Eine angehende Polizistin berichtet vom Polizeistudium

Eine junge Frau auf dem Weg zur Polizistin : Zurückhaltend, aber tough und stark

Sie ist eher schüchtern und introvertiert, aber alles andere als schwach. Das beweist sie täglich: Sandra Eherer ist Polizeikommissaranwärterin. Beleidigungen und Respektlosigkeit gehören für Polizisten zum Alltag. Wie wird man darauf vorbereitet?

Sandra Eherer ist eigentlich ein ruhiger und introvertierter Mensch. Aber sie kann auch anders: Wenn sie beispielsweise einen kräftigen Mann aus dem Auto zerren muss. Die 22-jährige Aachenerin ist Polizeikommissaranwärterin. Die beschriebene Situation ist Teil einer der Übungen ihres Studiums. Es ist schwer vorstellbar, wie Eherer als eher kleine Person einen riesigen Mann aus dem Wagen zieht. Aber sie sieht das nüchtern: „Es kommt nicht auf die Größe an, es kommt auf den richtigen Ansatz vom Hebel an. Gerade, wenn jemand im Auto sitzt, bist du ja größer als er. Dann hat er nicht so großen Handlungsspielraum.“ Seit drei Jahren studiert Eherer an der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz. Im September ist ihre Abschlussprüfung.

Eherer ist zwar sportlicher Statur, doch nicht gerade groß und breit. Dass sie aber keineswegs schwach ist, merkt man schon an ihrem aufrechten und forschen Gang. Und wenn sie anfängt zu sprechen, kann man sich ganz sicher sein, dass man es mit einer toughen Person zu tun hat. Ob sie auch mit Konfliktsituationen klar komme? „Ich bin konfliktfähig, auf jeden Fall!“, sagt Eherer. Und so, wie sie es sagt, wagt man auch nicht, daran zu zweifeln!

Beleidigungen und kein Respekt

In einer Zeit, in der Polizeibeamte immer wieder von zunehmender Respektlosigkeit der Bürger berichten und die Zahlen der Gewalttaten gegen die Polizei jährlich steigen, scheint der Polizeiberuf schwieriger und unberechenbarer zu werden. Ob Eherer sich angesichts dieser Entwicklung Sorgen mache? „Meine Familie vielleicht eher“, antwortet sie.

Mit der Respektlosigkeit mancher Menschen kam Eherer früh in Kontakt – bei ihrem ersten Praktikum vor zwei Jahren. „Am Anfang war ich einfach nur fassungslos, was 13- und 14-Jährige schon zu dir sagen und was sie teilweise von der Polizei halten“, sagt sie, „Du musst dir eine Schutzhülle zulegen, an der das einfach abprallt.“ Mittlerweile habe sie sich schon etwas daran gewöhnt, aber ihre Schutzhülle sei noch in Arbeit, sagt sie. Es dauere wohl auch noch einige Zeit, sie komplett aufzubauen.

Keine Probleme als Frau

Aufgrund ihres Geschlechts wurde Eherer allerdings noch nie angegriffen. „Probleme, weil ich eine Frau bin, hatte ich tatsächlich noch nie!“, erzählt die Polizistin in spe. Das sei ihr erst letztens nochmal klargeworden, als sie mit Kollegen bei einer Personenkontrolle von mehreren Jugendlichen beschimpft wurde. „Da sind die Beleidigungen in alle Richtungen geflogen. Da warst du nicht das Ziel als Frau. Das Ziel war die Polizei“, erzählt sie. Generell sei jungen Leuten ihrer Erfahrung nach egal, ob eine Polizeibeamtin oder ein Polizeibeamter vor ihnen steht. Eher einige ältere Leute, die noch altmodische Vorstellungen haben, würden verwundert fragen, was sie denn bei der Polizei mache. Doch es gebe andererseits auch viele, die ihr Bewunderung aussprächen.

Sandra Eherer ist eher introvertiert, kann aber auch anders. Das muss sie als Polizeianwärterin auch können. Aufgrund ihres Geschlechts ist sie zwar noch nie verbal angegriffen worden, schon aber wegen ihres Alters. Foto: ZVA/Benjamin Wirtz/Benjamin Wirtz

Mehr Probleme als mit dem Geschlecht hatte Eherer mit ihrem Alter. Dadurch, dass sie im G8-Schulsystem Abitur machte, schloss sie mit 18 Jahren die Schule ab. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr begann sie direkt ihr Polizeistudium – eine Entscheidung, die Eherer heute kritisch sieht: „Ich dachte immer: Du musst direkt zur Polizei gehen, sonst bist du viel zu alt. Und als ich ankam, waren viele Kollegen älter als ich. Sie hatten schon studiert oder eine Ausbildung abgeschlossen, standen also schon ganz anders im Leben als ich.“ Bei ihrem ersten Praktikum war ihr Alter dann auch direkt Thema bei einem Einsatz: „Ich hatte einmal eine Situation, in der jemand zu mir meinte, ob ich denn schon alt genug wäre und ob ich das eigentlich dürfte“, erzählt die heute 22-Jährige, „danach habe ich darüber nachgedacht, ob es nicht klüger gewesen wäre, wenn ich noch ein Jahr ins Ausland gegangen wäre.“

Nur die Leistung zählt

Unter den Kollegen ist weder ihr Alter noch die Tatsache, dass sie eine Frau ist, ein Thema. Falls man unter den Polizeistudenten überwiegend Machos vermutet, die eine junge Frau herablassend behandeln, irrt man sich. Eherer kennt solche Kollegen zumindest nicht. „Eigentlich ist die Meinung der Kollegen, dass Frauen eine Bereicherung sind, weil zum Beispiel die Durchsuchung einer Person gleichgeschlechtlich sein muss. Es gibt manchmal auch Situationen, bei denen Kollegen sagen, da hat eine Frau eher den Draht zu.“ Mehr als Alter oder Geschlecht zähle die Leistungsbereitschaft und die Motivation: „Das wichtige ist eher, dass du am Anfang zeigst, dass du was kannst. Wenn du aber zeigst, dass du ein verschrecktes Häschen bist und dich nicht in die erste Reihe stellst, dann brauchst du auch nicht erwarten, dass dich irgendwer ernst nimmt.“

