Aachen: Exkursion in den Oman: Zwei Wochen Wüste statt Hörsaal

Aachen : Exkursion in den Oman: Zwei Wochen Wüste statt Hörsaal

Wenn Jörn Bittner (24) und Matthias Leschinski (22) an ihre Reise in den Oman denken, lässt das ihr Geowissenschaftler-Herz höher schlagen. Und das nicht etwa wegen der Kultur, der warmen Temperaturen oder der Wüste. Es sind die im Fachjargon genannten „Aufschlüsse“, die sie besonders faszinieren.

Aufschlüsse, das seien Stellen auf der Erde, an denen man uraltes Gestein unverdeckt sehen und erforschen kann, erklären die beiden RWTH-Studenten. In dem Sultanat Oman ist das so gut möglich, weil dort ein arides, also ein trockenes, warmes Klima vorherrscht. Es gibt kaum Niederschläge und wenig Bewuchs und deshalb sind Gestein und andere Naturphänomene dort so gut zu erkennen. „Das Land ist quasi eine Schatzkiste für uns Geowissenschaftler“, sagt Matthias.

Man könne dort Dinge sehen, die es sonst fast nirgendwo auf der Welt zu sehen gebe. Zum Beispiel eine Stelle, an der Erdkruste und Erdmantel aufeinandertreffen. „Die Mutter aller Aufschlüsse“ werde das genannt. „Der Oman ist unser natürliches Feldlabor“, sagt auch Peter Kukla, Professor am Geologischen Institut der RWTH Aachen (siehe Kurzinterview rechts). Kukla ist einer der Leiter der Exkursion in den Wüstenstaat, die heute beginnt.

Mit dem Flieger geht es zunächst nach Abu Dhabi, von dort aus weiter nach Muscat, der Hauptstadt des Oman. Dann heißt es für die rund 20 Studenten, die teilnehmen: zwei Wochen lang Wüste anstatt Hörsaal. In der ersten Nacht dürfen sie noch im Hotel schlafen, danach geht es mit Gepäck und Geländewagen ins Land, geschlafen wird von da an in der Wüste — auf Isomatten im Zelt oder auf Feldbetten unter freiem Himmel.

Ein Stück Abenteuer ist das bestimmt. Abgeschieden vom Rest der Welt sei man im Oman aber quasi nie, versichert Kukla. Nicht einmal nachts mitten in der Wüste. Selbst für Strom und Internetzugang ist gesorgt; die Gruppe wird ein Stromaggregat dabei haben. Auf Smartphone und Kamera muss also nicht verzichtet werden. Abenteuer 2.0 sozusagen.

Zwei Einheimische werden die Gruppe die gesamte Reise über begleiten und täglich Essen und Getränke besorgen, damit abends gekocht werden kann. Müsste sich die Gruppe selbst darum kümmern, würde zu viel Zeit dafür draufgehen, erklärt Kukla. Den Supermarkt an der nächsten Ecke gibt es in der Wüste eben nicht.

Für Matthias war es eine Überraschung, dass der Oman in vielen Bereichen so fortschrittlich ist. „Ich dachte vorher, das Land wäre noch sehr rückständig“, erzählt er. „Tatsächlich ist es aber hochmodern!“ Die Infrastruktur sei gut, es gebe beispielsweise sechsspurige Autobahnen. Auch Peter Kukla, der schon viele Male in dem Land gewesen ist und dort unter anderem die German University of Technology mit aufgebaut hat, kann das bestätigen. Die Struktur des Landes sei gut durchdacht, man erreiche beispielsweise von jedem Ort des Landes in relativ kurzer Zeit ein Krankenhaus. Auch Schulen seien gut über das Land verteilt.

So modern das Land in vielen Bereichen auch ist, im Report von Amnesty International für das Jahr 2016 heißt es, die Behörden im Oman würden das Recht auf freie Meinungsäußerung nach wie vor einschränken und Frauen seien vor dem Gesetz und im täglichen Leben benachteiligt. Auch die Todesstrafe sei in Kraft geblieben.

Als Forschungsreise ist die Exkursion nicht zu verstehen. Es gehe eher darum, dass die Studenten etwas lernen und sich weiterbilden, erklärt Kukla. Ein gutes Grundwissen werde trotzdem vorausgesetzt, deshalb können auch nur Studenten teilnehmen, die sich bereits im Master befinden. Angeboten wurde die Reise für Studenten der (Wirtschafts-)Geographie und der Geowissenschaften.

Organisiert wird sie vom Geoverbund ABC/J — dem Zusammenschluss geographischer und geowissenschaftlicher Institute von RWTH Aachen, Universität Bonn, Universität zu Köln und dem Forschungszentrum Jülich. Jeder Teilnehmer erhält zwar einen Zuschuss vom Geoverbund, der größere Teil muss jedoch aus eigener Tasche finanziert werden.

Das Besondere an der Exkursion: Sie ist interdisziplinär ausgerichtet. Es geht nicht nur darum, Böden und Gestein zu betrachten, sondern darum, ein ganzheitliches Bild vom Land zu bekommen. Auch typisch geographische Themen wie Bevölkerungsstruktur und Wirtschaftsfaktoren sollen betrachtet werden. Das ist es auch, was für Jörn und für Matthias den besonderen Reiz ausmacht.

Die Exkursion vom Geoverbund ABC/J findet zum zweiten Mal statt. Schon im vergangenen Jahr gab es eine ähnliche Reise. Wer die einzelnen Ziele der Gruppe verfolgen möchte, kann das im Netz tun. Auf den Kanälen des Geoverbunds auf Facebook und Twitter wird über die zwei Wochen hinweg regelmäßig von den Erlebnissen berichtet.

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