Gilt heute noch „Ladies first“?

Was heute noch gilt : „Ladies first“?

„Damen zuerst“ – ist das in der Zeit von Emanzipation und Gleichberechtigung noch aktuell? Hält ein Mann einer Frau heute noch die Tür auf? Es sind Fragen, die uns ständig im Alltag begegnen – und hinter denen existenzielle Fragen über unsere Gesellschaft stehen.

Muss man zur heutigen Zeit tatsächlich noch darüber reden, ob die Benimmregel „Ladies first“ aktuell oder veraltet ist? Man muss, denn die Frage ist alles andere als geklärt. Bei vielen Menschen herrscht Verunsicherung. Klar ist: Die Zeiten haben sich geändert. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau hat sich – wenn auch noch längst nicht in allen – zumindest doch in vielen Bereichen durchgesetzt. Damit verändern sich auch die Umgangsformen. Nur wie? Man braucht sich gar nicht in hochphilsophische Bereiche zu begeben, um dieser Frage zu begegnen. Es reicht ein scheinbar nebensächliches Beispiel aus dem Alltag: Ein Mann hält einer Frau die Tür auf und lässt ihr den Vortritt – ist das das höfliche Verhalten eines wohlerzogenen Gentleman oder ein sexistisches Macho-Gehabe? Ist das Türaufhalten etwa schon zu einem Statement für oder gegen Emanzipation geworden? Anderes Beispiel: Ein starker Mann trägt am Bahnhof einer Frau den Koffer die Stufen aufs Gleis hoch, dem schwachen gleichaltrigen Mann neben ihr hilft er mit dem schweren Koffer aber nicht – Sexismus oder normales Verhalten? Alles Fragen, die nicht so einfach zu beantworten sind.

Bei einer kurzen Umfrage auf der Straße unter jungen Leuten stellt sich heraus, dass dort nicht die eine feste Antwort zu finden ist. Für manche gehört der Grundsatz „Ladies first“ zu einem respektvollen Umgang mit dazu. Andere sehen das nicht als Einbahnstraße und unterscheiden nicht zwischen Mann und Frau. Vor allem scheint es oft situationsabhängig zu sein, ob „Ladies first“ gilt.

Was sagt der Knigge?

Wann immer es um Verhaltensfragen geht, sucht man meist zuerst Rat beim Standardwerk: beim Knigge. Die Aachener Kommunikationstrainerin Kirstin Kluck ist im Vorstand der Deutschen Knigge-Gesellschaft und kennt sich mit der heutigen Etikette aus. Sie sagt: Eigentlich sei „Ladies first“ mittlerweile veraltet und nicht mehr gültig. „Im Business ist es grundsätzlich so: Höherer Rang hat immer den Vorrang und nicht mehr ‚Ladies first’. Erst der Rang, dann das Alter, dann das Geschlecht.“ Aber das bedeute nicht, dass man diese Regel überhaupt nicht mehr anwenden dürfe. Natürlich könne man noch Frauen die Tür aufhalten, wenn man möchte, und viele Frauen würden sich darüber auch freuen. Ob es von der anderen Person positiv oder negativ aufgefasst wird, liege immer im Auge des Betrachters. „Knigge-Regeln geben einen ganz guten Rahmen, um zu überlegen, wie komme ich mit den Menschen gut durch den Tag und habe selbst eine gute Zeit“, sagt Kluck. „Der Gedanke hinter Knigge-Regeln ist: Was kann ich tun, damit der andere sich gutfühlt, damit er sich angenommen fühlt?“ Daher dürfe man generell noch nach dem Grundsatz „Ladies first“ leben, man müsse es aber nicht mehr.

Woher stammt eigentlich diese Regel? „Dies hat damit zu tun, dass es früher in bürgerlichen und adeligen Gesellschaftsschichten Kleiderordnungen gab, die Frauen unglaublich behindert haben“, erklärt Uta C. Schmidt, Historikerin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW. „Wenn man die Röcke rafft, kann man nicht gleichzeitig die Tür aufmachen.“

Galt jemals „Ladies first“?

