Jugendtreff Knutschfleck in Aachen: Hier wird Vielfalt gelebt

Jugendtreff Knutschfleck : Ein Treff, in dem Vielfalt gelebt wird

Im Jugendtreff Knutschfleck sind alle Menschen willkommen, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. Die Angebote bieten ihnen einen geschützten Raum, der trotz einer vermeintlich offenen Gesellschaft häufig fehlt. Die Besucher sind in den vergangenen Jahren jünger geworden – vor allem, weil das Thema an vielen Schulen kaum behandelt wird.

Ein Freizeitangebot in einem geschützten Raum: Das ist der Jugendtreff Knutschfleck. An der Aachener Jakobstraße treffen sich Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans (LSBT) zwischen 14 und 27 Jahren. Die Besucher*innen kommen aus der gesamten Region, teilweise fahren sie von Jülich und Düren, Herzogenrath und Alsdorf nach Aachen. Der Grund: Der Treff ist hier der einzige seiner Art. Die nächsten findet man erst in Köln und Düsseldorf.

Dieses Alleinstellungsmerkmal lockt zweimal wöchentlich Jugendliche zu den Treffs. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 14 und 20 Jahren – Tendenz sinkend. „Früher waren es wirklich viele ältere Besucher*innen, mittlerweile kommen aber immer mehr Minderjährige“, erzählt Veronika Evers. Sie ist als pädagogische Fachkraft angestellt und organisiert die Treffen gemeinsam mit dem dreiköpfigen Vorstand. Aufgrund der Altersstruktur seien auch die Jugendangebote so wichtig. Zusätzlich zu den offenen Treffen gibt es gemeinsame Aktionen wie Klettern und Schlittschuhfahren.

Den Grund für die immer jüngeren Besucher*innen sieht Evers auch im digitalen Zeitalter. Die Jugendlichen könnten sich immer früher über Social Media und Youtube informieren, aber auch in der Familie gebe es häufig Vorbilder. „Es ist schon ein Umbruch zu spüren, dass sich immer mehr junge Leute mit ihrer Identität befassen“, berichtet sie. Aber: „In der Schule wird das gar nicht aufgefangen.“ Das bedeutet, dass häufig Beratungsangebote und Informationsmöglichkeiten schlichtweg fehlen. Deshalb kommen immer mehr junge Menschen zum Treff, da sie ein entsprechendes Angebot zur Beratung und zum Austausch suchen.

Einer der Besucher ist Felix (Name geändert). Der 14-Jährige ist schwul und erlebt die Probleme an der Schule tagtäglich. „In der Schule redet man nicht drüber. Bei manchen Leuten verstelle ich mich lieber“, erzählt er. Seine Freunde wissen aber alle davon, von ihnen habe es überhaupt keine negativen Reaktionen gegeben. Auch die Lehrer*innen seien relativ offen gewesen. Was Felix aber häufig als unangebracht wahrnimmt, ist die Sprache: „Teilweise wird das Wort ‚schwul’ als Schimpfwort benutzt.“

Schulbücher ändern und den Unterricht anpassen

Ein weiteres Hindernis zu einer wirklich vielfältigen Gesellschaft sieht er in den Schulbüchern, die zum großen Teil das Bild von heteronormativen Familien vermitteln. Lesbische oder schwule Paare kommen genauso wenig vor wie Bisexuelle oder Transgender. „Da hängt die Schule mit ihrer Bildung einfach hinterher“, sagt Svenja, Vorstandsmitglied beim Jugendtreff. Sie würde sich wünschen, dass das Thema im Unterricht mehr behandelt werden würde – und zwar nicht nur im Biologieunterricht.

