsschmuck gebastelt wird, soll nur der Anfang sein.