Der Gentleman-Trainer Dirk Pfister weist darauf hin, dass es nach der klassischen Etikette nicht in jeder Situation „Ladies first“ heißt. Dazu nennt er mehrere Beispiele. Erstens: Wenn die Tür in die andere Richtung aufgeht, geht klassischerweise der Mann zuerst vor und hält der Dame die Tür auf. Zweitens: Bei einer Begrüßung, in der man den Herrn gegenüber kennt, die Dame aber nicht, begrüßt man zuerst den Mann und wartet darauf, dass man der Frau vorgestellt wird. So nötigt man die Frau nicht zu einem Handschlag. Und drittens: Im Restaurant zieht der Mann beim Gehen zuerst den Mantel an, bevor er der Dame in den Ihren hilft, damit die Frau im warmen Restaurant nicht ins Schwitzen kommt. In diesen Situationen gilt also klassischerweise: Gentleman first, Ladies second. Doch ein solches Benehmen wird laut Pfister natürlich nur als positiv befunden, wenn die Regeln bekannt sind – was heute nicht mehr der Fall sei.

Doch die moderne Zeit unterscheidet sich von der klassischen. „In großen Konzernen, die amerikanisch dominiert sind, gilt heute ‚Gender Mainstreaming’, was bedeutet, dass man ohne Betrachtung des Geschlechts miteinander umgeht. Dort ist es nicht so gerne gesehen, wenn Frauen anders behandelt werden als Männer“, sagt Pfister. Diese Regel widerspreche eindeutig „Ladies first“. Wendet man sie aber nicht mehr an und die andere Person kennt diese Regeländerung nicht, kann man sie vor den Kopf stoßen. Daher sei Folgendes wichtig: „Wollen Sie das machen, was dem anderen gefällt, dann müssen Sie rausfinden, ist er klassisch oder ist er modern“, sagt Pfister. Und dann sei auch das eigene Befinden wichtig: „Sehe ich das selber auch so oder will ich nicht lieber meinem Herzen folgen.“ Aus seiner Erfahrung könne Pfister aber sagen, dass „sich mit 75-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Frau darüber freuen wird, wenn Sie ihr die Tür aufhalten.“

Veraltetes Geschlechterbild

Der Kölner Politikwissenschaftler und Autor Thomas Gesterkamp hält dieses Verhalten hingegen für völlig antiquiert. In Büchern wie „Die Krise der Kerle“ forscht er schon lange zum Thema männliche Identität und Männerpolitik. Das Motto „Ladies first“ „beruht ja eigentlich auf der Geschlechterhirarchie, darauf, dass Männer erheblich mehr Geld verdienen als Frauen, dass Männer stärker sind als Frauen. Frauen sind dann die hilflosen Wesen, denen man die Tür aufmachen muss“, sagt Gesterkamp. Diese Sicht sei veraltet.

Es gebe Studien, laut denen glaubten viele Männer, sie müssten die Frauen auf Händen tragen, erzählt Gesterkamp. „Die materielle, die gesellschaftspolitische Grundlage, die das mal hatte, hat sich eigentlich aufgelöst. Männer sind nicht mehr die Ernährer der Frauen. Es gibt Frauen, die verdienen mehr Geld als Männer. Warum sollten Männer dann beispielsweise das Essen bezahlen?“, sagt er.

Doch auch er gibt Frauen bei einer Begrüßung in der Gruppe zuerst die Hand. „Ich glaube, ich habe es eintrainiert, deshalb mache ich es wohl. Das passt aber eigentlich gar nicht mehr in die heutige Zeit.“

Wie also hat man sich heute zu verhalten? Für Historikerin Schmidt ist die Verhaltensfrage ein individuelles Problem, auf das man keine grundsätzliche Antwort geben kann. Dass die Frage immer wieder neu diskutiert wird, sei auch ein Zeichen für die Unsicherheit, die heute über die Rollen von Mann und Frau herrsche. „Geschlechterordnungen werden permanent neu verhandelt. Ein Ausdruck dieses Verhandelns ist eben, dass man immer wieder saisonal die Frage stellt, hat ‚Ladies first’ eigentlich noch eine Bedeutung“, sagt Schmidt.

Jeder scheint die Frage also für sich selbst abklären und bei der jeweiligen Situation abschätzen zu müssen. Wie tickt die andere Person? Was denke ich? Und was ist in der Situation sinnvoll? Denn dass Frauen aufgrund ihrer Kleidung Hilfe brauchen, kann schließlich auch heute noch vorkommen: „Wenn ich in High Heels und engem Kleid irgendwo hingehe, dann muss man mir ja auch helfen, weil ich mich gar nicht bewegen kann“, sagt Schmidt.

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