Die "Jupiters Jülich" sind ein echtes Quidditch-Team

Von Hogwarts nach Jülich : Ein echtes Quidditch-Team will durchstarten

Ganz anders als gedacht: die Sportart Quidditch

Die Begriffe „Quaffel“, „Bludger“ und „Besen“ kennt man aus dem Harry-Potter-Universum. Inzwischen sind sie aber auch Fachbegriffe einer echten Sportart. Ein Qudditch-Team aus der Region möchte in dieser Saison in der Liga mitmischen.

Es ist ein nasskalter Herbstabend auf einem Jülicher Rasenplatz. Statt Fußballtoren stehen an beiden Enden des Feldes drei Ringe, ein großer und zwei kleine. Ein Team in türkiesen Trikots mit einem Greifvogel als Logo trainiert den Angriff. Ein schnelles Passspiel, der Gegner wird umlaufen und schon segelt ein Volleyball trotz großem Engagement der Verteidiger durch den mittleren Ring. Es folgt kurzer Jubel und die Spieler laufen zurück auf die Ausgangsposition. Aber was wird hier eigentlich gespielt?

Die jungen Sportler auf dem Feld sind Mitglieder der „Jupiters Jülich“ und ihr Sport ist Quidditch. Aber ist das nicht die fiktive magische Sportart, die Zauberschüler Harry Potter spielt? Die Antwort ist: ja und nein. Das Spiel mit dem schwer zu buchstabierenden Namen ist eine Erfindung der Autorin J. K. Rowling. In ihrem Harry-Potter-Universum ist Quidditch zumindest in Sachen Popularität das Zauberer-Äquivalent zu unserem Fußball. Gespielt wird auf fliegenden Besen und es gibt ein paar ganz schön absurde Regeln.

Die „Jupiters“ aber spielen reales Quidditch. Ganz wie im Buch ist die Sportart nicht, aber das grundlegende Spielprinzip ist gleich. Erfunden wurde das ganze 2005 in den USA von zwei Studenten. Von da breitete sich die Sportart schnell aus. Inzwischen gibt es sogar eine offizielle Weltmeisterschaft, organisiert von der „International Quidditch Association“, 2016 war Deutschland sogar Gastgeber. Im gesamten Bundesgebiet gibt es über 50 Teams und verschiedene Ligen. In der Nordrhein-Westfalen-Liga nahmen in der letzten Saison acht Mannschaften teil.

Für 2019/2020 will hier auch das Jülicher Team mitmischen. Seit Anfang 2018 gibt es die „Jupiters“, die sich als Teil des Hochschulsports der FH Aachen am Standort Jülich gegründet haben. Inzwischen hat der Fußballverein SV Jülich 1912 das Team aufgenommen. Auf dem Rasenplatz des Vereins trainiert die Mannschaft zwei Mal in der Woche und das bei Wind und Wetter. Denn Quidditch ist nichts für zart Besaitete. Der Vollkontaktsport ist eine Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball. Und nein, bestätigen die Spieler mit einem Augenrollen, geflogen wird natürlich nicht.

Ein Besen, der „Broom“, gehört aber trotzdem zur Grundausstattung. Diese bunte Stange wird zwischen den Beinen getragen und darf nicht losgelassen werden. Das erschwert nicht nur das Laufen, sondern schränkt auch die Verfügbarkeit der Hände ein: Eine muss schließlich den Besen halten.

So sieht es aus, wenn ein „Seeker“ (rechts) auf der Jagt nach dem sogenannten „Schnatz“ (an der Hose des linken Spielers befestigt) ist. Foto: Kim Statzner

Wenn die „Jupiters“ auf ihre Besen steigen, sieht das zugegebenermaßen erst mal ein wenig seltsam aus. Aber schon nach wenigen Minuten Aufwärmtraining wird klar, wie komplex und anstrengend der Sport ist. Zur Ausrüstung gehören neben dem Besen nämlich auch ein Gebissschutz und je nach Bedarf diverse Schoner. Denn ähnlich wie beim Rugby können sich die Spieler gegenseitig takeln.

So körperbetont Quidditch ist, so streng sind aber auch die Regeln. Fair Play wird großgeschrieben. „Quidditch ist ein Vollkontaktsport“, betont Annika Loevenich. „Trotzdem ist die Community großartig. Was auf dem Platz passiert, bleibt auf dem Platz.“ Diese Fair-Play-Regeln gehen sogar so weit, dass man im Quidditch eine Art gelbe Karte bekommen kann, wenn man auf dem Platz flucht.

Für ein Qudditch-Spiel braucht man dieses Zubehör: Insgesamt sechs unterschiedliche hohe Torringe, einen „Quaffel“ (links), drei „Bludger“ (rechts) und pro Spieler einen „Besen“. Foto: Kim Statzner

Die 26-Jährige ist seit eineinhalb Jahren bei den „Jupiters“. Mit dem Harry-Potter-Universum hatte sie eigentlich nicht viele Berührungspunkte – die Studentin kommt vom Handball – aber der Sport hat sie sofort überzeugt. Viele ihrer Teammitglieder, berichtet sie, seien nicht über eine Begeisterung für Harry Potter zu den „Jupiters“ gekommen. Oft gäbe es Vorurteile: Ob man denn mit Umhängen spiele oder fliegen könnte, würde gerne schon einmal gefragt. „Jeder sollte sich von dem Sport selbst ein Bild machen“, empfiehlt sie.

Ihre Mannschaftskollegin Nina Kreutz, die erst seit diesem Sommer bei den „Jupiters“ mitspielt, hat der Sport sofort gepackt. „Am Anfang hat man überhaupt keinen Durchblick“, berichtet die 21-Jährige von ihrem ersten Training. „Aber wenn man mittendrin ist, macht es viel Spaß.“ Sie kam als Harry-Potter-Fan zum Quidditch, motiviert von ihrer Cousine, die bei einem Kölner Team spielt. Geblieben sei sie auch wegen des großen Teambewusstseins im Quidditch und dem modernen Ansatz, dass der Sport, ganz wie beim fiktiven Vorbild, unabhängig vom Geschlecht gemeinsam ausgeübt wird. Im Wettkampf gilt: Nie mehr als vier der sieben Spieler dürfen dasselbe Geschlecht haben. Das schließt aber nicht nur Männer und Freuen sondern auch Ungeschlechtliche ein. Die „Jupiters“ haben im Moment eigentlich zu viele Männer. Das bedeutet für die Frauen im Wettkampf vor allen Dingen, dass sie wegen der Quote oft durchspielen müssen und nicht ausgewechselt werden können. Das sei im Quidditch aber sehr anstrengend, denn das Spiel endet erst, wenn der so genannte „Schnatz“ gefangen wird.

Aber Moment: Wie Harry Potter-Kenner wissen, ist das ein kleiner geflügelter Ball, der von selbst davon fliegt und nur sehr schwer zu fangen ist. Das geht beim realen Quidditch selbstverständlich nicht. Die Rolle des „Schnatzes“ übernimmt stattdessen eine Person. Ein Unparteiischer im gelben Outfit wird ab der 18. Spielminute auf das Feld geschickt. An seinem Hosenbund befindet sich ein Tennisball, den versuchen die zwei „Seeker“ zu fangen. Auch das sieht auf den ersten Blick wieder ein wenig ulkig aus. Aber wie eigentlich alles beim realen Quidditch ist auch die Jagd nach dem Schnatz eine sportliche Herausforderung – und das sogar für den Unparteiischen.

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