Region: Insekten als Nahrung: Ein Start-up in der Grauzone

Region: Insekten als Nahrung: Ein Start-up in der Grauzone

Viele von uns haben es bereits in ihrer frühen Kindheit das erste Mal gehört: „Schleimig, jedoch vitaminreich“, priesen schon Timon und Pumba die Vorteile von Krabbel-und Kriechtieren in Disneys „König der Löwen“ an. Dennoch sträuben wir uns davor, uns Tiere mit Fühlern, Augen und Beinen oder glitschige Würmer und Maden in den Mund zu stecken.

Aber wird uns bald vielleicht nichts anderes übrig bleiben? Prognosen der Vereinten Nationen (UN) zufolge wird die Weltbevölkerung bis 2100 auf elf Milliarden Menschen wachsen, bereits heute sind laut Welthungerhilfe mehr als 800 Millionen Menschen unterernährt. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der UN hat bereits 2013 in ihrer viel beachteten Veröffentlichung „Edible insects“ Insekten zum „next big thing“ im Kampf gegen den Welthunger erklärt.

Timo Bäcker (l.) und Christopher Zeppenfeld, Gründer des Start-ups Swarm Protein, mit Daniela Geiger, zuständig für Ernährungsfragen Foto: Swarm Protein

Bei uns findet man sie bislang allerdings nur als exotische Probierhappen auf Street-Food-Märkten und in hippen Cafés. Einer, der seit Jahren versucht, den Deutschen die neue Produktgruppe näherzubringen, ist der Berliner „Insektenkoch“ Frank Ochmann. Als Delikatessen bietet er auf Street Food Märkten und mitunter im eigenen Restaurant kleine Krabbeltier-Portionen an. An seinem Stand auf dem Aachener Street Festival gab es unter anderem Mehlwürmer oder Schwarzkäferlarven zu probieren — erstere schmecken nach Erdnusschips, letztere erinnern an Fritten mit Bergkäsenote im Abgang. Die Leute zum Probieren anregen, Insekten als Nahrungsmittel ins Gespräch bringen und ihre Verbreitung vorantreiben, das bezweckt Ochmann mit seinem Angebot.

Von der Grille wächst der Bizeps

Abseits des exotischen Probier-Erlebnis sind die meisten aber noch nicht für die Konfrontation mit ganzen Insekten bereit, meint Timo Bäcker: zu viele Fühler, Augen und Beine. Was vielleicht gerade noch gehen könnte: zu feinem Mehl zermahlene Insekten als eine unter vielen Zutaten — so, dass man es nicht schmeckt. Bäcker hat gemeinsam mit Christopher Zeppenfeld das Start-up „Swarm Protein“ gegründet. Die Kölner Firma produziert Proteinriegel in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Das enthaltene Eiweiß stammt aus Grillenmehl — etwa 80 bis 100 Grillen landen in einem einzigen Riegel. „Die Trockenmasse, die wir aus den Grillen mahlen, hat einen Proteingehalt von über 70 Prozent, außerdem haben Grillen ein komplettes Aminosäureprofil und enthalten viele Nährstoffe und Mikronährstoffe“, erläutert Bäcker. Inhalte, die auf dem Markt für Sportlernahrung zählen. Kritiker geben zu Bedenken, dass sich ein Teil des Eiweißes im unverdaulichen Chitin-Panzer befindet (siehe Interview auf dieser Seite).

Insekten fallen unter die Novel-Food-Verordnung der EU. Der zufolge müssen Nahrungsmittel, die vor dem Stichtag 15. Mai 1997 nicht im europäischen Umlauf waren, erst ein Bewertungs- und Zulassungsverfahren durchlaufen. Aktuell gilt das für den Verkauf von Insektenteilen, ab 2018 greift die Regelung auch für Insekten als Ganzes.

Noch in der Grauzone

Wer Insekten dennoch zum Verzehr anbieten will, bewegt sich in einer Grauzone: Insektenkoch Ochmann zum Beispiel kann — in Absprache mit dem Veterinäramt und bei strikter Trennung von anderen Lebensmitteln — Insekten auf Street-Food-Märkten oder im eigenen Restaurant anbieten, solange er sie nicht als Nahrungsmittel deklariert. In der Schweiz ist man schon weiter: seit August vertreibt eine Supermarktkette Insektenburger und „Fleischbällchen“ — Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmer dürfen dort seit diesem Jahr zum Verzehr verkauft werden.

Die Riegel von „Swarm Protein“ fallen aktuell nicht unter die Novel-Food-Verordnung, nach der Neuerung zum Jahreswechsel aber schon. Für den Verkauf brauchen die Kölner aktuell noch keine spezielle Genehmigung, jedoch das „go“ des zuständigen Veterinäramts. Über das Crowdfunding sind inwischen rund 55.000 Euro sind durch Vorbestellung der Riegel in Geschmacksrichtungen wie „Red Berry“ oder „Chia Hazelnut“ zusammengekommen. Im November beginnt die Produktion.

Die eigene Toleranz haben Bäcker und Zeppenfeld in Südostasien geschult, wo sie auf die Grillenfarmen in Thailand stießen, von denen sie nun ihr Material beziehen. Warmes Klima begünstigt das Wachsen und Gedeihen der Insekten. Neben dem hohen Anteil an Eiweiß produziert der Insektenkörper viele ungesättigte Fettsäuren, Ballaststoffe und Mikronährstoffe wie Zink, Eisen, Kupfer, Magnesium und Selen.

Die Riegel mit Grillenzusatz sind laut Bäcker vergleichbar mit anderen aktuellen Proteinriegeln, dabei aber nachhaltiger. Der FAO zufolge ist der Unterschied zur traditionellen Viehzucht bei der Zucht im großen Stil gravierend: Insekten verwerten Futter vier Mal effizienter als Rinder. Zudem produzieren sie weniger Treibhausgase als andere Nutztiere. Für die Tierfutterproduktion können Insekten unter anderem auf Bio-Abfällen oder Kompost kultiviert werden. Gezüchtet werden kann mit relativ günstiger Ausstattung und unter Aufwendung von weniger Wasser und Land als bei anderen Nutztieren.

Trotz aller Vorzüge: Bis Insekten auf unserem alltäglichen Speiseplan Einzug erhalten, muss nicht nur die Rechtslage angepasst, sondern wir alle auch ein bisschen mehr wie Timon und Pumba werden den Ekel abgelegen.