„Das Thema kommt eigentlich in jedem Fach auf, aber es wird nirgendwo richtig aufgeklärt“, kritisiert sie. Einen möglichen Grund sieht Veronika Evers im Schulsystem, welches Lehrer*innen durch seine Struktur im Stich lässt. Gerade bei Diskriminierung müssten weitere Fachleute und  überarbeitete Bildungspläne her. „Die Fachkräfte sind selbst oft überfordert mit der Thematik, erst recht wenn das auch noch mit Mobbing einhergeht.“

Manchmal seien auch die Rollenbilder zu sehr verfestigt. Genau diese Erfahrung hat Tobias (Name geändert) sowohl an der Schule als auch bei der Suche nach einer Ausbildung gemacht. Er ist Trans: Biologisch wurde er als Mädchen geboren, fühlte sich aber schon von Anfang an als Junge und hat sich schließlich umoperieren lassen.

Sein Freundeskreis sei ziemlich entspannt gewesen und habe sich auch schnell an den neuen Namen gewöhnt. Die meisten Lehrer*innen am katholischen Internat haben es auch positiv aufgenommen. Es gab aber auch andere Beispiele: „Bei der Jobsuche habe ich am Anfang nur Absagen bekommen, als meine Namensänderung noch nicht durch war. Beim Arbeitsamt war es sogar noch schlimmer: Da wollte mich der Mitarbeiter nicht vermitteln. Ich musste erst ein pädagogisches Gutachten machen lassen, dass ich für eine Ausbildung überhaupt geeignet bin.“

Erfahrungen, die in der heutigen Zeit schockieren. Veronika Evers kann darüber auch nur den Kopf schütteln. Für sie beginnen offene Gesellschaft und Vielfalt aber nicht erst im Schul- und Arbeitsalltag. Sie fangen bei eigentlich simplen Dingen wie Freizeit- und Sportangeboten an. „Warum sollte es nur Fußball für Jungs und Yoga für Mädchen geben? Oft ist es noch ein Riesenthema, wenn jemand einen anderen Kurs belegen möchte“, weiß Evers.

Großeltern reagieren positiv auf Outing und Hochzeit

Dass es aber auch anders geht, zeigt das Beispiel von Lars (Name geändert). Der 20-Jährige hatte vor etwa einem Jahr sein Coming-Out. Freunde und Verwandte haben durchweg positiv reagiert. Sogar seine Oma: „Mein Stiefopa hatte mich vorher immer gefragt, wann ich denn endlich mal eine Freundin habe. Das war mir unangenehm, deshalb habe ich mich bei meiner Oma geoutet, die das sehr gut aufgenommen hat. Dann war ich sehr erleichtert und hatte ein besonders gutes Gefühl.“ Sein Stiefopa weiß bis heute allerdings nichts von seiner Sexualität. Felix berichtet von einer ähnlichen, positiven Situation: Als sein Cousin einen Mann geheiratet hat, war es sein Opa, der ihn in der Familie willkommen geheißen hat.

Geschichten wie diese lassen hoffen, dass in Zukunft noch offener und unbefangener mit den Themen Sexualität und Geschlecht umgegangen wird. „Das Spektrum, was wahrgenommen und benannt wird, hat sich sehr erweitert“, erklärt Evers. Das sei gut, da so die Sichtbarkeit erhöht wird. Es bringe aber auch Herausforderungen für Pädagog*innen mit sich – und für jeden einzelnen selbst. Denn: „Man muss sich auch selbst immer wieder ermahnen, offen zu bleiben, auch wenn es gewisse Schubladen gibt.“

Im Treff werden alle so akzeptiert, wie sie sind. „Man findet hier Unterstützung, es ist ein Schutzraum“, erzählt Svenja, die selbst vor ihrer Vorstandsarbeit als Besucherin an die Jakobstraße gekommen ist. In den kommenden Monaten wollen sie Knutschfleck vor allem an den Schulen noch bekannter machen. Viele wüssten gar nicht, dass es diesen geschützten Raum gibt.

Das langfristige Ziel und der Wunsch sei allerdings, dass das gelebte Selbstverständnis von Vielfalt zu allen Treffs in der Gesellschaft dazugehört. Doch bis dahin ist noch einiges an Arbeit zu tun. Das weiß Veronika Evers sehr gut: „Eine offene Gesellschaft ist etwas, was nicht selbstverständlich gegeben ist. Dafür muss jeder kämpfen und sich einsetzen.“

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