Oliver Prinz arbeitet in einem typischen Frauenberuf

Rollenbilder : Oliver Prinz arbeitet lieber auf Station statt am Computer

Pflegeberufe sind nach wie vor fest in der Hand von Frauen. Für kaum einen Beruf gilt das so sehr wie für die Medizinischen Fachangestellten – früher: Arzthelferinnen. Oliver Prinz aus Aachen ist daher ein echter Exot. Warum hat er diesen Beruf ergriffen und spielen Vorurteile überhaupt noch eine Rolle?

Es riecht nach Desinfektionsspray, leise Stimmen sind aus den Stationszimmern zu hören. Oliver Prinz (27) schiebt eines der neuen Betten über den Flur. Sie sind für die Dialyse-Patienten des KfH Kuratoriums für Dialyse und Nierentransplantation in Aachen. Normalerweise gehört das nicht zu Olivers Aufgaben, sagt Pflegedienstleitung Bertel Philippen. Azubi Oliver stimmt dem zu – aber was auf Station gemacht werden muss, muss gemacht werden.

Prinz und Philippen sind so etwas wie Exoten. Sie beiden arbeiten in einem Beruf, der bis heute als typischer Frauenberuf gilt: Philippen ist ausgebildeter Krankenpfleger, Prinz im dritten Ausbildungsjahr zum Medizinischen Fachangestellten (MFA) – früher hätte man Arzthelfer gesagt.

Männliche MFAs sind selten: Im Ausbildungsjahr 2018/2019 sind bei der Ärztekammer Nordrhein insgesamt 6330 Auszubildende zum MFA gemeldet. Davon sind 6164 weiblich und nur 166 männlich. In seiner Klasse am Paul-Julius-Reuter-Berufskolleg ist Oliver der einzige Mann. Mit Vorurteilen hat er an seinem Arbeitsplatz nicht zu kämpfen. Wenn er am Empfang der Arztpraxis sitzt, die sich ebenfalls in dem Gebäude des Dialyse-Zentrums an der Schurzelter Straße befindet, dann sind die meisten Patienten überrascht. „Später ist das dann aber selbstverständlich“, erklärt Oliver.

Wie exotisch ein Mann in einem Pflegeberuf tatsächlich ist, hängt einerseits vom genauen Berufsbild ab – Krankenpfleger sind häufiger als männliche MFAs – und andererseits vom Einsatzbereich. „Männer arbeiten eher in den Funktionsbereichen“, erklärt Philippen. Das sind zum Beispiel die OPs, die Intensivstationen oder die Dialyse. Bereiche, in denen es auch viel um Technik geht. In der Pflege sind Männer nach wie vor seltener. Laut eines Berichts des Landesministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales sind 80 Prozent der Kranken- und Gesundheitspfleger in Nordrhein-Westfalen waren 2016 weiblich.

Keine 40 Jahre am Rechner

MFAs sind nicht nur in Vorzimmern von Ärzten tätig. Zu Olivers täglichen Aufgaben auf der Dialyse-Station gehört das An- und Ablegen der Patienten, die Vor- und Nachbereitung der Zimmer sowie die Beobachtung und Betreuung der Patienten während der Dialyse. Hier sind Männer nicht so ungewöhnlich. „Manche Patienten wünschen sich sogar einen Mann als Pfleger“, erklärt Oliver. Doch natürlich gehört auch die Praxisorganisation zu seinen Aufgaben. Dann geht es eine Etage tiefer an den Empfang.

Der junge Mann ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich manchmal lohnt, länger Ausschau zu halten nach dem passenden Beruf. Der 27-Jährige begann nach seinem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Chemisch-Technischen Assistenten, erkannte allerdings nach zwei Monaten: „Chemie ist nicht mein Fall.“ Danach machte er eine Ausbildung zum Informationstechnischen Assistenten und nebenher sein Vollabitur. Nach dem Abschluss wollte er eine zusätzliche betriebliche Ausbildung machen und entschied sich für den IT-Systemelektroniker. „Aber dort habe ich, trotz meines Interesses für Informationstechnik, festgestellt, dass ich nicht 40 Jahre am Rechner sitzen wollte“, resümiert er. Also noch eine Neuorientierung. Etwas mit Menschen machen, oder zumindest mit Tieren wollte er. „Aber am Ende sind es doch die Menschen geworden“, schiebt Prinz lachend nach. Durch einen Zufall landete er auf der Seite des Dialyse-Zentrums. Die Arbeit konnte er sich vorstellen – dabei hatte er zuvor kaum Berührungspunkte mit Pflege- oder Medizinberufen. Auch unter der Dialyse konnte er sich nur grob etwas vorstellen.

Heute scheint er sich keinen besseren Beruf für sich vorstellen zu können. „Was ich besonders schön an meinem Job finde ist, dass ich helfen kann. Es ist so viel wert, wenn man sehen kann, dass es den Leuten besser geht“, erklärt er.

Was ihm auch gefällt, ist die enge Verbindung zum Patienten, besonders am KfH. Denn die Station gehört mit 32 Dialyseplätzen und etwa 100 Patienten zu den mittelgroßen, andere Dialysestationen kommen auf deutlich mehr Betten und Patienten. Die meisten Patienten müssen regelmäßig kommen – denn die Dialyse ist in vielen Fällen einen lebenslange Therapie. Es müssen alle an einem Strang ziehen, Pfleger, Ärzte und Patient, damit die Therapie erfolgreich ist.

Gute Zukunftsaussichten

Was man mitbringen muss, um in den Beruf einzusteigen? „Geduld“, meint Prinz sofort. Danach „Mathematikkenntnisse.“ Dem stimmt Philippen zu und ergänzt: „Für die Naturwissenschaften, Biologie, Physik, Chemie, sollten Interessierte ein grundlegendes Verständnis haben.“ Ähnlich wie auch in anderen Ausbildungsberufen gliedert sich die Ausbildung in Schul- und Betriebstage. Einen Tag geht Prinz Vollzeit zur Schule, einen Tag ist er halbtags in der Schule und halbtags im KfH, drei Tage arbeitet er Vollzeit auf der Station. Auch die Bezahlung liegt im Mittelfeld: 950 Euro erhält Oliver im dritten Lehrjahr. Ein Tischler bekommt im gleichen Ausbildungsjahrbis zu 760 Euro, ein Industriekaufmann 1020 Euro. Sein Einstiegsgehalt liegt, ohne Zuschläge, bei rund 2200 Euro brutto und damit über dem durchschnittlichen Einstiegsgehalt eines KFZ-Mechatronikers (1500 – 1900 Euro).

Viele junge Menschen nutzen Ausbildungsberufe wie zum MFA zur Überbrückung von Wartesemestern für das Medizinstudium. So war es auch bei einigen Klassenkameraden von Oliver. Ob er vor hat zu studieren? „Ich habe kurzzeitig darüber nachgedacht, aber mich dann dagegen entschieden“, erklärt er. Seine Zukunft sieht Prinz am Dialysezentrum. „Ich will so lange bleiben wie ich kann“, sagt er. Und die Chancen sind gut: seine Arbeitgeber haben ihm bereits eine Stelle in Aussicht gestellt. Aber jetzt heißt es erst einmal, sich auf die Abschlussprüfung zu konzentrieren.