Poledance beim Volontärskurs in Essen

Schreibübung beim Volontärskurs : Der Spaß an der Herausforderung

Beim Volontärskurs in Essen steht das Thema Reportage auf dem Programm. Für eine Schreibübung haben wir ein Poledance-Studio besucht und dort eine Schnupperstunde absolviert. Ein Erlebnisbericht aus der Ich-Perspektive bei einem für mich neuen Sport.

Wieso rutsche ich schon wieder an dieser blöden Stange ab? Ich atme tiefer ein und schüttele leicht den Kopf. Das mache ich immer, wenn ich unzufrieden bin. Der ein oder andere aus meiner Volontärsgruppe hängt bereits mit beiden Händen und Füßen an der vier Meter langen Stange. Fehlt mir die Griffkraft?

Der sportliche Ehrgeiz packt mich. Ich möchte nicht der Einzige sein, der das nicht hinbekommt. Ich hasse es, wenn ich beim Sport etwas nicht sofort hinkriege. Sei es eine Kraftübung im Fitnessstudio, ein Parcours beim Bouldern – oder jetzt eine Aufgabe beim Poledance. Ich erinnere mich an die Worte von Katharina Schreiner. „Die Hände müssen sich erst an die Stange gewöhnen“, hatte die Trainerin aus dem Tanzstudio VI-Dance in Essen zu Beginn unserer Schnupperstunde gesagt. Aber warum klappt das bei den anderen schon?

Katharina reicht allen mit feuchten Händen ein kleine Flasche. „The Ultimate Gripping Solution“ steht drauf. „Das ist wie die Kreide beim Bouldern für mehr Grifffestigkeit. Nur eben flüssig. Ein Tropfen in der Hand reicht“, rät sie mir. Ich reibe meine Handflächen gründlich mit der etwas zähflüssigen Creme ein und kehre voller Tatendrang an meine zu dem Zeitpunkt verhasste Stange zurück. „Dir zeige ich es“, denke ich mir.

Ein Erfolgserlebnis

Mit der rechten Hand greife ich so weit es geht nach oben. Die linke Hand lasse ich auf Brusthöhe. Mein rechtes Knie drückt von außen gegen die Stange, mein rechter Fuß von innen. Noch einmal tief Luft holen. Körperspannung. Meine Hände umklammern die Stange so fest es geht. Dann ziehe ich mich nach oben. Und tatsächlich: Ich hänge! Geht doch! Ich spüre, wie sich meine innere Anspannung löst. Meinen eigenen Anspruch, zumindest eine Übung bei dieser für mich neuen Sportart zu schaffen, habe ich erfüllt. Sofort fühle ich mich wohler und nehme auch wieder mehr von meinem Umfeld wahr.

Mein Blick wandert wieder zu Katharina. Seit zwei Jahren betreibt sie diesen Sport. Egal, ob sie klettert, eine Drehung vorführt, sich nur mit ihren Beinen an der Stange hält oder kopfüber daran hängt: Es sieht bei ihr immer so einfach aus! Ich bin fasziniert, was sie alles mit ihrem Körper machen kann. Und will mir selbst etwas beweisen, nachdem ich endlich an der Stange hängen kann. Schaffe ich es, mich bis an die Decke hochzuziehen?

Technik vergessen

Ich schaue nach oben. Vier Meter sind doch ganz schön hoch. Katharinas Technik habe ich bereits wieder vergessen. Egal, einen Schönheitspreis gewinne ich mit meiner Haltung an der Stange sowieso nicht. Stück für Stück ziehe ich mich mit meinen Armen nach oben. Das hier erinnert mich mehr ans Seilklettern beim Schulsport als an veführerisches Tanzen.

Meine Füße haben wenig Halt an der rutschig-kalten Stange. Für meine Arme und Hände heißt das: Mehrarbeit! Mein Bizeps brennt. Auf meinen Handflächen zeichnen sich bereits Rötungen ab. Ich atme schwerer, schwitze. Doch nach kurzer Zeit stoße ich mit meinem Kopf fast an die Decke. Ziel erreicht! Trotz großer Anstrengung habe ich es durchgezogen. Innerlich nicke ich mir selbst zu. Ich lächle. Da ist es wieder. Dieses unbezahlbare Glücksgefühl. Wie beim Joggen, wenn ich die letzten Meter geschafft habe.

Nach meiner spontanen Klettereinlage sagt unsere Trainerin zur Gruppe: „Lars kann doch jetzt auch mal versuchen, so wie ich kopfüber an der Stange zu hängen.“ Da habe ich mir mit meinem Eifer ja etwas eingebrockt. Doch jetzt habe ich etwas mehr Vertrauen in meinen Körper. Klar, so anmutig wie bei Katharina sieht es nicht aus. Und ohne ihre Hilfestellung geht es am Anfang auch nicht. Sie drückt mit ihren Händen meinen Rücken nach oben, als ich meinen Oberkörper nach hinten fallen lasse. Ich schaffe es. Das Blut schießt mir in den Kopf. Meine Beine schwingen kurz, bevor ich sie wieder voll kontrolliere und an die nicht mehr ganz so verhasste Stange bekomme. Ich schwinge zurück und probiere es gleich noch mal aus. Ich merke: Es macht mir immer mehr Spaß!

„Die nächste Übung ist speziell für Männer nicht ganz schmerzfrei“, sagt Katharina. Sie führt uns vor, wie sie sich nur mit überschlagenen Beinen an der Stange hält. Das sieht im Intimbereich alles sehr eng und gepresst aus. Egal, auch das möchte ich ausprobieren. Als ich die Übung nachmache, spüre ich tatsächlich einen Schmerz, den nur Männer nachvollziehen können. Es drückt zunächst, schmerzt dann und fühlt sich gequetscht an. In dem Moment fände ich es nicht schlecht, eine Frau zu sein. Ob ich jetzt noch Kinder zeugen kann? Zumindest kann ich eine Hand von der Stange nehmen, ohne runterzurutschen. Stabil ist diese Position nicht, die andere Hand bleibt vorsichtshalber an der Stange. Wie schafft Katharina das nur, so selbstverständlich auf der Stange zu sitzen?

Ein neuer Versuch

Die Schnupperstunde ist fast zu Ende. Doch ich will es noch mal wissen. Ohne Hilfestellung von Katharina versuche ich erneut, kopfüber an der Stange zu hängen. Ich umschließe sie mit meiner rechten Achsel und drücke mit meiner rechten Hüfte gegen die Stange. Wieder greife ich mit beiden Händen fest zu und lasse mich mit dem Oberkörper nach hinten fallen. Mein Blick geht an die Decke. Ich achte darauf, dass meine Beine dieses Mal schneller die Stange umfassen. Es klappt. Ich mache tatsächlich Fortschritte. Ich liebe diese Momente beim Sport, wenn ich merke: Das konntest du beim letzten Mal noch nicht. Vielleicht ist es auch genau das, was mich immer wieder antreibt, mich sportlich anzustrengen.

Als ich mich vollgeschwitzt umziehe, bin ich erstaunt, wie viel Ehrgeiz ich auch bei einem Sport entwickeln kann, mit dem ich mich vorher noch nie beschäftigt habe. Ich denke an meine Lieblingssportarten. Den Spaß an der Herausforderung. Und an die Momente, wenn ich völlig ausgepumpt, aber zufrieden mit mir selbst bin. Mir wird klar: Heute in vier Meter Höhe hat es sich auch so angefühlt. So blöd finde ich die Stange nun doch nicht mehr.

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