Den Wunsch, Polizistin zu werden, hatte Eherer schon früh entwickelt. Sie suchte einen Beruf, in dem sie nicht den ganzen Tag im Büro sitzt, sondern draußen ist, Menschen hilft und im Team arbeitet. Nachdem sie in der 9. Klasse ein Schülerpraktikum bei der Aachener Polizei gemacht hatte, war ihr Berufswunsch klar.

Polizeistudium auf dem Campus

Seit 2016 ist sie nun Polizeistudentin – nicht Polizeischülerin wohlgemerkt. Der Weg zur Polizistin führt nämlich in vielen Bundesländern, wie etwa Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, nicht über eine Ausbildung, sondern über ein Bachelor-Studium, inklusive Bachelorarbeit. Wer sich also vorstellt, die Polizeianwärter robben – wie aus Film und Fernsehen bekannt – den ganzen Tag nur durch Schlamm und klettern an Gerüsten hoch, liegt falsch. Theorie ist ein großer Teil des Studiums, das aus 375 Tagen Theorie und 300 Tagen Praxis besteht. Die Studierenden leben fast wie in einem Internat. Mit den anderen Polizeianwärtern wohnt Eherer auf einem Campus. Dort hat sie Lehrveranstaltungseinheiten und an anderen Standorten auch immer wieder Praxisübungen. „Wir kriegen jede Woche einen Stundenplan mit den verschiedenen Fächern“, erzählt Eherer.

Dabei gibt es unter anderem die beiden Hauptfächer Eingriffsrecht und Strafrecht. Bei ersterem geht es laut Eherer darum, was man als Polizist für Maßnahmen treffen darf. Bei letzterem lernt man die Tatbestände aus dem Strafgesetzbuch kennen. „Du musst wissen, ob das jetzt ein Diebstahl war oder ein besonders schwerer Diebstahl oder ein Raub.“ Diese zwei Fächer ziehen sich durchs ganze Studium. Hinzu kommen weitere Fächer wie Einsatzlehre, bei dem man taktische Maßnahmen erlernt, Staats- und Verfassungsrecht, Englisch oder Ethik. „Wir haben auch Kriminalistik, wozu Kriminaltechnik gehört. Da haben wir Übungen, wie wir Fingerabdrücke nehmen“, erzählt Eherer.

Intensive Praxisübungen

Denn auch die Praxis ist ein wichtiger Teil des Studiums. In verschiedenen Trainings erlernen die Polizeianwärter beispielsweise, wie man eine Vernehmung führt. Außerdem gibt es mehrere Praktika bei Dienststellen vor Ort. Zu Beginn des Studiums liegt die
praxisintensivste Zeit: Ein halbes Jahr wird an einem Standort der Bereitschaftspolizei Kampf, Verteidigung und Schießen geübt. Dort lernen die Polizeistudierenden auch, mit Einsatzmitteln – also mit Schlagstock, Pfefferspray und der Schusswaffe – umzugehen. Auch Situationstraining ist wichtiger Teil der Praxis: Dabei wird man in eine Situation geworfen, in der man nicht weiß, was passiert.

Es klingt oft so, als hätte Eherer die ganzen Hürden der Polizeiarbeit ohne Schwierigkeiten genommen. Doch dem ist nicht so, wie sie versichert. Vor allem zu Beginn habe sie Schwierigkeiten bei einigen Situationen gehabt. „Du merkst, auch wenn du die Theorie kannst und Situationstrainings hattest: Jede Situation ist anders. Und dann stehst du im Praktikum wieder vor einer Situation, in der du denkst: ‚Okay, ich hab keine Ahnung, was ich hier mache’.“ Vor allem im ersten Praktikum, das man nach etwas mehr als einem Jahr Studium absolviert, erging es ihr so. Doch irgendwann lerne man sich selbst besser kennen und worauf man sich konzentrieren müsse, meint sie.

Richtig an ihre Grenzen kam sie aber in einem Praktikum bei der Kriminalpolizei, bei der sie Vergewaltigungsfälle bearbeiten und Kinderpornographie sichten musste. Dies hat sie auch nach Feierabend nicht losgelassen. Dagegen erscheine ihr die Arbeit auf der Straße leicht, auch wenn es dort zu gewalttätigen Handgreiflichkeiten kommen kann.

Traumberuf trotz Frustration

Sandra Eherer ist sich auf jeden Fall sicher, die richtige Berufswahl getroffen zu haben. Das merkt man ihr an, wenn sie von ihrem Job erzählt. Sie hat sehr viel Freude an ihrer Arbeit – auch in frustrierenden Momenten. „Es ist ja nicht so, dass du jeden bekommst, der was gemacht hat“, sagt sie. Das wurde ihr bei einem Praktikum bei der Kripo besonders deutlich: Dort bearbeitete sie nur Betrugsfälle, doch kein einziger Täter konnte überführt werden. Das gehöre eben auch zum Beruf mit dazu, diese Frustration aushalten zu können.

Dennoch ist sie von der Polizei begeistert. „Es ist ein Beruf, bei dem jeden Tag etwas anderes passiert. Dass du morgens aufstehst und zum Dienst gehst und nicht weißt, was kommt. Und das sollte man lieben.“ Dass Sandra Eherer ihren Job liebt, daran lässt sie keinen Zweifel.